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Fossile Abhängigkeit als Hungerfaktor: Öl, Kunstdünger und steigende Lebensmittelpreise

Schon wieder dieses Szenario: Ein neuer Konflikt am Persischen Golf – aktuell mit Blick auf Iran –, steigende Öl- und Gaspreise, teurer Kunstdünger, höhere Lebensmittelkosten. Ein bekanntes Muster, das sich scheinbar alle paar Jahre wiederholt – das fossile Murmeltier grüßt. Doch das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis eines Ernährungssystems, das tief in fossiler Energie verankert ist. Warum steigende Öl- und Gaspreise den Hunger befeuern, warum jede neue „Lebensmittelkrise“ im Kern auch eine fossile Energiekrise ist und wie wir aus dieser Logik herauskommen können, das zeichne ich im folgenden Beitrag nach.

Ein Kleinbauer bringt in einem Reisfeld mineralischen Stickstoffdünger aus, der überwiegend aus Erdgas hergestellt wird. (Foto: Gowtham AGM / Unsplash)

Eine Zahlenreihe: 1973-1979-1991-2026, das sind keine Lottozahlen, sondern die Jahre, in denen das fossile Murmeltier immer wieder hervorkroch: Krise oder Krieg in Iran, Irak, Kuwait und Israel. Auch im Jahr 2022, mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, mussten wir ein ähnliches Phänomen erleben. Fatal, dass in diesen politisch instabilen Regionen so große Mengen an den Stoffen unter der Erde sind, die wir für unseren Wohlstand und Komfort so dringend zu brauchen scheinen – Erdöl und Erdgas. Und die sind im wahrsten Sinne des Wortes Treibstoff und Schmiermittel der fossilen Weltwirtschaft.

Steigende Energiepreise

Wie hängen diese nun mit den internationalen Düngemittel- und Lebensmittelpreisen zusammen? Kunstdünger sind extrem energieaufwändig in der Herstellung, im sogenannten Haber-Bosch-Verfahren. Ein besonders wichtiger Dünger ist Harnstoff und dessen Grundstoff Ammoniak. Der wird überwiegend aus Erdgas hergestellt. Deshalb haben steigende Energiepreise direkte Folgen für die Kosten von Düngemitteln. Davon sind auch Pestizide betroffen, da ihre Produktion ebenfalls viel Energie erfordert. Die Straße von Hormus, die wechselseitig mal von Iran und dann von den USA blockiert wird, ist eine zentrale Schiffsroute für Düngemittel. Durch sie werden rund 27 Prozent des weltweiten Ammoniak- und 35 Prozent des Harnstofftransports abgewickelt.

Grundnahrungsmittel unter Druck

Mit Beginn des Angriffs auf den Iran ist Stickstoffdünger deutlich teurer geworden: Die Preise liegen derzeit rund 40 bis 60 Prozent höher. Asien verbraucht aktuell etwa 51 Prozent des weltweit eingesetzten Stickstoffs. Zu den wichtigsten Importländern zählen unter anderem Indien und Thailand, also Staaten, die besonders stark von externen Lieferungen abhängig sind. Europa und die USA liegen beim Verbrauch fast gleichauf und kommen zusammen auf rund 22 Prozent.

Auch die Philippinen und Kambodscha betroffen

Welche Auswirkungen diese Entwicklungen konkret haben, zeigt sich beispielhaft auf den Philippinen, wo ich seit einigen Monaten lebe und für Misereor arbeite. Dort sind sowohl die Lebensmittelpreise als auch die Kosten für Kochenergie deutlich gestiegen. Der Staat hat inzwischen sogar eine Vier-Tage-Woche für Staatsbedienstete angeordnet. Das wichtigste Grundnahrungsmittel Reis ist innerhalb von zwei Wochen an die 40 Prozent teurer geworden. Kunstdünger sind fast doppelt so teuer geworden. Für Gas zum Kochen müssen Haushalte inzwischen rund 60 Prozent mehr ausgeben als zuvor. Für viele philippinische Familien stellen diese massiven Preissteigerungen eine extreme Belastung dar, zumal die Mehrheit der Haushalte auf Gas zum Kochen angewiesen ist.

