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Kontakt mit einer Parallelwelt

Eine Gruppe von 15 Afrikanerinnen und Afrikanern, die mit großen Augen durch die Konferenzräume laufen, angeführt von einer Person, der wirklich nur noch der gelbe Regenschirm fehlt… um eine Reisegruppe zu bilden. Die Reiseleiterin bin ich. Die zweite Verhandlungswoche hat begonnen und unsere afrikanischen Partner erleben ihren ersten Tag auf der COP.

Die "Reisegruppe" vor dem Konferenzgelände in Durban.

Die „Reisegruppe“ vor dem Konferenzgelände in Durban.

„Tout le monde est là“ – „Die ganze Welt ist hier“, erzählt mir Ibrahim aus dem Senegal mit einem Lachen im Gesicht. Elisabeth aus Kamerun macht große Augen: Ob sie auch wirklich „die heiligen Hallen“ betreten werden darf? Ja, darf sie: Wir betreten gemeinsam das Gelände des International Convention Center. Der Name ist nicht so symbolisch wie der Moon Palace, wo die letzten Verhandlungen in Mexiko stattfanden (siehe Blogeintrag vom 9.12.2010 „Cancun: Die ganze Welt versammelt auf dem Mond“). Jedoch genauso weit weg vom irdischen Leben. Zumindest für unsere Partner. Als wir vorbeilaufen an Infoständen, Seminarräumen, Fernsehteams, Delegierten, Unternehmern und Nichtregierungsorganisationen eröffnet sich für sie eine neue Welt.

Zunächst sah es so aus, als ob nicht alle mitkommen dürften: Ibrahim hatte geschludert bei seiner Registrierung. Eigentlich hatte er keine Chance mehr, zur Konferenz zugelassen zu werden. Aber kurze Zeit später wird er Mitglied der Regierungsdelegation von Mali. Man kennt sich. Und da die afrikanischen Delegationen viel zu klein sind, um alle Themen abzudecken, sind sie froh um die Verstärkung durch Nichtregierungsorganisationen. Eine andere Welt: So leicht ist plötzlich der Zugang zur Regierung geworden!

Rollenspiel: Die Verhandlungen kennenlernen

Rollenspiel: Die Verhandlungen kennenlernen

Kurze Zeit später stehen wir  – zunächst ohne Ibrahim – mittendrin im leeren Plenarsaal; gerade finden geschlossene Verhandlungen in Kleingruppen statt und der Saal ist leer. Das Plenum ist fast immer offen für Nichtregierungs-organisationen mit gelber Markierung auf ihrem Namensschild mit Foto und Barcode, das hier jedem um den Hals baumelt. Allerdings gibt es auch viele Meetings hinter geschlossenen Türen, zu denen Ibrahim dank seines Missgeschicks als Mitglied einer offiziellen Delegation bereits kurze Zeit später Zugang hat. Er trägt pink um den Hals.

Auf Bildschirmen werden die verschiedenen Verhandlungsrunden, informelle Gespräche, Strategiesitzungen und „Side Events“, Veranstaltungen außerhalb des Programms, angezeigt. Ich stehe mal wieder mit meinem unsichtbaren gelben Regenschirm vor der Gruppe und erläutere, was diese einzelnen Treffen beinhalten. „So viele Treffen zur gleichen Zeit? Meine Regierung ist nur mit wenigen Leuten da. Die können gar nicht überall mitreden“, wundert sich dann auch Elisabeth aus Kamerun. Das Programm des Verhandlungstags gibt es täglich auch gedruckt am Dokumentationscenter, wo auch immer die aktuellen Verhandlungstexte zu bekommen sind. Bernadette beklagt, dass zu wenig Material auf Französisch zur Verfügung steht: „Kann es sein, dass wir es hier sehr schwer haben?“ fragen sich nun viele und schauen sich um. Einen Moment scheinen sie ganz klein in dieser Welt von Diplomaten.

Dieser Eindruck ändert sich jedoch ganz schnell: Seit Dienstag sind auch die meisten hochrangigen Politiker hier. Unser Umweltminister Röttgen zum Beispiel. Forsch stellen Ibrahim und andere sich vor, wenn Sie „ihre Leute“ treffen. So fern von ihren eigenen Ländern fällt die Kontaktaufnahme leicht. Herr Minister, ich arbeite für…, mein Interesse ist…, können wir uns unterhalten? Oder sie fragen verwundert, laut und kritisch nach, wenn sie in den Rahmenveranstaltungen von Projekten in ihren Ländern hören. Sind diese wirklich so toll wie angepriesen? Wo soll das sein? Warum kenne man diese dann nicht? Werden die Bauern wirklich einbezogen oder wird über ihre Köpfe entschieden?

Auch setzen sie sich vor die Büros ihrer Delegationen und warten auf Möglichkeiten zum Gespräch. Diese Büros wurden in die Tiefgarage gesetzt – Kein Witz! Mit Stellwänden wurden Büros errichtet. Die Akustik ist grausam. Sitzungen finden mit Kopfhörern und Mikro statt, auch wenn nur 5 Personen im Raum sind. Die Luft ist schlecht, Tageslicht nicht vorhanden. Immerhin sind wenigsten hier alle gleich.

Es wäre doch ohnehin besser, „alle dorthin zu schicken, wo der Klimawandel sichtbar wird. Statt Sonne und Strand sollte die nächste Konferenz im Sahel stattfinden“ meint Draman aus dem Niger. „Ich weiss nun, dass die Emissionen nur noch bis 2020 wachsen dürfen und dann massiv sinken müssen. Manche wollen aber erst dann ein internationales Klimaschutzabkommen umsetzen. Daran merkt man doch, dass all die Verhandler hier einfach nicht wissen, wie sehr der Klimawandel schon heute Leben gefährdet. Leben die auf einem anderen Planeten?“

So langsam wird den Partnern deutlich, warum es uns wichtig war, die Brücke zu schlagen zwischen Projektebene und internationalen Verhandlungen. Während ich mich angesichts der immer weiter zunehmenden Komplexität der Verhandlungen immer kleiner fühle, werden unsere Partner immer grösser: Sie werden hier gebraucht.

Voller Tatendrang treffe ich später im Hotel Gibson aus Zimbabwe an. Ich frage, was seine Pläne für den Abend seien und ob er uns zum Essen begleiten möchte. Seine Antwort: „Anika, ich habe soooo einen Stapel voller Texte mitgebracht. Die will ich heute abend alle lesen“.

Mehr Infos zur MISEREOR-Arbeit zum Thema Klimawandel

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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