Das Vorurteil ist so alt wie die internationale Zusammenarbeit selbst: Spendengelder und staatliche Zuschüsse fließen ins Ausland und „versacken“ dort angeblich wirkungslos. Kontrolle, so das gängige Klischee, finde kaum statt, und wenn, dann höchstens aus der Distanz eines heimischen Schreibtisches. Aber entspricht dieses Bild der Realität? Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Hinter den Kulissen wirken komplexe Kontroll‑ und Lernmechanismen, die weit über das bloße Prüfen von Belegen hinausgehen. Bei Misereor sorgt eine eigene Abteilung dafür, dass Projekte vor Ort systematisch evaluiert und somit Spenden sorgfältig und verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Evaluierung? Evaluierungen spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie helfen dabei, den Erfolg der Arbeit von Organisationen wie Misereor messbar zu machen und sicherzustellen, dass die eingesetzten Mittel ihrem Zweck entsprechend verwendet werden. Sibylle Nickolmann, Referentin in der Misereor-Abteilung „Qualitätssicherung Internationale Zusammenarbeit”, bringt es auf den Punkt: „Evaluierungen sind für uns ein wichtiges Rechenschaftsinstrument.“ Gleichzeitig geht es nicht nur um Kontrolle. Evaluierungen sollen auch Lernprozesse anstoßen, sowohl für Misereor als auch für die Partnerorganisationen, die die Projekte vor Ort umsetzen. Sibylle Nickolmann betont: „Evaluierungen sollen den Partnerorganisationen wirklich nützen, sie sollen ihre Arbeit verbessern können und selbst etwas daraus mitnehmen.“
Die Fachfrau für Evaluierungen beschreibt außerdem, wie stark die Entwicklungszusammenarbeit in den letzten 20 Jahren optimiert und erweitert wurde. Genauer als in früheren Jahren wird auf die nachhaltige Wirkung von Projekten geachtet etwa zur Verbesserung der Wasserversorgung. Es wird zum Beispiel begutachtet, ob dies langfristig positive Effekte für die gesundheitliche Verfassung der begünstigten Menschen hat. Gibt es dadurch spürbare Veränderungen im Alltag? Auch diese Fragen stehen im Mittelpunkt moderner Evaluierungen.

Aber wie genau laufen solche Evaluierungen denn nun ab?
Für jede Evaluierung werden unabhängige Expert*innen beauftragt, die sich ein genaues Bild der Situation vor Ort machen. Misereor greift derzeit auf ein Netzwerk von etwa 1.000 Evaluator*innen zurück, rund 40 Prozent davon leben in einem Partnerland. Im Zentrum jeder Evaluierung stehen dabei grundlegende Fragen: Werden die gesetzten Ziele tatsächlich erreicht? Funktioniert das Projekt im Alltag der Menschen? Und wo gibt es noch Herausforderungen oder Verbesserungspotenziale?
Misereor verfolgt dabei einen klaren Anspruch: Jährlich soll mindestens ein Zehntel aller Projekte evaluiert werden. Spätestens in der dritten Förderphase muss jedoch jedes Projekt ab einem bestimmten Fördervolumen überprüft werden. Die Evaluierungen orientieren sich dabei an anerkannten Standards, denn nur so lassen sich Ergebnisse nachvollziehbar bewerten und langfristig vergleichen.

Doch mit welchen Methoden wird eigentlich gearbeitet?
„Wie eine Evaluierung konkret aussieht, hängt stark vom jeweiligen Projekt ab“, erklärt Sibylle Nickolmann. Bei Projekten zur nachhaltigen Landwirtschaft gehen die Gutachter*innen zum Beispiel direkt auf die Felder. Dort schauen sie sich an, wie angebaut wird, sprechen mit den Landwirt*innen und vergleichen Erträge aus mehreren Jahren. Zahlen, Daten und Erntevergleiche spielen hier eine wichtige Rolle. Ganz anders ist die Situation bei Projekten im Bereich Menschenrechte. Diese lassen sich nicht einfach messen oder zählen. Stattdessen stehen qualitative Methoden im Vordergrund: In Gruppendiskussionen kommen die Menschen zu Wort, mit denen die Partnerorganisationen zusammenarbeiten. Es geht darum, Erfahrungen und Veränderungen im Alltag sichtbar zu machen.
Qualitätssicherung findet also nicht aus sicherer Distanz statt, sondern dort, wo Projekte wirken sollen: vor Ort, im Austausch mit den Menschen, auf Basis klarer Kriterien. Evaluierungen sind damit kein bürokratischer Selbstzweck, sondern ein zentrales Instrument, um Entwicklungszusammenarbeit wirksam zu gestalten und voneinander zu lernen.
Geschrieben von Pauline Doffiné