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Kamerun wählt: Wandel oder Weiter-so?

Am 12. Oktober wählt Kamerun. Der amtierende Präsident Paul Biya wird dann zum sechsten Mal antreten. Seit über 40 Jahren ist er im Amt – in keinem anderen Land war ein Staatschef länger an der Macht. Kamerun gilt als autoritär geführter Staat, in dem es Demokratisierungsbemühungen schwer haben. Und die wahren Probleme packt die Regierung nicht an: von der Schaffung neuer Arbeitsplätze für junge Menschen über die Beseitigung von Korruption bis hin zur Anpassung an den Klimawandel.

Präsident Paul Biya regiert Kamerun seit 1982. Mit 92 Jahren ist er das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt. Foto: UN Photo/Marco Castro

In den letzten Wochen rückte in der Medien-Berichterstattung auf dem afrikanischen Kontinent verstärkt das zentralafrikanische Kamerun und die am 12. Oktober stattfindenden Präsidentschaftswahlen in den Fokus. Der dort seit 1982 regierende Präsident Paul Biya ist nicht nur das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt, sondern mit 92 Jahren auch körperlich nicht mehr dazu in der Lage, sein Amt angemessen auszuführen.

Im Oktober 2024, als sich Biya einmal mehr mit seiner Entourage in seiner zweiten Wahlheimat in der Schweiz befand, machten Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand des Präsidenten die Runde; sogar über einen möglichen Tod des Präsidenten wurde spekuliert. Seitdem dauert die Debatte darüber an, dass nach über 40 Jahren ein neues Gesicht in den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Jaunde Einzug halten sollte, um dem Land einen dringend benötigten Neustart zu ermöglichen.

Der Hoffnung auf Wandel treibt gerade die jungen Menschen in Kamerun an. Parteipolitisch-personelle Fragen müssen dafür endlich in den Hintergrund treten. Foto: Cecilia/Pixabay

Kameruns Wunsch nach Wandel

Die Regierungspartei Rassemblement démocratique du Peuple Camerounais (RDPC) ist jedoch anderer Meinung, nominierte sie Paul Biya einmal mehr zu ihrem Kandidaten, der sich für weitere sieben Jahre – er wäre nach Ende des Mandats dann 99 Jahre alt – an die Spitze des Staates setzen will. Neben Biya wurden 82 weitere Kandidaturen bei der nationalen Wahlkommission (ELECAM) eingereicht, von denen aber nur 13 Kandidat*innen zugelassen wurden. Diese hohe Anzahl an Kandidaturen steht sinnbildlich für den Wunsch der Bevölkerung nach Veränderung, verdeutlicht aber auch ein wesentliches Problem der politischen Opposition.

In der Vergangenheit ist es dieser kaum gelungen, sich auf einen Kandidaten zu einigen und eine erfolgversprechende Alternative zu bieten, die alle Kameruner*innen über ethnische und regionale Grenzen hinweg anspricht. Maurice Kamto mit seiner Partei Mouvement pour la Renaissance du Cameroun (MRC) ist einer der wenigen Oppositionellen, dem es gelang, landesweit Unterstützung zu mobilisieren und Parteistrukturen aufzubauen. Aufgrund formeller Fehler seiner Kandidatur wurde dieser jedoch im Zuge parteipolitischer „Spielchen“ bereits vor dem Beginn des eigentlichen Wahlkampfs durch ELECAM abgelehnt. Die richtungsweisenden Wahlen finden daher ohne den aussichtsreichen Oppositionspolitiker statt.

Kandidaten statt Konzepte

In weiten Teilen der Bevölkerung und auch bei Vertreter*innen von Misereor-Partnerorganisationen ist die Skepsis ohnehin groß, ob ein neuer Präsident wirklich einen grundlegenden Paradigmenwechsel einleiten würde. Zu schwer wiegen die zahlreichen Probleme und Konflikte im Land, als dass sie der Bevölkerung nach Jahren des Stillstands Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und einen besser funktionierenden Staat geben könnten. Die kamerunische Politik verliert sich vielmehr in personellen Fragen. So beschreibt es auch Duplex Kuenzob von der Misereor-Partnerorganisation Dynmaique Mondiale de Jeune (DMJ): „Im Mittelpunkt der Debatten in Fernsehsendungen, im Radio und in den sozialen Netzwerken stehen das Leben und die persönliche Vergangenheit der Kandidaten – mit einer Tendenz zur Stigmatisierung, jedoch ohne Argumente zu gesellschaftlichen Projekten oder politischen Programmen zu liefern.“

