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Kennedy Road

Zum Glück bin ich nicht alleine in Südafrika. Eva Hörle begleitet mich. Während am Freitag das Ringen um einen Kompromiss richtig losging, nutzte sie die Möglichkeit für einen Besuch der Organisation Abahlali baseMjondole (The South African Shack Dwellers Movement). Der erste Kontakt mit Menschen in einem „Elendsviertel“ – oder politisch korrekt  gesprochen: einer informellen Siedlung. Hier beschreibt sie das andere Durban – nur einige Kilometer des Konferenzgebäudes entfernt.

Das andere Gesicht Durbans: Die Kennedy Road.

Das andere Gesicht Durbans: Die Kennedy Road.

Heute konnte ich ein anderes Gesicht Südafrikas kennenlernen. 20 Minuten Autofahrt vom Meer, wo Touristen entlang der blitzblanken Strandpromenade spazieren und den Sommer genießen. Wo es ein Kinderparadies von bunten Karussellen und Schwimmbädern gibt und wo die Klima-Leute mit ihren blauen Halsbändchen in ihren Hotels ein und ausgehen. 20 Minuten Autofahrt entfernt, glaubt man in einer anderen Welt zu sein: Im Stadtteil Kennedy Road.
Ich stehe plötzlich in einer Welt voller Müll, Gestank, Armut.  Abgeschieden und abgehängt vom Rest der Stadt. Dem „Rest“ ist gut. Insgesamt leben in Durban 3 Millionen Einwohnern – 800.000 von ihnen in solchen informellen Siedlungen. Hier kann man die Marginalisierung dieser ‚shack dwellers‘ regelrecht spüren, riechen, sehen.
Wir stehen oben auf dem Hügel, und unter uns erstreckt sich ein Meer von Plastikplanen. Wellblechhütten.  Dicht an dicht.  Kaum Platz zwischen den einzelnen Hütten. Das einzige, was mittendrin Raum schafft ist ein Riesenhaufen Müll.

Mit Besi unterwegs

Nun stehen wir da. Besi, die seit 1999 in dieser Hüttensiedlung lebt, dachte, wir würden nun wieder fahren. „Können wir runter?“ Sie schaut mich verblüfft an. „Wie? Du willst da jetzt rein?“ „Ja.“ „Ja, aber da gibt es keine Wege und es ist nicht so einfach da runter zu kommen“. Egal. Es ging los. Besi vorneweg, mit ihren Winterstiefeln. Es sei kalt – das verrückte Wetter momentan verstehe auch sie nicht so genau.

Wir bahnen uns einen Weg durch die Siedlung.

Wir bahnen uns einen Weg durch die Siedlung.

Wir hinterher, all die matschigen Abhänge, die vom Regen teils heftigst weggespült wurden „Pass auf wo du hintritts“ – Bretter mit herausragenden Nägeln lagen vor mir.

Wir suchten uns den Weg durch den Wellblechdschungel, ich hätte niemals einen Weg identifizieren können, geschweige denn hätte ich den Weg wieder herausgefunden.

Überall schallte Musik aus den einzelnen Hütten. Ich dachte es gäbe keinen Strom, aber den zapft man sich ab. Die

Kinder kamen aus ihren Hütten und schauten uns verdutzt an. Kamera? Und schon fingen sie an zu posen. Lebensfreude – mehr als zuvor in Durban erlebt – genau hier – im Elend. Besis Tochter lachte, als ich ihr meine Kamera gab.

Die Fragezeichen „Wie funktioniert das nun bloß?“ standen ihr in die Augen geschrieben. Dass Menschen auf dem Land Kameras nicht kennen, und die Kinder total darauf abfahren, okay. Aber hier in Durban? In dem Durban, was ich bisher gesehen habe?

„How many people are staying here?“ Besi schaut mich an. Schaut komisch drein und sagt nur: „Many“ „Yes, but how many?“ „Many.“ Ok, also „many“.

