Regine und Sabine, Misereor-Expertinnen für ländliche Entwicklung, besprechen in einem Videocall mit einem Partner die letzten Details eines Projekts zu agrarökologischen Innovationen im ländlichen Tansania. Ein paar Büros weiter sitzt Eva, Expertin in Sachen städtische Entwicklung, vor einem Antrag zur Verbesserung der Wohnraumversorgung in den Slums der tansanischen Großstadt Daressalam. Auf den ersten Blick haben die Kolleg*innen und ihre Projekte nichts miteinander zu tun – Oder doch?

Lange galten Stadt und Land als voneinander getrennte Räume. Das hat sich auch in je eigenen Ansätzen in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) widergespiegelt. Doch heutige Diskurse zeigen deutlich: Stadt und Land sind funktional, wirtschaftlich und ökologisch eng miteinander verflochten. Innerhalb eines sogenannten Stadt-Land Kontinuums herrscht ein stetiger Austausch von Personen, Gütern, Kapital und Informationen. Menschen migrieren auf der Suche nach Arbeit in Städte, und kehren nach einiger Zeit zurück in ihre Heimat. Landwirt*innen verkaufen ihre Produkte auf urbanen Märkten, während verarbeitete Waren in den ländlichen Raum transportiert werden. Städtische und ländliche Haushaltsmitglieder unterstützen sich gegenseitig mit Geld- oder Gütersendungen und tauschen Informationen und Wertevorstellungen aus. Die Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen immer mehr und in Übergangszonen vermischen sich urbane und rurale Landnutzungen, Wirtschaftssektoren und Lebensstile.

Trotzdem werden Stadt-Land Dynamiken in der EZ häufig ignoriert. Das führt zu ungenutzten Gelegenheiten, und womöglich sogar zu ungewollten Negativ-Effekten. Es ist also höchste Zeit, Stadt und Land in der Projektarbeit nicht getrennt, sondern als vernetztes System mit zusammenhängenden Herausforderungen und Chancen zu denken.
Enge Verflechtungen in Afrika
Eine Studie mit 80 Misereor Partnerorganisationen in Subsahara-Afrika hat gezeigt, dass diese die engen Verflechtungen von städtischen und ländlichen Räumen in ihren Projektgebieten deutlich wahrnehmen.
Einerseits können ländliche Zielgruppen ihre landwirtschaftlichen Produkte durch Stadt-Land Beziehungen leichter auf städtischen Märkten verkaufen, und damit ihre Einkommen und die lokale Wirtschaft stärken. Ausgebaute Verkehrsverbindungen eröffnen ihnen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen wie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, und ermöglichen politische Teilhabe. Außerdem bietet eine gute Verkehrs- und Kommunikations-Infrastruktur die Chance für Wissensaustausch.

Doch es gibt auch Schattenseiten: Städtische Infrastrukturen können häufig nicht mit der wachsenden Stadtbevölkerung Schritt halten und ländliche Migrant*innen leben oft in informellen Siedlungen, auch Slums genannt, unter prekären Bedingungen. Während der Druck auf den urbanen Arbeitsmarkt steigt, führt die Abwanderung junger Menschen im ländlichen Raum zu einem Arbeitskräftemangel und sinkender landwirtschaftlicher Produktivität. Hinzu kommen Umweltprobleme und Landnutzungskonflikte, welche zusätzlich die Ernährungssicherheit der gesamten Region gefährden.
Die vielfältigen Chancen und Risiken, die sich aus Stadt-Land Beziehungen ergeben, könnten in der Projektarbeit mehr berücksichtigt werden. Hierfür wäre eine gezielte Stärkung der Kapazitäten der Partner wichtig, wobei auch externe hinderliche Rahmenbedingungen wie räumliche Distanzen oder fehlende politische Koordination mitgedacht werden sollten.

Projekt in Südafrika: Ein Ansatz über Stadtgrenzen hinaus
In einigen Projekten sind sehr positive Ansätze sichtbar, zum Beispiel in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal: Feroza Suleman und ihr Team von der Built Environment Support Group (BESG) unterstützen vulnerable Bevölkerungsgruppen in informellen Siedlungen am Stadtrand von Pietermaritzburg beim verbesserten Zugang zu Land, Wohnraum und Grundversorgung. Der Großteil der Bewohner*innen dieser Siedlungen stammen ursprünglich aus ländlichen Regionen. Um die Realitäten ihrer Zielgruppen besser zu verstehen, führen sie eine Umfrage zu den Ursachen und Formen der Land-Stadt Migration durch. Ausgehend von diesen Ergebnissen will sich die Organisation für verbesserte Lebensbedingungen in den Herkunftsregionen der Migrant*innen einsetzen, um die Motivation zur Abwanderung nach Pietermaritzburg zu verringern. Auch weitere Maßnahmen zur Integration von Stadt und Land, wie die Verknüpfung ländlicher Produzent*innen mit urbanen Märkten, sind in ihrer Arbeit verankert. Ansätze wie die von BESG sind gute Beispiele, wie integrierte Entwicklungsarbeit im Stadt-Land Kontinuum aussehen kann.

Der Blick nach vorn: Integriert statt isoliert
Auch bei Misereor soll die Zusammenarbeit der Bereiche der städtischen und ländlichen Entwicklung künftig enger gestaltet werden. Das bedeutet, dass Regine, Sabine und Eva von nun an häufiger an einem Tisch sitzen werden. Denn nur, wenn städtische und ländliche Perspektiven in die Strategieentwicklung einfließen, können Projekte bestmöglich effektiv und nachhaltig gestaltet werden.
Geschrieben von Julia Elmenhorst
Liebe Vanessa, danke für deinen Kommentar und die Frage. Bezogen auf Stadt-Land Verbindungen arbeiten wir vor allem zu Themen wie Landnutzung, Migration, Vermarktung usw., die soziale und wirtschaftliche Bezüge unmittelbar verdeutlichen und adressieren . Hygiene-/Gesundheitsthemen sind für Misereor wichtig, stehen aber in unserer Land-Stadt Arbeit bislang nicht im Vordergrund. Herzliche Grüße!
Beim Lesen ist mir direkt aufgefallen, wie stark die Verbindung zwischen Stadt und Land im Alltag eigentlich ist, auch wenn man es oft nicht so wahrnimmt. In meiner Umgebung merke ich das, wenn Leute zum Arbeiten in die Stadt fahren und am Wochenende wieder auf dem Land Gemüse verkaufen. Gerade in solchen Räumen finde ich es wichtig, dass Orte sauber und sicher bleiben, sonst verliert man schnell an Lebensqualität.
Gibt es in euren Projekten auch Ideen, wie man Hygiene und Ordnung in solchen Übergangsbereichen besser sichern kann?