Das wichtigste Grundnahrungsmittel Reis ist auf den Philippinen innerhalb von zwei Wochen an die 40 Prozent teurer geworden. (Foto: Ian Taylor / Unsplash)

Und das ist vermutlich erst der Anfang. Als ich im April auf einer Dienstreise Kambodscha besucht habe, standen viele Bäuerinnen und Bauern gerade erst am Beginn der Düngesaison und damit in den Startlöchern für den Kauf von Dünger – ein Prozess, der sich bis kurz vor der Aussaat im Juni hinziehen kann, wenn der Monsunregen über das Land kommt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich viele Landwirte jedoch noch gar nicht mit den stark gestiegenen Preisen auseinandergesetzt, in der Annahme, dass sich gegenüber dem Vorjahr nicht viel verändert habe. Wie angespannt die Lage bereits damals war, zeigte sich auch an anderer Stelle: Rund die Hälfte der Tankstellen war geschlossen, weil es an Benzin mangelte. Aus früheren Krisen wissen wir, dass extreme Preissprünge dazu führen, dass deutlich weniger Stickstoffdünger eingesetzt wird – mit entsprechend geringeren Ernten. Hinzu kommen steigende Transportkosten durch höhere Dieselpreise sowie wachsende Lagerkosten, etwa für Kühlung. All das treibt die Preise für Nahrungsmittel weiter in die Höhe.

Abhängigkeit vom Kunstdünger beenden

Insgesamt zeichnet sich damit ein beängstigendes Szenario ab: Die Welt könnte erneut auf eine Hungerkrise zusteuern. Die Zahl der aktuell rund 735 Millionen hungernden Menschen dürfte sich in diesem Fall um weitere Millionen erhöhen. Es wird erwartet, dass im Zuge der Energie- und Düngemittelkrise etwa 45 Millionen mehr Menschen hungern werden.

Unsere derzeitige Wirtschaftsweise ist – global betrachtet – abhängig von günstigem, jederzeit verfügbarem Öl und Gas. Und zwar nicht nur für naheliegende Bereiche wie Transport oder Energieerzeugung, sondern eben auch für die Landwirtschaft, etwa bei der Herstellung von Düngemitteln. Pflanzen brauchen Stickstoff, den wichtigsten Bestandteil der gängigen Dünger. Er ist für Pflanzen das, was Eiweiß für unsere Ernährung ist: ein grundlegender Baustein für Wachstum und Entwicklung. Ohne Stickstoff gibt es kein Wachstum und keine Erträge.

Etwa die Hälfte des Stickstoffdüngers hierzulande wird importiert; damit macht sich Deutschland in einem zentralen Bereich der Ernährungssicherung abhängig; häufig von Staaten, die politisch instabil sind. (Foto: Samuel Faber / Pixabay)

Deutschland als Düngerland – eine riskante Abhängigkeit

Der Stickstoffbedarf Deutschlands allein liegt pro Jahr bei rund einer Million Tonnen. Zwar gehen Schätzungen davon aus, dass Landwirte hierzulande etwa 75 Prozent des benötigten Kunstdüngers bereits vor dem Ausbruch des Krieges zu damals niedrigeren Preisen eingekauft haben. Doch strukturell bleibt die Abhängigkeit bestehen: Knapp die Hälfte des Stickstoffdüngers wird importiert. Ein Großteil dieser Importe stammt aus Ägypten, Katar und Algerien (zusammen rund 59 Prozent), während der Anteil Russlands inzwischen auf unter 20 Prozent gesunken ist. Damit macht sich Deutschland in einem zentralen Bereich der Ernährungssicherung abhängig von Staaten, die politisch instabil sind oder deren Verlässlichkeit zumindest fraglich ist.

Keine Krisensicherheit

Von Krisensicherheit kann unter diesen Voraussetzungen kaum die Rede sein – erst recht nicht angesichts der Frage, ob wir uns dauerhaft in solche Abhängigkeiten begeben wollen. Vor diesem Hintergrund stellt sich zwingend die Frage, wie eine Landwirtschaft aussehen kann, die Erträge sichert, ohne in zentralen Bereichen von fossiler Energie, importiertem Kunstdünger und geopolitisch fragilen Lieferketten abhängig zu sein. Ansätze dafür gibt es bereits und sie werden erfolgreich praktiziert – weltweit.

