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Um 100 Shilling betrogen

Ich sitze im Bus und warte auf mein Rückgeld, einhundert tansanische Shilling. Umgerechnet etwa fünf Cent. Einhundert Shilling, die immer wieder aufs Neue die Wut in mir brodeln lassen, denn wieso bekomme ich, die Weiße, mein Rückgeld nicht mehr zurück und muss mehr bezahlen als die Tansanier, wo wir doch die gleiche Strecke fahren? Einhundert Shilling, die aber auch  Bestürzung in mir hervorrufen, denn ich weiß, dass es sein kann, dass der Fahrer diesen Betrag braucht, um seinen Kindern am nächsten Morgen ein Frühstück zu kaufen.

Eine kleine Münze - ganz große GefühleEin Daladala, bis auf den letzten Zentimeter gefüllt. Die Frau neben mir hat mir ihr Handy in die Hand gedrückt, weil sie etwas in ihrer Tasche sucht, irgendjemand hat mir seinen Ellenbogen in den Rücken gerammt und mein Vordermann muss es nun wohl oder übel ertragen, dass ich auf seinem Fuß stehe. „Eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt, die ist schön“…denk ich mir, den mittlerweile bin ich an die täglichen blauen Flecken aus den Daladalakuschelstunden gewöhnt. Und erst mal bin ich froh und dankbar, dass der Fahrer extra an der Haltestelle angehalten hat, um mich in den schon sowieso überfüllten Bus zu lassen. Nach fünf Minuten Fahrt in halsbrecherischer Geschwindigkeit, die weder bei Gegenverkehr noch bei Straßenschäden verringert wird, klappert der Conductor, der „Geldeintreiber“ mit den Münzen in seiner Hand, um die Fahrgäste zum Bezahlen aufzufordern. Ich reiche ihm einen grünen, sehr zerfledderten 500 Shilling Schein und warte auf mein Rückgeld. Doch das gibt es wohl heute auch nach mehreren Aufforderungen nicht, und als ich im schon leicht angesäuerten Zustand erkläre, dass ich aber jeden Tag 400 Tsh bezahle und auch jetzt bitte mein Rückgeld haben will, lacht er mich nur an (oder aus?).

Warum muss ich mehr bezahlen?

Aus meinen bisherigen Erfahrungen weiß ich, dass keine Diskussion daran was ändern wird. Also schlucke ich meinen Ärger runter, der Klügere gibt schließlich nach. Doch einfach ist das nicht. Warum muss ich mehr bezahlen, nur weil ich weiß bin? Es stimmt schon, im Vergleich habe ich viel mehr Geld, und wenn ich überlege, dass ich mich so über einen Betrag von 5ct aufrege, dann ist es mir auch ein bisschen peinlich. Was sind denn schon 5ct für mich? Da kann ich mir in Deutschland nichts davon kaufen, und die meisten Deutschen, die auf der Straße eine Münze von diesem Wert liegen sehen, wären sogar zu faul, sich deswegen zu bücken.

Auch in Tansania werde ich nicht satt davon, aber zumindest ist es schon ein Viertel meines Frühstückes. Oder ein Stück gegrillter Mais. Zumindest etwas, was den Magen ein bisschen füllen kann. Und der Weißen, der schaden 5ct mehr oder weniger auch nicht. Ja, da bin ich ehrlich, 5ct sind für mich nichts. Aber an diesem einen Tag war es nicht das erste Mal, dass ich mehr bezahlen musste. Es kommt immer wieder vor, meistens dann, wenn besonders viele Menschen im Bus sind und der Conductor mit meinem Wechselgeld in der Menge untertauchen kann. Dabei geht es mir gar nicht nur darum, dass ich mehr bezahlen muss. Sondern vielmehr darum, dass es mich anders macht. Dass ich das Gefühl habe, nicht dazu zu gehören. Dass ich doch selbst immer versuche jeden, ob Tansanier, Inder oder Deutschen, gleich zu behandeln, jedem auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen.

