Als der Morgen des 7. Juli 2025 in Kenia anbricht und die Menschen mit angehaltenem Atem die Nachrichten auf ihren Handys verfolgen, während auf den leeren Straßen die Polizei Barrikaden errichtet, kommt einem der oft Mark Twain zugeschriebene Spruch in den Sinn: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

Saba Saba, der siebte Juli, ist ein historischer Tag in Kenia. Vor genau 35 Jahren erreichten die Wut und Frustration der Menschen über eine ausbeuterische und korrupte herrschende Elite, die den Freiheitskampf zur Befreiung vom Kolonialismus missbrauchte und eine neue Diktatur errichtete, ihren Höhepunkt. Die Menschen verlangten ein Mehrparteiensystem, freie Wahlen und Demokratie. Der damalige Diktator Moi reagierte mit Gewalt und Unterdrückung. Die führenden Köpfe der Proteste wurden verhaftet, es gab Tränengas, Tote, Verletzte. Und doch führten diese Proteste zur Einführung des Mehrparteiensystems, und letztendlich – auch wenn es noch über zehn Jahre dauern sollte – trat Diktator Moi zurück.
Ein Zeitsprung in die Gegenwart
Heute lebt Moi nicht mehr, und etwa 75 Prozent der Bevölkerung Kenias waren 1990 noch nicht geboren. Es gibt verschiedene Parteien, eine freie Presse, Wahlen und eine demokratische Verfassung. Und doch klingt der Geist der damaligen Proteste laut und deutlich nach. Der jetzige Präsident William Ruto war ein Zögling Mois. Er trat mit dem Versprechen an, „einer aus dem Volk zu sein“ – ein „Hustler“. Dieser Ausdruck, den er für sich beanspruchte, beschreibt jemanden, der sich durchkämpft und unter widrigen Umständen seinen Lebensunterhalt verdient. Viele junge Menschen wählten ihn begeistert, sahen in ihm ein Rollenmodell – jemanden, der sich vom Straßenverkäufer bis ganz nach oben gekämpft hat. An die dunklen Zeiten der Moi-Diktatur erinnerten sie sich nicht mehr und selbst die bisher gewaltvollsten Ausschreitungen in Kenias jüngerer Geschichte 2007/2008, bei denen Ruto eine verheerende Rolle spielte und die ihn fast vor den Internationalen Strafgerichtshof gebracht hätten, sind für die Gen Z – die junge Generation – bereits ferne Vergangenheit.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich
Bald wurde jedoch deutlich, dass Geschichte eine Warnung sein sollte und Demokratie – besonders eine so junge wie die kenianische – ein hart umkämpftes Gut ist, das jederzeit wieder in eine Diktatur kippen kann. Die zunehmend schwierige wirtschaftliche Lage brachte schon kurz nach den Wahlen 2022 die Menschen auf die Straße. Wie schon viele Male zuvor wurden sie von Oppositionspolitikern – allen voran Raila Odinga, dem „ewigen Rivalen und Präsidentschaftskandidaten“ – mobilisiert. Doch es passierte wenig und Odinga arrangierte sich, wie schon so oft zuvor, mit der herrschenden Elite.
Dann jedoch passierte im Juni 2024 etwas vollkommen Neues: Die jungen Menschen, noch vor kurzer Zeit als politisch uninteressiert oder apathisch abgestempelt, organisierten sich selbst über soziale Medien. Ein Finanzgesetz mit drastischen Steuererhöhungen war der Auslöser. Als die Polizei mit brutaler Gewalt reagierte und erstmals in der jüngeren Geschichte sogar das Militär auf die Straßen geschickt wurde, eskalierte die Situation. Die Demonstranten stürmten das Parlament. In chaotischen Szenen wurden die Parlamentarier in panischer Angst vor ihrer Wählerschaft über Tunnel und mit Ambulanzfahrzeugen aus dem Parlamentsgebäude evakuiert. Polizei und Militär begannen auf die Demonstranten zu schießen. Es gab etwa 60 Tote und viele Verletzte. Der Präsident schien zurückzuweichen, unterschrieb das umstrittene Gesetz nicht und entließ sein Kabinett. Doch die scheinbare Deeskalation und Versöhnlichkeit waren nur Fassade. Nicht umsonst war Rutos Mentor Daniel arap Moi der am längsten herrschende Diktator Kenias.
Es folgte eine Jagd auf junge Aktivisten und Blogger. Viele wurden in den Wochen und Monaten nach den Protesten verhaftet, manche verschwanden, einige tauchten wieder auf, andere nicht. Die Straßenproteste wurden weniger, doch im Netz und auf sozialen Medien verstummten die Stimmen nicht. Der Hashtag #RutoMustGo hält sich beharrlich, während Menschenrechtsaktivisten den sogenannten „shrinking space“ beklagen.

