Die UN haben 2026 zum internationalen Jahr der Weidelandschaften und Pastoralisten-Gemeinschaften erklärt. Pastoralismus – mobile Weide- und Viehwirtschaft – sichert seit Jahrhunderten Existenzen, passt sich schwierigen Bedingungen an und ist heute wichtiger denn je für die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen. Die Misereor-Partnerorganisation IMPACT kämpft in Kenia mit Lobbyarbeit und regenerativem Weidemanagement für die Rechte der Pastoralisten. Warum das UN-Jahr so wichtig ist und IMPACT ihr Lieblingsprojekt ist, erklärt Sabine Dorlöchter-Sulser, Referentin für ländliche Entwicklung bei Misereor, im Interview.

Sabine, welches ist dein Lieblingsprojekt?
Ich habe eigentlich viele Lieblingsprojekte. Ein besonderes Projekt wird aber von unserer Partnerorganisation IMPACT in Kenia durchgeführt. Sie setzt sich gezielt für die Pastoralisten in der Region ein. Sie wurde selbst von Pastoralisten gegründet und fast alle Mitarbeitenden haben einen pastoralistischen Hintergrund. Deshalb wird die Organisation von der starken Motivation angetrieben, ihre Arbeit an der Lebensweise und den spezifischen Problemen der Pastoralisten auszurichten.
Was versteht man unter Pastoralismus?
Pastoralismus ist eine Form des mobilen Weidemanagements. Das bedeutet, dass die Hirten-Gemeinschaften, die sogenannten Pastoralisten, mit ihren Viehherden sehr unterschiedlich lange Wegstrecken zurücklegen – von 10 bis hin zu mehreren hundert Kilometern. Man versteht noch besser, was Pastoralismus bedeutet, wenn man ihn mit der typischen Weidewirtschaft in Europa vergleicht. Wir kennen hierzulande vor allem umzäunte Weiden. Die Tiere grasen dort alles Verfügbare ab und rotieren dann zur nächsten Weide. Pastoralisten führen die Tiere auch durch die Weidelandschaften, lassen sie dort aber nur selektiv die besonders nährstoffreichen Pflanzen abgrasen.
Im Pastoralismus geht es nicht darum, dass ein Tier so viel wie möglich frisst, sondern dass sich die aufgenommene Nahrung positiv auf das Tier und seine Produktivität auswirkt. Es müssen keine externen Futtermittel zugekauft werden. Die Tierhaltung der Pastoralisten leistet einen zentralen – und ökologisch nachhaltigen – Beitrag zur Versorgung der gesamten Bevölkerung durch Fleisch und Milchprodukte. Außerdem stellt er weitere wichtige Produkte wie Häute oder Felle bereit. Fachleute haben herausgefunden, dass der Pastoralismus etwa achtmal so produktiv ist wie andere Formen der Tierhaltung. Außerdem kann durch Pastoralismus auch die Regeneration und die Biodiversität in Weidelandschaften gefördert werden.

Was macht IMPACT für dich aus?
IMPACT ist eine wissbegierige Organisation, die das Lernen ins Zentrum ihrer Arbeit setzt. Vor ein paar Jahren fokussierten sie sich noch ausschließlich auf Anwaltschaft und Lobbyarbeit, und sie stärken Managementstrukturen und Selbstbestimmung der Pastoralisten von unten nach oben. Sie wollten aber schon lange auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig werden und damit dezidiert die spezifischen Lebensbedingungen der Pastoralisten-Gemeinschaften verbessern. IMPACT hat damit begonnen, sich innerhalb kürzester Zeit eine breite Expertise anzueignen. Das finde ich bemerkenswert.
Welche Erfolge kann IMPACT vorzeigen?
IMPACT hat sich zum Beispiel bei der Regeneration von Weiden stark engagiert. Über Jahrhunderte waren die ariden und semiariden Gebiete im Norden Kenias den Lebensraum der Pastoralisten. Doch bereits in der Kolonialzeit wurde ihnen Land weggenommen und Siedlern zur Verfügung gestellt, die anfingen, auf den Flächen Rinderhaltung zu betreiben. Die Siedler trennten die Flächen durch Zäune ab und machten sie so unzugänglich für die Pastoralisten. Später wurden die Flächen der Nationalparks von dem Gebiet der Pastoralisten abgetrennt. In den letzten 15 bis 20 Jahren kamen weitere Investoren hinzu, unter anderem auch das Militär, das den Pastoralisten das Gebiet streitig macht. Die Verluste des Lebensraums sind schmerzlich. Gerade deshalb müssen die verbleibenden Flächen so nachhaltig wie möglich genutzt werden, damit die Pastoralisten weiterhin ihre Lebensgrundlage sichern können.
Hier setzt IMPACT mit verschiedenen Maßnahmen an. Entscheidend ist, dass sich die genutzten Flächen ausreichend regenerieren können, um die Tiere wieder mit genügend Nahrung zu versorgen. Dafür graben die Pastoralisten gemeinsam mit IMPACT halbmondförmige Mulden. Darin wird kurz vor dem Regen Saatgut einheimischer Pflanzen ausgesät. Der Regen wird von den Mulden aufgefangen und die Pflanzen gehen schnell auf. So werden die Gräser und damit auch die Weideflächen sukzessiv wiederhergestellt. Neben der Degradation der Flächen sind invasive Arten ein weiteres Problem, das IMPACT angeht. Eine solche invasive Art ist die Opuntia, eine Kakteenart. Sie steht in direkter Konkurrenz zu einheimischen Gräsern und verbreitet sich so rasant und aggressiv, dass andere Gräser keine Chance haben, sich zu entwickeln. IMPACT begrenzt die Verbreitung von Opuntien durch manuelles Hacken oder auch das Ansiedeln nützlicher Insekten.