Es kommt auf die Sichtweise an

In eben diesem Moment schäme ich mich auch schon dafür, für genau den Gedanken. Denn so sehr ich es mir auch wünsche, ich kann gar nicht dazu gehören, denn weiß ich, wie es ist, morgens mit leerem Magen das Haus zu verlassen? Abends nicht schlafen zu können, weil ich mich mit dem Gedanken quäle, wie ich das Schulgeld für meine Kinder zusammenbekommen soll? Oder am verdreckten Straßenrand zu sitzen und darauf zu hoffen, dass irgendjemand meine gesalzenen Nüsse kauft? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Das kann wahrscheinlich keiner, der in einem Land aufwächst, wo man fünf Cent auf der Straße liegen lässt.

100 Tansanische Shilling sind viel mehr als nur ein Geldstück. Sie können einen wütend machen, bestürzt, anders. Sie können einen dazu treiben, andere zu betrügen. Es kommt darauf an, aus welcher Sichtweise man sie betrachtet. Und wie viel man  von ihnen im Geldbeutel hat.

Autor:

Ich bin Maleen, 19 Jahre alt und habe seit diesem Sommer mein Abitur in der Tasche. Mit einem großen Koffer voller Hoffnungen, Erwartungen und Abenteuerlust geht es im August für mich „Weltwärts“: Von Schwäblishausen, einer 110-Seelengemeinde in der Nähe des Bodensees, mitten hinein nach Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Dort werde ich zusammen mit indischen Nonnen der Ordensgemeinschaft Daughters Mary Immaculate (DMI) leben und arbeiten.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Maleen,
    vielen Dank für deinen wirklich guten Artikel!! Genau die gleichen Gedanken und Gefühle habe ich hier auch regelmäßig, wenn es dann mal wieder kein Rückgeld für mich gibt. Darüberhinaus lese ich deine Art zu schreiben sehr gerne!!
    Alles Gute für deine zweite Hälfte! 🙂
    Luca

  2. Das wertvolle an dieser 100-Shilling-Geschichte ist, dass Du sofort für diesen Menschen ein Einsehen hattest. Es ist unglaublich, mit wie viel Liebe und Wärme Du dieses Leben und ihre Menschen dort annimmst. Du bist ein bemerkenswertes Mädchen.
    Frohe Weihnacht Maleen

  3. Danke für deinen schönen Bericht. Er macht deine Situationen für uns zu lebendigen Bildern, in denen wir dich sehen können….. Und er zeigt uns, wie viel 5 Cent wert sein können. Im eigenen Geldbeutel sieht dieses Geldstück eigentlich nach nichts aus, man ärgert sich sogar, wenn man viele davon hat, da sie schwer und lästig sind. Beim nächsten bezahlen werde ich diese „schweren braunen Dinger“ etwas mehr honorieren, in Gedanken, was sie in Afrika bewegen könnten.
    Alles Liebe M. Ute

  4. farang, farang, das hoere ich hier auch jeden Tag und das heisst fuer mich, dass ich am Besten immer kleine Bahtscheine in der Tasche habe, um das Problem mit dem Wechselgeld zu umgehen:) Danke fuer deinen Eintrag, ich liebe deine Art zu Schreiben, super gut! Halt die Ohren steif!

  5. Liebe Maleen,

    ich kann deinen Unmut sehr gut verstehen. Und auch, dass du dich dafür schämst. Aber es nun mal leider so, dass es gegen unseren Sinn für Gerechtigkeit verstößt, wenn so mit uns verfahren wird. Obwohl wir uns so viel Mühe geben. Aber ihr seid eben Weiße. Und das spürt ihr jeden Tag. Und das wird auch so bleiben. Auch wenn es ungerecht ist, aber wir haben nun eben mal viel mehr Geld zur Verfügung. Sieh es als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit …

    LG aus Aachen, Uta

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