In Timor-Leste ist der Zugang zu Wasser eine tägliche Herausforderung. Die Misereor-Partnerorganisation Permatil zeigt, wie mit traditionellem Wissen und einem ganzheitlichen Ansatz die Sprache der Natur entschlüsselt und Wasserquellen wiederbelebt werden können. Das Ziel: ein besseres Leben für die Menschen und ganz konkret der möglichst ganzjährige Zugang zu Wasser. Das Engagement von Permatil zeigt, dass das „Lesen der Natur“ nicht nur Theorie ist, sondern praktische Lösungen für existenzielle Probleme bietet.

Meine erste Dienstreise in meiner Rolle als Misereor-Fachkraft für Agrarökologie führte mich nach Timor-Leste, auch bekannt als Osttimor. Timor-Leste befindet sich auf der Insel Timor in Südostasien. Ein noch junges Land, erst vor knapp 20 Jahren unabhängig geworden: stolz darauf, es geschafft zu haben, sich gegen die „Invasoren“ aus Indonesien behauptet zu haben. Eine große Rolle im Freiheitskampf spielte die Natur – denn nach dem Einmarsch der indonesischen Truppen Mitte der 1970er Jahre flohen viele Osttimoresen in die Wälder, ins karge Hochland – überlebten dort nicht nur, sondern kämpften und organisierten von dort aus ihren Widerstand und den Kampf für ihre Unabhängigkeit. „Die Natur hat uns gerettet“ – so sagen viele Timoresen und haben seither eine noch engere Bindung an den Wald, den Boden, ihre Mitwelt, die ihnen handfeste Hilfe war in ihrem Befreiungskampf.
Vor diesem Hintergrund kann ich besser verstehen, wie Ego Lemos, der Direktor von Permatil (Timor-Leste), und sein Team ihre Arbeit verstehen, ihren Wunsch, ihr Land mit aufzubauen, das nach wie vor sehr arm ist und in dem fast 50 % der Kinder mangelernährt sind.
Die Bedeutung von Wasser in Osttimor
Besuch in der Exklave Oecusse: Ein kleines Dorf, hoch in den Bergen. Osttimor zeigt sich hier trocken und karg – ein Klima, das eher an Australien erinnert als an die üppige grüne Fülle der indonesischen Inseln. Jahrzehntelang war die Quelle des Dorfes versiegt, nur in der Regenzeit floss Wasser. In den übrigen Monaten mussten die Menschen für Waschen, Kochen und die Bewässerung ihrer Gärten bis zu zwei Stunden zu Fuß zurücklegen. Dabei ging es nicht nur über einfache Wege, sondern über steile, unwegsame Hänge hinab und wieder hinauf – oft auf schmalen Pfaden, die volle Aufmerksamkeit erforderten. Das Leben ist sehr beschwerlich hier, die sehr knappe Ernährungslage ist offensichtlich, gerade bei frischem Gemüse und der Versorgung mit Fleisch.
Direktor Ego Lemos ist ein Musik-Star in Osttimor. Er ist Liedermacher und im Land bekannt wie ein bunter Hund. Überall, wo wir auch hinkommen, Ego Lemos wird freudig begrüßt – und wir gleich mit. Ego erklärt uns, wie er und sein Team arbeiten: „Ich gehe an die Quelle, und von dort aus 100 Meter nach oben. Ich sehe mir die Umgebung an, was dort wächst, wie das Gelände beschaffen ist – ich lese die Natur.“

Von der Quelle zum Dorf – wie Wasser zurückkehrt
Und dann wird gemeinsam mit den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern geplant und entwickelt, wo kleine Rückhaltebecken ausgehoben werden können, damit das Regenwasser nicht einfach nur den Hang herabrauscht und verschwunden ist, sondern sehr langsam versickert und so die Quelle speisen kann. In harter Gemeinschaftsarbeit ist nach einem bis drei Tagen so ein Becken dann ausgehoben. Falls es vorher zu Abholzungen gekommen ist, werden in der Region angepasste Bäume gepflanzt, die mit ihren Wurzeln helfen, das Wasser zu halten. Die Dorfgemeinschaft, die Bürgermeister, die zuständigen Ämter – alle werden mit ins Boot geholt, damit das Projekt auch nachhaltig wirkt und unterhalten wird.
Der Effekt ist recht schnell sichtbar – fast ganzjährig haben die Menschen jetzt wieder Wasser, können nah an ihren Häusern kochen, sich waschen und ihre Hausgärten bewässern. Diese haben in Osttimor eine herausragende Bedeutung für die Versorgung der Menschen mit Obst, Gemüse, Mais, Cassava und Reis.

Gemeinschaftsarbeit für nachhaltige Lösungen
Damit dieses Wissen ganz früh vermittelt wird, beinhaltet das Projekt auch, dass in Schulen Bio-Gärten angelegt werden. Sie sollen Wissen vermitteln über ökologischen Gartenbau, praktisches Wissen, das die Kinder mit nach Hause nehmen können. Im Garten lernen sie nicht nur den Anbau von Pflanzen, sondern auch weitere Fächer wie Mathematik und Geschichte. Der Garten – ihre unmittelbare Mitwelt – ist ein Teil von ihnen. Das Wissen aus der Schule bekommt hier eine konkrete, praktische Anwendung: Beim Zählen etwa, wenn sie feststellen, wie viele Tomaten sie geerntet haben.
Von dieser ganzheitlichen Herangehensweise ausgehend – von der Wasserquelle bis zum Schulgarten – wird bei Permatil auch politische Lobbyarbeit vorangetrieben. Mit anderen Misereor Partnerorganisationen setzt man sich dafür ein, dass staatliche Institutionen und Gesetzgebung entsprechend angepasst werden, um eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit lokalen Lebensmitteln zu ermöglichen.
Doch das ist noch ein langer Weg und der Frust über die Politik ist groß, daher ist es so wichtig, dass im und auf dem Feld Ergebnisse zu sehen sind, damit auch die Entscheidungsträger sehen: Wasser ist Leben – und wenn wir die Natur richtig lesen, können wir Wasser wieder fließen lassen, zum Wohle aller!