Am 25. Januar 2019 kollabierte der Rückhaltedamm einer Eisenerzmine im brasilianischen Brumadinho. Rund 13.000 Tonnen schwermetallhaltiger Schlamm wälzten sich durch das Tal und zerstörten ganze Ansiedlungen, Infrastruktur und Felder – und die Träume ganzer Familien. 272 Menschen verloren ihr Leben. Erst im Januar 2026 wurde die Suche nach menschlichen Überresten eingestellt. Zwei Opfer bleiben für immer verschwunden.

Kalkuliertes Risiko statt Unfall
Der brasilianische Minenbetreiber Vale stellte den Kollaps zunächst als völlig unerwartet und unvorhersehbar dar. TÜV Süd Brasil, ein Tochterunternehmen des deutschen Prüfkonzerns TÜV Süd, hatte dem Damm noch im September 2018 ein Stabilitätszertifikat erteilt. Doch strafrechtliche Ermittlungen und mehrere Untersuchungsausschüsse nach der Katastrophe zeichnen ein anderes Bild: Alles deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um ein kalkuliertes Risiko handelte – und damit um ein menschengemachtes Verbrechen. Denn Mitarbeitende von TÜV Süd zertifizierten die Stabilität des Damms, obwohl infrastrukturelle Defizite bestanden. Dadurch wurde eine gründliche Überprüfung und Intervention der brasilianischen Bergbaubehörde ANM verhindert – ebenso ein teurer Betriebsstopp.
Deutsche Mitverantwortung
Im Rahmen der Ermittlungen in Brasilien tauchte immer wieder auch der Name eines deutschen Ingenieurs des Mutterkonzerns TÜV Süd auf, der mutmaßlich in die Erteilung des Stabilitätszertifikates involviert war. Deshalb hatten fünf Familien gemeinsam mit Misereor und dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) bereits 2019 Strafanzeige in München eingereicht. Das Ziel: Das Unternehmen und verantwortliche Mitarbeitende zu belangen, um im Bereich der Unternehmensverantwortung nachhaltige Veränderungen zu erreichen. Dies wäre auch ein wichtiges Signal gegen den aktuellen EU-weiten Backlash beim Lieferkettengesetz. Doch die Entscheidung der Staatsanwaltschaft lässt nach sieben Jahren weiter auf sich warten.
Gerechtigkeit in Sicht?
Brasilien ist einen Schritt weiter: Seit dem 23. Februar 2026 laufen die Beweisaufnahmen gegen Vale, TÜV Süd Brasil und 16 Verantwortliche. Die Vorwürfe: vorsätzliche Tötung und Umweltverbrechen. Die Anhörungen sind bis Mai 2027 angesetzt. Die Menschenrechtsanwälte Danilo Chammas und Pablo Martins, die die Angehörigen der Todesopfer im Prozess vertreten und bei der Misereor-Partnerorganisation „Instituto Cordilheira“ arbeiten, sehen darin einen Meilenstein: „Dass das Verfahren voranschreitet, zwingt die Angeklagten, sich öffentlich zu rechtfertigen. Das allein ist bereits eine Form von Gerechtigkeit.“ Trotz der Übermacht der Großkonzerne und taktischer Verzögerungen soll dieser Prozess ein Vermächtnis für künftige Opfer schaffen.
Transparenz schaffen
Um die Öffentlichkeit einzubinden, haben Partnerorganisationen das Observatório das Ações Penais – eine Beobachtungsstelle für Strafverfahren zur Tragödie von Brumadinho – ins Leben gerufen. Die Plattform bietet allgemein verständliche Informationen und aktuelle Updates zum Prozess in Belo Horizonte. Das Observatório wird nun auf seiner Homepage fortlaufend über die Anhörungen informieren, die am 23. Februar in Belo Horizonte begonnen haben.