Du hast IMPACT persönlich in Nanyuki besucht. Wie hast du die Arbeit vor Ort erlebt?
Ich war tatsächlich schon zum zweiten Mal dort. Deshalb war es für mich besonders schön zu sehen, wie sich das Projekt seit meinem ersten Besuch entwickelt hat. Viele Maßnahmen zur Regeneration der Weiden wurden umgesetzt und zeigten bereits erste Erfolge. Ein großer Teil der Fläche, die durch die Opuntia unbrauchbar geworden war, konnte wiederhergestellt werden. Das hat wirklich Mut gemacht! Außerdem ist es bemerkenswert, mit welcher Begeisterung Junge und Alte, Männer und Frauen der Pastoralisten-Gemeinschaft die Maßnahmen umsetzen.
Durch den Klimawandel treten im Norden von Kenia immer häufiger Extremwetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen auf. Vor diesem Hintergrund: Ist der Pastoralismus eine zukunftsfähige oder eine gefährdete Lebensform?
Ich möchte die drastischen Folgen des Klimawandels keinesfalls schmälern oder gar verharmlosen. Man muss aber sagen, dass das gesamte weidewirtschaftliche System der Pastoralisten über Jahrtausende entwickelt wurde. Dementsprechend wurden sie immer wieder mit Extremwetter konfrontiert, wenn auch nicht in der Häufigkeit. Sie haben sich einen Erfahrungsschatz angeeignet und ausgeklügelte Systeme entwickelt, um mit Dürren umzugehen. Was das Problem des Klimawandels aber für die Pastoralisten dennoch dramatisch macht, ist die Verbindung der Klimakrise mit immer kleiner werdenden Flächen. Je mehr gute Weiden verloren gehen, desto geringer wird die Flexibilität und Resilienz der Pastoralisten. Außerdem führen umzäunte Flächen dazu, dass die Pastoralisten mit ihren Herden große Umwege machen müssen, um zu guten Weiden zu gelangen.
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum internationalen Jahr der Weidelandschaften und Pastoralisten erklärt. Warum ist dieses Jahr so wichtig, auch im Hinblick auf dein Lieblingsprojekt?
Leider gibt es zahlreiche Vorurteile und fehlgeleitete Mythen in Bezug auf den Pastoralismus. Viele Menschen halten mobile Weidehaltung für ein Relikt aus der Vergangenheit – etwas, was aus der Zeit gefallen und damit obsolet ist. Was wir im Gegensatz dazu aber feststellen und auch von der Wissenschaft bestätigt bekommen: Pastoralisten leisten auf verschiedenen Kontinenten einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt großer Weidelandschaften. Ohne die Beweidung würden diese Landschaften verbuschen. Es gibt Überweidung, ja, aber genauso gibt es auch Unterweidung. Das bedeutet, Flächen werden zerstört, wenn Pastoralisten von diesen Flächen ausgeschlossen werden. Insgesamt leisten Pastoralisten einen entscheidenden Beitrag, gerade weil diese Weidelandschaften mehr Kohlenstoff speichern können als unsere Regenwälder. Das sind jedoch Fakten, die kaum bekannt sind. Deshalb braucht es das internationale Jahr der Weidelandschaften und Pastoralisten: Um dafür zu sensibilisieren und auch Politiker und Entscheidungsträger auf den Wert von Pastoralismus aufmerksam zu machen.
Interview: Eva-Maria Volk