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Es geht! Anders.

Wie schnell das vertraut geworden ist: Mein Monitor wird zum Fenster in die Welt. Die virtuelle Konferenz startet. Bunte Kacheln leuchten auf. Ein bekanntes Gesicht nach dem anderen erscheint. Winken, freundliches Lachen. Freude, dass wir uns sehen, dass wir in Verbindung sind. „Hallo, können mich alle hören?“

Aktionsplakat Fastenaktion

Wir überbrücken tausende Kilometer, so gut es geht. Trotz der Pandemie, die unsere Welt fest im Griff hat. Nein, in diesem Jahr können wir unsere Partner in Bolivien nicht besuchen, doch wir können ihnen trotzdem nah sein. Es geht! Anders. Was für ein starkes, ermutigendes Leitwort trägt unsere Fastenaktion in diesem Jahr! Wir bleiben hoffnungsvoll; dazu müssen wir neue Wege gehen.

Die ersten Schritte sind geschafft. Selbst wenn es ab und zu rauscht, selbst wenn das Bild nicht immer stabil bleibt, sitzen wir mit unseren Partnerinnen und Partnern an einem Tisch. Wir hören intensiv zu. Besorgt fragen wir nach: Wie hat die Corona-Pandemie die Familien, das Dorf, das Stadtviertel, das Projekt betroffen? Allein die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Mit voller Wucht erschüttert Corona Bolivien, das ohnehin durch furchtbare Krisen geschwächt war. Fernab der Schlagzeilen haben Waldbrände riesige Flächen vernichtet und unzähligen Menschen ihre Lebensgrundlage genommen. Viele davon waren absichtlich gelegt.

Die internationale Agrarwirtschaft setzt kleinbäuerliche
und indigene Familien in Bolivien seit Jahren unter Druck. © Zander | MISEREOR

Die Profitgier internationaler Agrar- und Holzwirtschaft hat das Land zerstört – ungebremst, oft gefördert durch Korruption und Spekulation. Der Klimawandel wirkt sich zunehmend schädlich aus. Außerdem hat sich der schwerste politische Konflikt seit zwei Jahrzehnten in heftigen Unruhen zugespitzt. Leidtragende waren immer die Ärmsten, Verletzlichsten.

Wenn alles anders gehen muss …

Und dann kam COVID-19. Das Gesundheitssystem in Bolivien war absolut nicht darauf vorbereitet. Anfang Januar 2021 gab es offiziell bestätigt über 9.200 Tote und über 165.200 Infizierte – bei nur 11,5 Millionen Menschen im Land insgesamt. Getestet wird jedoch kaum, und die Dunkelziffer ist hoch.

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind in Lateinamerika
verheerend, besonders für die Ärmsten. © CANVA

Staatliche Unterstützung fehlt vielerorts, und die meisten Familien müssen täglich ihren Lebensunterhalt durch informelle Arbeit verdienen. So ist es schwer, Schutzmaßnahmen einzuhalten, und die Krankheit konnte sich rasend schnell verbreiten. Die Gesundheitsbehörden sind fast nur in den Städten aktiv, bleiben jedoch angesichts der chronischen Unterfinanzierung relativ hilf- und planlos. Mit verschwindend geringen Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsgeräten kann nicht einmal der notwendigste Bedarf gedeckt werden. Noch größer sind die Herausforderungen in den ländlichen Gegenden, insbesondere im abgelegenen, schwer zugänglichen Amazonastiefland. Hier, wo unsere Projektpartner der diesjährigen Fastenaktion wirken, kamen in den Krankenhäusern und Gesundheitsstationen weder Medikamente an noch lebensrettender Sauerstoff. Und nach einer relativen Entspannung in den europäischen Herbstmonaten steigt die Zahl der Infizierten in Bolivien gerade wieder massiv an.

… grundlegend, überall auf der Welt.

Ähnlich prekär war und ist die Lage in den angrenzenden Ländern, in ganz Lateinamerika. Brasilien, Venezuela, Haiti – überall konnte das Virus seine verheerenden Auswirkungen voll entfalten. Und wie auf dem gesamten Planeten hat sich hier gezeigt: Die Ärmsten, Zurückgelassenen leiden nicht nur unter den gesundheitlichen Folgen. In Bolivien betrifft das eine Mehrheit. Laut Weltbank arbeiten hier fast zwei Drittel aller Beschäftigten im informellen Sektor. Sozial nicht abgesichert, leben sie von Tag zu Tag und von der Hand in den Mund. Ihr ohnehin unsicheres Einkommen brach mit Beginn der strengen Quarantänemaßnahmen weg. Hunger, schon immer eine ernste Bedrohung, wurde zur bitteren Realität. So pflanzte sich die Not immer weiter fort, befeuert durch die Pandemie: Wer sich ums Überleben sorgen muss, dem fehlen Kraft und Raum, die eigene Situation nachhaltig zu verbessern. Wenn wir jetzt reisen könnten, würden wir auf viel Verzweiflung treffen.

