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Afrikabilder in unseren Köpfen

„Du weißt, dass du dir nicht vorstellen kannst, wie es in Afrika ist, also stellst du es dir erst gar nicht vor. Und dann bist du da unten und es ist ganz anders, als du es dir nicht vorgestellt hast“.

Hubert von Goisern über Afrika

Landschaft im Süden Tansanias

Landschaft im Süden Tansanias

Ich sitze in meinem Zimmer, der Ventilator brummt mir um die Ohren und ich höre die Kinder, die laut schreiend aus der Schule heimkommen. Da springt mir dieses eine Zitat in meinem Reiseführer in die Augen, diese einen Worte von Hubert von Goisern, über die ich mir schon in Deutschland den Kopf zerbrochen habe. Und nun begreife ich, dass ich wohl erst 7000km weit fliegen musste, dass ich wohl erst einen kleinen Kulturschock gebraucht habe, um „es“ zu verstehen.

Erwartungen und Vorstellungen

Natürlich macht man sich vorher Gedanken darüber, wie es denn so sein wird, da unten, im fernen Tansania. Man will ja nicht unvorbereitet starten, sondern am besten schon alles wissen über die Einheimischen und deren Traditionen, über die Politik und die Gesellschaft, um möglichste jedes Fettnäpfchen zu vermeiden. Und insgeheim freut man sich schon darauf, endlich einzutauchen  in den bunten Kontinent, der, wenn nicht gerade von neuen Hungerkatastrophen und politischen Aufständen, oftmals in den Medien als so lebensfroh und lebendig beschrieben wird.

Aber gleichzeitig bekommt man im Vorbereitungsseminar immer wieder gesagt, wie wichtig es auch ist, sich davon zu lösen, von den Afrikabildern in unseren Köpfen. Von den Vorstellungen romantischer Lagerfeuer in den goldbraunen Savannen oder von dem Wunsch, die nächste „Weiße Massai“ zu werden. Und auch ich habe versucht, mit so wenigen Vorstellungen wie möglich anzukommen, um erwartungsfrei alles Neue auf mich einwirken zu lassen. Schließlich wollte ich mich nicht von dem, was ich man in Deutschland so alles zu hören bekam, beeinflussen lassen. Da war ich mir auch noch sicher, dass das klappen wird.

Und die Realität?

Typisch afrikanische Mama?

Typisch afrikanische Mama?

Jetzt merke ich, dass es „ganz anders ist, als ich es mir nicht vorgestellt habe“. Naja, vielleicht nicht unbedingt „es“, aber zumindest doch schon ganz vieles. Wer hätte denn gedacht, dass das Handy hier Statussymbol Nummer 1 ist? Noch wichtiger als Kleidung und als das Auto sowieso? Und dass sogar die Schwestern diesem Kult längst hemmungslos verfallen sind? Ich jedenfalls nicht, und manchmal starren mich die Menschen im Bus an, als würde ich mit meinem mittlerweile vier Jahre alten Samsung Aufklapphandy von einem weit entfernten Planeten stammen, auf dem noch Schwarz-Weiß- Filme und Dauerwelle in Mode sind.

Da drehe ich mich doch lieber zur Seite, lasse mein Handy schnell in meiner Tasche verschwinden … und erwische ich mich dabei, wie ich heimlich aus dem Fenster in eine kleine, versteckte Seitengasse reinspicke, um endlich mal einen typischen Massai zu sehen. Einen echten, mit ganz viel buntem Schmuck, Hirtenstab in der Hand und rotem Tuch über der Schulter, denn ich will ja auch ein tolles Erinnerungsfoto schießen und noch meinen Enkeln von meinem Afrika-Abenteuer erzählen können.  Und genau in diesen Momenten merke ich dann: Da sind sie wieder, die Afrikabilder in meinem Kopf, die sich heimlich, still und leise dort eingenistet haben und wahrscheinlich auch nicht so schnell verschwinden werden. Die immer wieder zum Vorschein kommen, ob man will oder nicht: Wenn die Frauen ihre Einkäufe auf dem Kopf balancieren, wenn Bettlern auf der Straße einem die Hände flehend entgegenstrecken oder wenn man im Einkaufszentrum bewaffnetem Sicherheitspersonal begegnet.

Afrikabilder akzeptieren – Ein langsamer, aber wichtiger Prozess

Mir wird immer mehr bewusst, dass sie wohl einfach dazugehören, die Vorstellungen und Erwartungen. Dass in meinem Kopf die typischen Bilder vorhanden sind, die wohl alle nach Afrika Reisenden haben. Da ist es dann auch egal, ob man Tourist, Manager oder Freiwillige ist, geprägt sind wir alle von dem, was uns Fernsehen, Zeitung und Co. erzählen.

Das ein oder andere wird vielleicht bestätigt werden, aber wirklich interessant wird es erst dann, wenn man akzeptiert, dass die Erwartungen und Bilder einfach dazugehören. Auch wenn dies viel Zeit benötigt, oftmals mühselig ist und auch enttäuschend ist – nämlich dann, wenn sich der Massai an der Ecke als verkleideter „normaler“ Tansanier entpuppt, der Geld dafür verlangt, wenn man ihn fotografieren möchte – aber dieser Prozess ist unverzichtbar.  Denn erst so kann man beginnen, sich langsam der Realität zu öffnen. Und wirklich ankommen.

Autor:

Ich bin Maleen, 19 Jahre alt und habe seit diesem Sommer mein Abitur in der Tasche. Mit einem großen Koffer voller Hoffnungen, Erwartungen und Abenteuerlust geht es im August für mich „Weltwärts“: Von Schwäblishausen, einer 110-Seelengemeinde in der Nähe des Bodensees, mitten hinein nach Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Dort werde ich zusammen mit indischen Nonnen der Ordensgemeinschaft Daughters Mary Immaculate (DMI) leben und arbeiten.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Meine ersten Afrikabesuche fallen noch in die Vor-Handyzeit. Damals war Anfrufen eine Unternehmung, für die man auch schon mal eine paar Stunden einplanen musste. Zur Post, Anstellen, Warten, Nicht-Durchkommen – um dann hektisch ein paar Minuten zu sprechen – weil unheimlich teuer. Heute auch schon wieder unvorstellbar….

  2. Liebe Maleen,

    auch ich habe schon festgestellt, dass ich mit meinem 19,99Euro Handy, ohne Kamera und Internetzugang, leider total ‚out‘ bin;)
    Ich glaube, wir leben hier alle in Extremen: die laute, moderne Großstadt auf der einen Seite, die Wellblechhütten auf der anderen. Die einen im Mercedes, die anderen haben kein Geld für Schuhe. Und zwischen all dem suchen wir nun also das ‚typische‘ Leben. Aber was ist ’normal‘, was ist das ‚echte‘ Leben? Da verlässt man sich schnell auf die Bilder von zu Hause.
    Es tut gut von dir zu hören, ich schicke dir ganz liebe Grüße von Asien nach Afrika!

  3. Liebe Maleen,

    jetzt bist du seit fast 2 Monaten in Tansania. Und hast schon so viele Erfahrungen gesammelt. Über dich selbst. Über deine Erwartungen. Über die Bilder, die in deinem Kopf sind. Und waren. Oder nicht waren. Oder nicht dort sein sollten … Ich wünsche dir, dass du noch ganz viele Afrikabilder für dich sammelst: neue, alte, „unechte“ und vielleicht ja doch ein paar „echte“ Bilder aus den wirklichen Afrika. Aber was ist wirklich …?

    Liebe Grüße, Uta

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