Vielfalt im ökologischen Gartenbau, hier BSB Agatho in Indonesien, kann für höhere Gesamterträge sorgen als konventionelle Betriebe. (Foto: Markus Wolter)

Vielfalt im ökologischen Landbau

Agrarökologie, ökologischer Landbau, Permakultur, regenerative Landwirtschaft, Agroforst – es gibt viele Konzepte einer nachhaltigeren Landwirtschaft. So unterschiedlich sie im Detail sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie setzen auf geschlossene Nährstoffkreisläufe, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit und reduzieren gezielt die Abhängigkeit von Stoffen wie Kunstdünger oder Pestiziden – bei gleichzeitig stabiler Produktivität. Viele Partnerorganisationen von Misereor arbeiten genau nach diesen Prinzipien und setzen sie mit großem Erfolg um. Dazu gehören unter anderem folgende Techniken:

  • vielfältige Fruchtfolgen mit Anbau von stickstofffixierenden Pflanzen. Dabei werden unterschiedliche Kulturen gezielt nacheinander angebaut, anstatt die Böden einseitig zu nutzen. Eine besondere Rolle spielen hier stickstofffixierende Pflanzen wie Bohnen, Erbsen oder Erdnüsse.
  • eigene Düngerherstellung, z.B. Kompost oder Bio-Flüssigdünger und das
  • Arbeiten im Agroforst System sowie der Anbau von stickstofffixierenden Bäumen.

Erfahrungen von Bäuerinnen und Bauern ebenso wie wissenschaftliche Studien zeigen, dass diese Anbausysteme in den Tropen und Subtropen teils sogar höhere Gesamterträge erzielen als konventionelle Betriebe und zugleich zur Vielfalt und Qualität der Ernährung beitragen. Die Hürden für eine Umstellung liegen jedoch meist weniger auf betrieblicher Ebene, sondern sind vor allem struktureller Natur. Dennoch können auch wir als Verbraucherinnen und Verbraucher einen wichtigen Beitrag zu diesem Wandel leisten.

Was kann ich tun?

Kaufen Sie vermehrt Produkte aus ökologischer Landwirtschaft mit dem EU‑Bio‑Siegel. Bei Produkten aus Asien, Afrika oder Lateinamerika empfiehlt es sich zudem, auf das Fairtrade‑ und Bio‑Siegel zu achten – etwa bei Produkten der GEPA. So tragen Sie dazu bei, dass Bäuerinnen und Bauern weltweit ohne Kunstdünger wirtschaften können und stärken zugleich Vorbilder für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.

Anbau von Kaffee im Agroforst System in Süd-Sumatra: Auch hier setzt man auf geschlossene Nährstoffkreisläufe, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit, um gezielt die Abhängigkeit von Stoffen wie Kunstdünger oder Pestiziden zu verringern. (Foto: Markus Wolter)

Eine weitere Möglichkeit ist die Beteiligung an einer solidarischen Landwirtschaft (Solawi). In vielen Städten gibt es inzwischen entsprechende Betriebe, bei denen Sie über viele Monate im Jahr regional erzeugtes Bio‑Gemüse beziehen und die landwirtschaftliche Arbeit direkt mittragen. Fordern Sie mehr Bio‑Produkte in der öffentlichen Außer‑Haus‑Verpflegung – etwa in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern oder in Ihrer Kirchengemeinde. Das sorgt für eine steigende Nachfrage auch bei nachhaltigen Produktionsweisen. Nicht zuletzt können Sie politisch aktiv werden: Sprechen Sie Politiker*innen in Ihrem Wahlkreis gezielt darauf an, sich für eine klare Exit‑Strategie aus der Abhängigkeit von Kunstdünger einzusetzen und die im Misereor‑Positionspapier „Mit Agrarökologie in die Zukunft“ formulierten Forderungen zu unterstützen. Sicher ist: Eine nachhaltigere Landwirtschaft ist machbar – wenn wir sie gemeinsam einfordern, unterstützen und leben.

Geschrieben von:

Ansprechpartner Portrait

Markus Wolter ist derzeit als Fachkraft für Agrarökologie in den Philippinen tätig.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Avatar-Foto

    Ein sehr verständlicher und zum Nachdenken anregender Bericht! Vielen Dank dafür

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