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Ein Schlaflied für die Bienen

Auf der indonesischen Insel Sumatra werden Bienen besungen, um gegen die Ausweitung von Palmölplantagen anzugehen. Wieso die Indigenen Bewohner*innen das machen, hat sich Markus Wolter angeschaut.

Die beiden Bienen-Männer Mat Cendung und Jailani absolvieren den beschwerlichen Aufstieg zur Behausung der wilden Bienen – ohne Sicherung und ohne Helm. Foto: Markus Wolter | Misereor

Wir gehen in der Abenddämmerung durch den dichten, grünen Urwald – wahrhaft ein Dschungel hier im Zentrum von Sumatra, eine der großen Inseln Indonesiens. Angeführt werden wir von Mat Cendung und Jailani, den beiden Bienen-Männern. Was sie als Bienen-Männer tun, wird uns sogleich offenbart.

Auf einer Lichtung ragt wie aus dem Nichts ein heller, fast unwirklich erscheinender Baum empor. Bestimmt 40 Meter hoch ist er, schlank, auf festen, weiten Wurzeln erhebt er sich in den Himmel. Ein Sialang-Baum – für die Indigenen Menschen hier ist der Baum heilig. Aber nicht nur das. Der Sialang-Baum ist auch bewohnt – oben, in seiner Krone sind wilde Bienen zuhause, die einen köstlichen Honig erzeugen.

Klettern bei Nacht

Cendung und Jailani sind mit Bienen vertraut. Sie brauchen beim Aufstieg zur Behausung der wilden Bienen eine besondere Herangehensweise, um den Honig zu ernten: Mitten in der Nacht, zwischen 23 und 2 Uhr, während die Bienen ruhen, klettern sie auf den Baum, um an den köstlichen Nektar zu gelangen. Sie absolvieren den Aufstieg ohne Sicherung und ohne Helm. Nun steht Jailani, der Ältere von beiden, drahtig und gelassen am Baum und erklärt uns sein Handwerk, das er seit 1970 ausübt – seit 55 Jahren. Er hat sein Können auch schon an seine Kinder weitergegeben. Angst kennen Cendung und Jailani und ihre Nachkommen nicht: sie sagen, dass das Klettern ihnen „starkes Blut“ verleiht und sie manchmal einfach hinaufklettern, wenn sie sich unwohl fühlen oder mal einen „Perspektivwechsel“ brauchen.

Mitten in der Nacht, zwischen 23 und 2 Uhr, ruhen die Bienen – und die beiden Herren klettern auf den Baum, um an den köstlichen Nektar zu kommen. Foto: CANVA

Gänsehaut in tropischer Hitze

Obwohl sie sich als Freunde begreifen die im Wald zusammenleben, und trotz Ihrer Nähe zu den Bienen, sind sie nicht vor deren Stichen gefeit. Daher beruhigen sie die Bienen zusätzlich mit einem Schlaflied! Und dann heben die beiden Männer an und singen eine ruhige, wunderschöne Melodie, ein Schlaflied, das speziell den Bienen gewidmet ist. Trotz der Hitze bei knapp 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, bekomme ich dabei Gänsehaut. So schön und berührend ist das Schlaflied.

Unsichtbare Mitbewohner

Neben den Bienen leben aber noch mehr Bewohner*innen auf und mit dem Silang-Baum. Einige davon bleiben uns verborgen. Cendung und Jailani klären uns auf: Es sind drei Guardian Spirits, die den Baum bewohnen: Unten Merbawamu, im mittleren Teil Mantaro Adil und ganz oben residiert eine Art Prinzessin, Putri Galang Gilu. Ich frage die beiden Bienen-Männer, ob die Bewohner gut zu Ihnen sind und welche Beziehung sie zu ihnen haben. Jailani antwortet – „sie wohnen doch in dir.“ Sie sind auch ein Teil von dir, von uns allen. Was für eine Aussage! Ich bekomme zum zweiten Mal Gänsehaut.

Angst kennen Mat Cendung und Jailani nicht; manchmal klettern sie hinauf, wenn sie mal einen Perspektivwechsel brauchen. Foto: Markus Wolter | Misereor

Natur und Selbst

Die Menschen hier begreifen sich nicht als getrennt von der Natur. Für sie ist das die Mit-Welt, in der das „ich“ als Bestandteil der ganzen Um-Welt erlebt wird – als ein Teil von allem. Sie sind verbunden, mit den Bienen, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Baumes, sichtbar und unsichtbar, in mir und außerhalb von mir. „Sie leben doch in dir.“ Ich kann diesen Satz nicht mehr vergessen. Was für ein Perspektivwechsel, was für eine wunderbare Weltsicht.

Palmöl auf dem Vormarsch

Doch diese Welt ist bedroht – Zentralsumatra ist Palmöl-Land. Auf dem beschwerlichen Weg von Jambi, der Stadt im Zentrum der Insel ins Dorf Sepintun, in dem unsere Partnerorganisation Yayasan CAPPA Keadilan Ekologi arbeitet, sind es nur knapp 100 Kilometer, für die wir allerdings knapp sieben Stunden brauchen und zwischenzeitlich mit unseren großen Geländewagen mehrfach auf der Schlammpiste steckenbleiben.

Von Jambi bis ins Dorf Sepintun sind es nur knapp 100 Kilometer, für die wir allerdings knapp sieben Stunden brauchten. Foto: Markus Wolter | Misereor

Das Dorf Sepintun ist umzingelt von Ölpalmen. In unserem täglichen Leben ist Palmöl mittlerweile kaum wegzudenken, enthalten doch etwa 50 % aller Produkte im Supermarkt Palmöl. Und ein Großteil davon kommt aus Indonesien, aus Sumatra, dem größten Palmölproduzenten der Welt. Das hat dem Land einiges an Reichtum gebracht – aber zu welchem Preis und für wen? Indonesien hat eine der höchsten Treibhausgasemissionen weltweit und einen dramatischen Verlust der Biodiversität – durch die Abholzung für Ölpalmen.

Protest und Alternativen

Unsere Partnerorganisation CAPPA engagiert sich seit Jahren in der Region: Um die Ausweitung der immer eintöniger werdenden und sich in den Wald hineinfressenden Ölpalmplantagen einzudämmen und um Alternativen für die Bauern vor Ort zu schaffen. Gemeinsam mit den Bauern werden neue Einkommensmöglichkeiten ausgelotet, wie der Anbau und die Vermarktung von Spezialitäten-Kaffee der Sorte Excelsa. Außerdem wird die Vermarktung des Schlaflied-Honigs in der Stadt gefördert. Und die Menschen werden darin geschult, sich stärker und effektiver für ihre Rechte einzusetzen und sich Gehör zu verschaffen – gesellschaftlich und bei staatlichen Institutionen.

Hätte mir vor meiner Reise nach Sumatra jemand von Schlafliedern für Bienen erzählt – und behauptet, sie könnten Palmölplantagen zähmen – ich hätte wohl an tropische Fieberträume gedacht.

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Ansprechpartner Portrait

Markus Wolter war Experte für Landwirtschaft und Welternährung bei Misereor.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Avatar-Foto

    Danke für diese Geschichte! So schön und stellt gleichzeitig auch meinen Umgang mit meiner Umwelt in Frage!

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