Frieden und Sicherheit scheinen für junge Menschen in Kamerun unter den bisherigen politischen Umständen unerreichbar. Foto: Mleiveil/Pixabay

Dabei sollten gerade letztere im Mittelpunkt stehen. Die Modernisierung der Infrastruktur (nicht nur kurzfristig vor den Wahlen), die Dezentralisierung der Verwaltung, Transparenz in der Bergbau- und Ölindustrie, Bekämpfung der Korruption, Schaffung von Arbeitsplätzen für die junge Generation und die Anpassung an den Klimawandel, um nur einige Punkte zu nennen, scheinen in den aktuell politisch festgefahrenen Verhältnissen, in denen sich eine Gruppe politischer Eliten seit über vierzig Jahren an die Macht klammert, nur schwer umsetzbar.

Sicherheitskrise: Boko Haram und Sezessionskonflikt

Hinzu kommt der ungelöste Sezessionskonflikt in den beiden anglophonen Regionen des Landes – einer der vernachlässigten Konflikte der Gegenwart –, der den konstitutionellen Rahmen des Landes selbst in Frage stellt und den regelkonformen Ablauf der Wahlen im englischsprachigen Kamerun aufgrund von Sicherheitsrisiken fragwürdig erscheinen lässt.

Auch in den nördlichen Regionen Kameruns stellt die angespannte Sicherheitslage nach wie vor ein Problem für die Bevölkerung dar. Das kamerunische Militär konnte zwar Erfolge im Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram verzeichnen, innerhalb der Bevölkerung herrscht jedoch große Unzufriedenheit und ein Gefühl der Vernachlässigung aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in der Region.

Die Alliance Moise ist eine von zahlreichen Initiativen, die versuchen, das Interesse an der Politik zu wecken und die Bevölkerung für einen politischen Wandel zu mobilisieren. Foto: DJM

Zivilgesellschaft in Aktion: Alliance Moise mobilisiert

Vor dem Hintergrund dieser besorgniserregenden Entwicklungen ist positiv hervorzuheben, dass die katholische Kirche und vereinzelt auch Akteure aus der Zivilgesellschaft deutliche Kritik an den politischen Verhältnissen äußern. Die Alliance Moise ist eine von zahlreichen Initiativen, die versuchen, das Interesse an der Politik zu wecken und die Bevölkerung für einen politischen Wandel zu mobilisieren.

Sie ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen unterschiedlichster Glaubensrichtungen und wurde von DMJ ins Leben gerufen. Ziel ist nicht nur die Förderung politischer Bildung, sondern auch die Etablierung einer neuen Debattenkultur. Denn, so erläutert Duplex Kuenzob, „die schwache politische und juristische Bildung begrenzt die Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger, sich eine eigene Meinung zu bilden und Argumente in Bezug auf Gesetzestexte zu entwickeln, um selbst so etwas wie „Agenda-Setting“ anzustoßen. Das erklärt die ständige Präsenz von Beleidigungen in dem, was eigentlich Debatten der Ideen sein sollten.“

Um ein Zeichen gegen das vergiftete politische Klima zu setzten, ruft die Allianz Moise im Vorfeld der Wahlen am 26. September 2025 zu einem Friedensmarsch mit anschließender Kundgebung in Douala auf. Sie will die Menschen dazu bewegen, sich über parteipolitisch-personelle Fragen hinweg zu engagieren und stellt dabei die konkreten Probleme des Alltags in den Mittelpunkt. Dabei setzt sich die Alliance Moise für faire und transparente Wahlen ein und schult akkreditierte Wahlbeobachter*innen, die den fairen und rechtmäßigen Ablauf des Urnengangs öffentlich kontrollieren sollen.

Am 12. Oktober entscheidet sich, ob Kamerun den Weg in Richtung Demokratie findet oder Biya erneut triumphiert. Über eines sind sich Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft Kameruns einig: Echter Wandel benötigt nicht nur einen neuen Präsidenten, sondern eine neue politische Kultur.

Autor: Paul Beitzer, Leiter der Misereor Dialog- und Verbindungsstelle für Kamerun und Tschad in N’Djamena.

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Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

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