Teilen, damit sich etwas bewegt

Da wir aber nicht reisen können, haben wir auf anderen Wegen am Leben der Menschen teil. Der Lateinamerikanische Bischofsrat, die Partnerdiözesen in Hildesheim und Trier, die seit Jahrzehnten mit Bolivien eng verbunden sind, unsere Projektpartner in Bolivien selbst: Mit ihnen stehen wir in engem Kontakt.

Immer wieder sehe ich ihre vertrauten Gesichter in den Kacheln auf meinem Bildschirm, immer wieder hören wir zu, sprechen wir mit ihnen, schicken ihnen herzliche Grüße, eine Umarmung auf Distanz. So erleben wir mit, was „Überleben im Ausnahmezustand“ heißt. Trotzdem lassen mich diese virtuellen Begegnungen nicht hoffnungslos zurück. Im Gegenteil, denn immer wieder tauschen wir kleine, ermutigende Erfahrungen aus. Wir sprechen über Visionen und Träume. Die großen, vom harmonischen und gerechten Zusammenleben der Kulturen und der Natur, die Papst Franziskus in seinem Schreiben „Geliebtes Amazonien“ formuliert hat. Und die konkreten, die in klare, gute Schritte münden, wie die Arbeit unserer Partner in den Projekten.

Erst Soforthilfe, dann nachhaltiges Wachstum

Wie überall auf der Welt haben unsere Partnerorganisationen in Bolivien während des letzten Jahres die schwerste Not gelindert – mit Nahrungsmitteln, mit Vorbeugung gegen Ansteckung oder sogar mit Sauerstoffgeräten. Unterstützt durch Sie, die Spenderinnen und Spender von MISEREOR. Zugleich liegt die Stärke unserer Partner besonders darin, dass sie langfristige Veränderungen auf den Weg bringen. Sie schieben den Wandel an, der nötig ist, damit auf Dauer auch die Armen angesichts von Katastrophen wie COVID-19 eine Chance haben.

Doña Antonia Lurisi nimmt die Ernährung ihrer Familie in die eigenen Hände – und schützt dabei aktiv ihren Lebensraum. © Reyes | MISEREOR

So lernte ich – virtuell – Doña Antonia Lurisi kennen, deren Geschichte mich besonders bewegt hat. Sie ist eine erfahrene und starke Frau, 52 Jahre alt. Ganz typisch für ihr Dorf und ihre Region lebte sie immer von der Landwirtschaft, bis die Erträge mehr und mehr sanken. Der Anbau in Monokultur mit Brandrodung, zu dem sie keine Alternative sah, konnte sie und ihre Familie nicht mehr satt machen. So musste sich ihr Mann als Tagelöhner verdingen und die Familie über Wochen verlassen, um das Notwendige dazuzuverdienen.

Den Ausweg brachte ihr unser Partner, die Sozialpastoral Caritas Reyes, mit einem Konzept zur nachhaltigen Landwirtschaft in Waldgärten mit einer Vielfalt an Produkten, mit Training und passendem, robustem Saatgut. Jetzt ernten Antonia Lurisi und ihre Familie dreimal statt nur einmal im Jahr. Sie sind sicher versorgt mit gesunder Nahrung und ihr Mann muss sich nicht mehr einem prekären Arbeitsverhältnis ergeben. Das stolze Leuchten in Antonia Lurisis Augen ist ansteckend. Selbst wenn ich jetzt nur auf dem Bildschirm sehe, wie sie ihre gute Ernte vor der Kamera präsentiert, ist ihr starkes Selbstwertgefühl greifbar für mich. Diese Kraft, diese Zuversicht, so erfahre ich, sind in der ganzen Dorfgemeinschaft gewachsen. Wenn unsere Kontaktpersonen und Partner uns virtuell an diesem Erfolg teilhaben lassen, wird mir klar: So können wir Zukunft mit bauen. Hand in Hand mit den Menschen im Süden. Wir alle teilen den dringenden Auftrag, unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen zu erhalten.

Bereiten wir den Boden!

Diesen Auftrag hat unser zweiter Projektpartner dieser Fastenaktion, die Organisation CEJIS, (Centro de Estudios Jurídicos y Investigación Social) ebenfalls mit vollem Einsatz angenommen. CEJIS steht den indigenen Bevölkerungsgruppen im Amazonastiefland von Bolivien beim Schutz ihrer Territorien und Rechte zur Seite. Diese Menschen leben traditionell seit vielen Generationen nachhaltig und im Einklang mit der Natur. Dieses Leben ist jedoch in vielfältiger Weise durch die Ausbreitung der Agrarindustrie, Holzfäller, Neusiedler oder informellen Bergbau gefährdet. Indigene und ihre Rechte sind zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen geworden.

