International wird Tiefseebergbau zunehmend als Zukunftstechnologie diskutiert. Er gilt vielen als Antwort auf ein zunehmend rohstoffhungriges Wirtschaftssystem. Für sehr viele Gemeinschaften im Pazifik ist er jedoch eng mit kolonialen Erfahrungen, Risiken für Mensch und Umwelt sowie der Verletzung grundlegender Rechte verbunden. Der folgende Beitrag beleuchtet diese Perspektiven insbesondere im Hinblick auf kollektive Rechte, Selbstbestimmung und Umweltschutz. Ein Vorwort von Dr. Klaus Schilder, der die Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor in Ozeanien in Suva (Fidschi) leitet, ordnet die Debatte aus regionaler Erfahrung ein.

Seit Jahrzehnten steht Misereor im Kampf gegen Tiefseebergbau solidarisch an der Seite der Betroffenen und der Zivilgesellschaft im Pazifik. Für mich als Leiter der der Dialog- und Verbindungsstelle in Suva (Fidschi) ist es immer wieder beeindruckend, wie stark und geschlossen das kollektive Nein zum Tiefseebergbau im Pazifik ist. Dieses Nein ist eingebettet in ein tiefes kulturelles und spirituelles Selbstverständnis. Es beruht auf der Vorstellung der Einheit und Verflochtenheit der Bewohner*innen des „flüssigen Kontinents“ mit dem Land (vanua) und dem Ozean (moana). Genau daraus speist sich der Widerstand gegen einen neuen, kaum kontrollierbaren „blauen Extraktivismus“.
Kollektive Lebensgrundlage und dauerhafter Frieden
Die Zivilgesellschaft im Pazifikraum leistet nicht nur sehr erfolgreich Widerstand gegen den kommerziellen Tiefseebergbau. Sie entwickelt zugleich vielfältige post‑extraktive Zukunftsvisionen: Der Ozean wird nicht als vermeintlich neue Rohstoffquelle verstanden, sondern als Raum kultureller Verbundenheit, kollektiver Lebensgrundlage und dauerhaften Friedens in der Region. Gemeinsam mit meinen Kollegen Jan Pingel (Ozeanien‑Dialog) und Francisco Mari (Brot für die Welt) werfen wir in diesem Beitrag einen Blick auf die vielfältige Protestbewegung – und auf die Hoffnung auf eine andere, solidarischere Welt, die sie in sich trägt.
Der „blaue Kontinent“
In der internationalen Debatte erscheint Tiefseebergbau häufig als nahezu unvermeidlich: Metalle für Batterien, Rohstoffe für die Energiewende, Versorgungssicherheit und die Verringerung geopolitischer Abhängigkeiten – etwa von China – sowie Wachstumsversprechen neuer maritimer Industrien. Im Südpazifik jedoch wird diese Entwicklung in einem grundlegend anderen Kontext verhandelt. Hier steht nicht primär die ökonomische Chance im Vordergrund, sondern die Frage nach den Rechten indigener Gemeinschaften, selbstbestimmt in und mit ihrem „blauen Kontinent“ zu leben.
Widerstand wächst
Im gesamten Pazifik wächst der Widerstand gegen den industriellen Tiefseebergbau. Für viele Küstengemeinschaften stellt er keine neue Perspektive dar, sondern weckt Erinnerungen an eine Geschichte kolonialer Ausbeutung, deren Folgen bis heute nachwirken. Besonders prägend ist das Trauma der Atomtests in der Region. Zwischen 1946 und 1958 führten die Vereinigten Staaten auf den Marshallinseln – unter anderem am Bikini-Atoll – umfangreiche Tests durch. Ganze Gemeinschaften wurden zwangsumgesiedelt, ihre Lebensräume dauerhaft kontaminiert. Auch Frankreich testete bis Mitte der 1990er Jahre Atomwaffen in Französisch-Polynesien, etwa auf Moruroa. Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen wurden lange verschwiegen, viele Betroffene leiden bis heute darunter.
Diese Erfahrungen sind tief im kollektiven Gedächtnis vieler pazifischer Gesellschaften verankert. Sie prägen nicht nur historische Narrative, sondern auch das gegenwärtige Verhältnis zu externen Eingriffen in Umwelt und Ressourcen. Für die betroffenen Gemeinschaften bedeutete dies, dass sie faktisch zu “Versuchskaninchen” wurden, während die verantwortlichen Staaten die Risiken räumlich auslagerten.

Auch Erfahrungen mit extraktiven Industrien, insbesondere dem Bergbau an Land, haben das Vertrauen vieler Gemeinschaften nachhaltig erschüttert. Versprochene Arbeitsplätze und Entwicklungseffekte blieben häufig aus oder kamen nur wenigen zugute. Gleichzeitig kam es wiederholt zu Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und sozialen Spannungen. Gewinne flossen oftmals ins Ausland oder an nationale Eliten, während die lokalen Gemeinschaften die langfristigen Kosten trugen.
Der Pazifik als (spirituelle) Lebensgrundlage
Es überrascht nicht, dass Tiefseebergbau in Ozeanien auf breite Ablehnung stößt. Denn er betrifft das verbindende Element der Region unmittelbar: den Ozean selbst. Das Meer ist in pazifischen Gesellschaften weit mehr als ein geografischer Raum. Es ist Lebensgrundlage, kultureller Bezugspunkt und spiritueller Raum zugleich. Fischerei sichert Ernährung und Einkommen, während traditionelle Praktiken tief in sozialen Strukturen und kulturellen Ausdrucksformen verankert sind. Konzepte wie moana (Ozean) und vanua (Land) verdeutlichen ein Weltverständnis, in dem Mensch und Umwelt untrennbar miteinander verbunden sind. Tiefseebergbau kann damit direkt zur Gefährdung von grundlegenden Menschenrechten führen. Eingriffe in marine Ökosysteme haben daher nicht nur ökologische, sondern auch tiefgreifende soziale, kulturelle und spirituelle Konsequenzen.

Grundrechte verletzt
„Unerwünscht, überflüssig und ohne Zustimmung“ – dieses prägnante Motto der der Kampagne von Pacific Blue Line bringt die Haltung vieler pazifischer Gemeinschaften, Kirchen und zivilgesellschaftlicher Organisationen zum Tiefseebergbau auf den Punkt. Es steht für eine klare Ablehnung eines Industriezweiges, der als Fortsetzung historischer Ungerechtigkeiten wahrgenommen wird.
Im Zentrum der Kritik stehen menschenrechtliche Risiken: die Gefährdung von Lebensgrundlagen, kulturellen und spirituellen Rechten sowie das Recht auf Selbstbestimmung. Letztlich geht es nicht nur um Rohstoffe. Es geht um die Achtung grundlegender Rechte – um das Recht auf Selbstbestimmung, auf Nahrung, auf kulturelle Identität und auf eine intakte Umwelt. Und es geht um die Frage, ob diese Rechte auch für zukünftige Generationen im Pazifik gelten sollen.
Autoren
Francisco Mari (Brot für die Welt), Klaus Schilder (Misereor) und Jan Pingel (Ozeanien-Dialog).
Hinweis
Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog des Ozeanien‑Dialogs und wurde für diese Veröffentlichung redaktionell leicht überarbeitet.