Feuer, Starkregen – die Hüttenbewohner sind ausgeliefert

Immer wieder müssen Hütten von Neuem aufgebaut werden wenn etwas in Flammen aufgeht. Brennt eine Hütte, brennen Minuten später gleich zehn, zwanzig… weil Hütte an Hütte stehen, und ein Lauffeuer innerhalb kurzer Zeit das Zuhause von „many“ zerstören kann.

Weiter geht’s: unterspülte Hütten, abgetragene Hänge. Es steht außer Frage, dass die Bewohner der Hüttensiedlungen Unwettern in direkter Weise ausgeliefert sind: Starkniederschläge fluten ihr Häuser, spülen riesige Erdmassen weg und setzen sie in Bewegung. Besonders die Shack Dwellers nehmen wahr, dass diese Ereignisse immer häufiger werden.

Durch erhöhte Temperaturen steigt zudem das Risiko von bakteriellen Krankheiten – gerade hier – so nah am Müll.

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Film „Global aber gerecht“: Hier sind auch die Auswirkungen des Klimawandels in Südafrika zu sehen.
Kennedy Road - nur einige Kilometer entfernt vom Konferenzgelände.

Kennedy Road – nur einige Kilometer entfernt vom Konferenzgelände.

Weiter. STOP: Müllhaufen! Ende des Wegs, sofern man von Weg sprechen kann. Nun standen wir plötzlich da vor dem Riesenmüllhaufen, den ich bereits vom Hügel aus gesehen hatte. Mit dem kleinen Unterschied, dass er mir jetzt fünfmal riesiger vorkam als vorhin. Ja. „Was passiert damit?“ „Bleibt da. Manchmal verbrennen wir was.“ Der Müll ist aber nicht nur auf diesen Bergen anzufinden. Nein. Er ist überall. Teils von den heftigen Regengüssen der letzten Woche wurde die Erde mit samt dem Müll herunter gespült. Ich hatte das Gefühl, überall kleine Bäche aus Müll vorzufinden. Wir hatten Glück. Heute war ein „kalter Tag“ (nicht für mich, aber für die Südafrikaner), und es stieg mir nur ab und zu eine Wolke des Gestanks in die Nase. Ich will nicht wissen, wie es bei 25°C aufwärts riechen muss.

Erst auf den zweiten Blick erschließt sich mir aber auch: Vorgärten, Hangschutz mit Reifen, saubere Wege hier und da, ‚Tapeten‘ aus bunten Tetrapaks… Ja, es geht aufwärts. Ja, die Menschen setzen sich ein. Lachen, Musik. Hier ist Leben, nicht nur Elend…

Klimawandel – davon gehört haben die Meisten

Von einem Verständnis der Klimawandelthematik sind die shack dwellers jedoch noch weit entfernt, so Sbu Zikode, der Leiter von Abhahlali baseMjondole. Klimawandel: davon gehört haben die meisten Bewohner, ja schon. Doch viele würden den erlebten Wandel des Wetters als Gott gegeben sehen.

Abahlali baseMjondolo fordert, dass man die Sprache des Klimawandels verständlich macht, für diejenigen, die direkt betroffen sind und weiterhin am meisten darunter leiden.

Kurzfristig haben sie ganz andere Probleme mit der COP. Nicht der Klimawandel bringt neue Krankheiten sondern die Klimakonferenz selbst. Kaum seien die Delegierten aus aller Welt „eingefallen“ geht ein Grippevirus rum: die „COP17-flu“.

Zurück im Auto auf dem Weg zur Beachpromenade frage ich mich: Ist es richtig, seine Zeit in politische Arbeit für die Zukunft zu investieren, wenn gleichzeitig so akute Armut herrscht, die nach Handeln schreit? Kann es richtig sein, dass Durban Geld für WM und Klimakonferenz hat? Kann es sein, dass ich mich besser mit Konkretem beschäftigen sollte?? Die Partner selbst geben die Antwort in ihrer Pressemeldung zu

Mehr Infos zur MISEREOR-Arbeit zum Thema Klimawandel

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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