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Krieg in Nahost: Reißt die Hisbollah den Libanon in den Abgrund?

Die Lage im Libanon spitzt sich durch die Angriffe der Hisbollah und Gegenschläge der israelischen Armee immer weiter zu. Längst hat sich hier eine eigene, gefährliche Dynamik entwickelt, die das gesamte Land zu destabilisieren droht. Wie sich diese schleichende Eskalation konkret anfühlt, erlebt man derzeit in den Straßen von Beirut.

In Beirut gestrandete Familien aus dem Südlibanon (Foto: Frank Wiegandt)

Zermürbung in Beirut

Es war gegen 2.30 Uhr am frühen Montagmorgen, als ich in meiner Wohnung in der Innenstadt von Beirut durch heftige Explosionen geweckt wurde. Die israelischen Luftstreitkräfte flogen Angriffe, die kurz auf die Beschüsse der schiitischen Miliz Hisbollah auf Ziele in Nordisrael folgten. Es gab laute Detonationen, mehrere kurz hintereinander.

Seit diesem Montag halten die Bombenangriffe nun an. Über der Stadt kreisen ununterbrochen Drohnen mit einem ohrenbetäubenden Getöse. Den Lärm der Drohnen kannte ich zwar schon, allerdings nur sporadisch während des Tages. Dass sie nun auch die gesamte Nacht hindurch zu hören sind, ist zermürbend – eine Form der psychologischen Kriegsführung, der man nicht entkommt.

Das Stadtbild der Flucht

In meinem Viertel ist es mittlerweile noch schwieriger als sonst, einen Parkplatz zu finden. Überall stehen Autos, oft ungeordnet in zweiter oder dritter Reihe. Dieser Andrang herrscht, obwohl die Schulen geschlossen wurden und das Verkehrsaufkommen eigentlich deutlich geringer sein müsste. Tatsächlich sind es die Wagen von Familien aus dem Südlibanon. Sie sind nach den Angriffen der israelischen Armee aus ihren Städten und Dörfern nach Beirut geflohen, um hier Schutz zu suchen. Die Menschen übernachten in ihren Autos, in Schulen, Moscheen und Kirchen oder in Zelten am Meer. Nur wer es sich leisten kann, kommt in Hotels unter.

Warten auf bessere Zeiten: Menschen sitzen am Meer, um die Zeit totzuschlagen. Einige gehen trotz der kühlen Temperaturen baden oder angeln. (Foto: Frank Wiegandt)

Ein Déjà-vu der Zerstörung

Es wiederholt sich etwas, das sich auf fast identische Weise bereits im September 2024 abgespielt hat. Damals wurden der Süden des Landes und der mehrheitlich schiitische Stadtteil Dahieh in Beirut massiv bombardiert. Am 26. September 2024 wurde der langjährige Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah durch einen gezielten Luftschlag getötet. Heute ist die Hisbollah zwar geschwächt, aber sie ist immer noch präsent. Trotz vieler Versprechungen ist es der libanesischen Regierung bisher nicht gelungen, die Miliz zu entwaffnen oder politisch zu entmachten. In meiner Nachbarschaft, die überwiegend von sunnitischen Muslimen und Christen bewohnt wird, war die Atmosphäre bisher entspannt; selbst während des Ramadans ist es üblich, öffentlich Kaffee zu trinken oder Shisha zu rauchen. Doch das Bild wandelt sich: Man sieht nun viele Frauen in Schwarz, teilweise verschleiert. Es sind binnenvertriebene Schiitinnen, die mit ihren Kindern das Nötigste einkaufen, um am Abend das Fastenbrechen vorzubereiten.

Die Geflüchteten übernachten im Freien, in ihren Autos, in Schulen, Moscheen und Kirchen oder in Zelten am Meer. Nur wer es sich leisten kann, kommt in Hotels unter. (Foto: Frank Wiegandt)

Solidarität am Rande des Abgrunds

Trotz der Spannungen gibt es viel Solidarität. Christen und Muslime sammeln gemeinsam Spenden für ihre geflüchteten Landsleute. Auch die Partnerorganisationen von Misereor, der Jesuit Refugee Service (JRS) und das Joint Christian Committee (JCC), sind im Einsatz: Sie mobilisieren Unterkünfte, Nahrungsmittel und Hygieneartikel, leisten aber auch wichtige psychosoziale Betreuung für die traumatisierten Menschen. Die berühmte Strandpromenade, die Corniche, hat sich derweil in einen improvisierten Campingplatz verwandelt. Die Menschen sitzen am Meer, um die Zeit totzuschlagen. Einige gehen trotz der kühlen Temperaturen baden oder angeln, Kinder spielen zwischen den Zelten, während die Frauen auf Gaskochern die Mahlzeiten zubereiten. Wenn ich an ihnen vorbeigehe, schnappe ich Gesprächsfetzen auf – es geht um Israel, um „Tsahal“ – die israelische Armee – aber immer wieder auch um die Hisbollah.

Wut und das Gefühl des Verrats

Die Menschen hier sind resilient, aber sie sind auch unendlich müde. Schon wieder die Heimat verlassen, schon wieder die Ungewissheit, ob das eigene Haus noch steht. Die Wut richtet sich zwar gegen die israelische Armee und die „Zionisten“, doch fast noch stärker ist der Zorn auf die eigene Führung. Viele werfen der Hisbollah vor, blind den Befehlen der iranischen Mullahs gefolgt zu sein und Israel angegriffen zu haben – was der israelischen Armee den Vorwand für den sofortigen Gegenschlag lieferte.

Am 26. September 2024 wurde der langjährige Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah durch einen gezielten Luftschlag getötet. Heute ist die Hisbollah zwar geschwächt, aber sie ist immer noch präsent. (Foto: Frank Wiegandt)

Dieses hochriskante Spiel der Hisbollah wird von vielen als unpatriotisch, ja als Verrat empfunden. Sie werfen der Miliz vor, die Interessen einer fremden Macht – des iranischen Regimes – über die Sicherheit und das Gemeinwohl der libanesischen Bevölkerung zu stellen. Wenn ich die Corniche entlanggehe, spüre ich argwöhnische Blicke. Sie scheinen zu fragen: „Was machst du hier? Sind wir auch wegen deinesgleichen hier gestrandet?“ Das ist rational gesehen Unsinn, aber im Krieg, in dem die Wahrheit nie simpel ist, kann ich es den Menschen nicht verdenken. Mein Eindruck ist jedoch: Die Hisbollah hat ihren letzten Kredit bei der Bevölkerung verspielt. Niemand versteht, warum sie das Land trotz aller Warnungen der Regierung in diesen Krieg hineingezogen hat.

So sieht es auch der lateinisch-katholische Bischof von Beirut, Mgr. César Essayan. Als ich ihn am 3. März traf, rief er mir entgeistert zu: „Sind die alle verrückt geworden? Wird das jetzt der dritte Weltkrieg?“

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Frank Wiegandt leitet die Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor im Libanon.

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