Damit standen sie auch der Ausbreitung des Coronavirus besonders schutzlos gegenüber – und dem Hunger, den das Virus mit in ihre Gebiete brachte. CEJIS hat schnell gehandelt und seine wertvollen, über Jahrzehnte aufgebauten Beziehungen genutzt, um zu helfen. Mit einer Informationskampagne in indigenen Sprachen, Nahrungsmittellieferungen, Medikamenten und Schutzausrüstung leistete unser Partner Reichhaltig, zuverlässig und gesund: Die Waldgärten ermöglichen mehrere Ernten pro Jahr. Doña Antonia Lurisi nimmt die Ernährung ihrer Familie in die eigenen Hände – und schützt dabei aktiv ihren Lebensraum. lebenswichtige Erstversorgung. Unterstützt durch Sie, unsere Spenderinnen und Spender.

Juan Carlos Semo macht sich, unterstützt von CEJIS für die Rechte seines indigenen Volkes stark – für ein Leben in Sicherheit und Fülle. © M. Seoane | MISEREOR

Dabei verlieren CEJIS und die Menschen, für die sich die Organisation einsetzt, selbst in der Pandemie nicht ihre großen Ziele aus den Augen. Der 36-jährige Juan Carlos Semo, der in einer kleinen indigenen Gemeinschaft lebt, die von CEJIS unterstützt wird, schildert auf eindringliche Weise, was ihnen das Territorium bedeutet. „Wir betrachten die Berge, Flüsse, Tiere und Pflanzen wie unsere Familie; wir können ihr nicht schaden, ohne uns selbst zu schaden.“ Mir wird klar, werden diese Menschen verdrängt, wird mit ihnen eine Schutzmacht unserer Schöpfung weichen. Aber: Es geht anders, auch dank Ihnen! Mithilfe von CEJIS organisieren sich die Indigenen, sie fordern ihre Rechte ein. Sie nutzen moderne GPS-Technologie, um ihre Territorien zu vermessen und zu schützen. Sie bauen ihre Selbstverwaltungsstrukturen auf und arbeiten an nachhaltigen Konzepten der Bewirtschaftung ihrer Ressourcen, um ein „gutes Leben“ nach ihren Vorstellungen und Traditionen auch unter heutigen Bedingungen führen zu können. Das kommt uns allen zugute, da Amazonien von unschätzbarem Wert für den gesamten Planeten ist. Das ist gelebte „Sorge für das gemeinsame Haus“, von der Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato sí“ schreibt.

Wir brauchen einander.

Diese Zeit, in der wir auf neue Art zu reisen lernen, bringt etwas Wesentliches deutlich zum Vorschein. Ausgegrenzte Menschen und Gruppen sind besonders verletzlich, leiden doppelt. Und selbst vor diesem Hintergrund denken die wohlhabenden Länder bei den Corona-Impfstoffdosen zuerst an sich – erneut drohen die Armen abgehängt zu werden. Aber diese Fastenaktion lehrt uns auch: „Es geht! Anders.“ Wir sind nicht machtlos! Einsatz, Vertrauen, Geduld und Gemeinschaftssinn lohnen sich. Da, wo unsere Partner seit vielen Jahrzehnten im Kontakt mit den Menschen und Gruppen sind, konnten sie in dieser Not- und Ausnahmesituation der Pandemie helfen. Die Sorge für unsere Mitwelt und die Sorge für unsere Mitmenschen gehören untrennbar zusammen. Schädliche politische und wirtschaftliche Prioritäten sind nicht akzeptabel. Unsere Partner handeln auf lokaler und regionaler Ebene, wir von MISEREOR machen deren Stimmen hörbar und setzen ihre Belange auch hier auf die Agenda, angeleitet von einer gemeinsamen Vision. Gerne würden wir dabei auch auf Sie und Ihre Spende zählen.

Während ich mich verabschiede, in die Kamera winke und per Klick auf den roten Button das virtuelle Treffen verlasse, wende ich mich in Gedanken Ihnen zu. Ich freue mich, dass ich unsere intensiven Erlebnisse der letzten Monate und unsere Vision für eine gerechtere Zukunft heute mit Ihnen teilen konnte. Bitte bleiben Sie gesund! Finden Sie Segen in dieser Fastenzeit – und die Kraft, neue Wege zu gehen.


Fastenaktion 2021
„Es geht! Anders.“

Eine  andere Welt ist möglich und es liegt in unserer Hand, diese zu gestalten. Mit der Fastenaktion 2021 möchten wir Sie zu spürbaren Schritten der Veränderung anregen und Ihnen Geschichten von den Wegen des Wandels in Bolivien und Deutschland erzählen.

Mehr zur Fastenaktion


Geschrieben von:

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer bei MISEREOR. Bevor er 2012 zu MISEREOR kam, war er 15 Jahre in Brasilien als Pfarrer tätig und bildete in verschiedenen Ländern Lateinamerikas Laienmissionare aus.

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