Jahrestag der Proteste und Parlamentsstürmung Juni 2025
In den Wochen vor dem Jahrestag der Proteste wurde der Auruf, an die vielen Toten des letzten Jahres zu erinnern, immer lauter. Dann eskalierte die Lage Anfang Juni erneut: Ein junger Blogger und Lehrer, Albert Ojwang, veröffentlichte eine Kritik am Vizechef der Polizei. Er wurde in seinem Heimatort im Westen Kenias verhaftet, hunderte Kilometer in die Hauptstadt Nairobi gebracht und in eine Zelle gesperrt, in der er in der ersten Nacht getötet wurde. Vertuschungsversuche und Behauptungen, er habe sich selbst umgebracht, wurden schnell entlarvt. Die Misereor-Partnerorganisation Independent Medico-Legal Unit, die Fälle von Polizeibrutalität untersucht und Opfer unterstützt, bestätigte, dass ihre unabhängige Autopsie eindeutig fremde Gewalteinwirkung festgestellt hat. Proteste brachen erneut aus, und die Menschen forderten den Rücktritt des Polizei-Vizechefs.
In dieser angespannten Stimmung jährte sich die Parlamentsstürmung vom Vorjahr. Am 25. Juni versuchte die Polizei, die Innenstadt komplett zu verbarrikadieren. Rasiermesserscharfe Stacheldrahtzäune wurden um die Regierungsgebäude errichtet. Doch die Gen Z ließen sich nicht aufhalten. In fast der Hälfte aller kenianischen Counties brachen Proteste aus. Auch wenn es diesmal nicht ganz so viele Tote wie letztes Jahr gab – bisher sind knapp 20 bestätigte Todesfälle und hunderte Verletzte zu beklagen – hat die Polizeibrutalität nicht abgenommen.
Vor dem historischen Datum des 7. Juli wächst die Angst der Regierung. Am Tag zuvor, dem 6 Juli, wurde die Kundgebung der Kenya Human Rights Commission von staatlich bezahlten (laut der Kenya Human Rights Commission) Schlägern gestürmt. Bei der Kundgebung wollten die Mütter der getöteten jungen Menschen ihre Wut und Trauer ausdrücken und forderten von Regierung und Polizei Zurückhaltung im Umgang mit den Protestierenden.

„Der Untergang beginnt, wenn die Angst der Herrscher größer wird als die der Beherrschten.“ (unbekannt)
Gleichzeitig wird in der Gewaltspirale die Angst der herrschenden Elite immer deutlicher. Jede angekündigte friedliche Demonstration wird von kriminellen Schlägern unterwandert, jeder Vorwand genutzt, um auf die Protestierenden zu schießen und Maßnahmen werden ergriffen, um Versammlungen, Berichterstattungen und den Austausch in sozialen Medien zu verhindern.
Während sich das historische Datum des 7. Juli zum 35. Mal jährt, sollten sich die heutigen Politiker an die Lehren der Vergangenheit erinnern: Man kann den Freiheitsdrang der Menschen für eine Weile brutal unterdrücken, aber nicht für immer. Vor allem in Kenia haben Generationen für ihr Land gekämpft und auch wenn sie viele der geschichtlichen Ereignisse nicht selbst erlebt haben, sind die heutigen Gen Z in dieser Tradition aufgewachsen. Auch sie wollen nicht aufgeben. Die Frage ist nur: Wie viele Opfer wird dieser erneute Kampf um Freiheit und Demokratie dem Land und seiner Jugend diesmal abverlangen?
Geschrieben von Kamila Krygier, Dialog- und Verbindungsstellenleiterin in Nairobi, Kenia.