Pestizide, die in Europa verboten sind, werden weiterhin im Globalen Süden eingesetzt. Misereor-Partnerorganisationen berichten von Gesundheitsschäden, zerstörten Böden und struktureller Abhängigkeit. Doch sie zeigen auch: Es geht anders. Stimmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika machen deutlich, welche Folgen der Pestizideinsatz hat – und welche alternativen Wege die Partnerorganisationen bereits gehen.

Chemisch-synthetische Pestizide sind weltweit fester Bestandteil der konventionellen Landwirtschaft. Besonders hart treffen ihre Folgen Kleinbäuer*innen im Globalen Süden. Was das konkret bedeutet, schildern 27 Misereor-Partnerorganisationen aus Afrika, Asien und Lateinamerika in einer Befragung sowie in vier vertiefenden Interviews, die die Situation in den Philippinen, Nigeria, Malawi und Paraguay beleuchten: Landwirt*innen erkranken an Vergiftungen, Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit, Gewässer werden kontaminiert und die Populationen von bestäubenden Insekten gehen zurück. Viele Kleinbäuer*innen geraten zudem in wirtschaftliche Abhängigkeit. Subventionierte Pestizide, der Verlust lokaler Saatgutsysteme sowie Kreditsysteme, die an den Kauf externer Betriebsmittel gebunden sind, oder auch die Dominanz exportorientierter Monokulturen führen zu steigenden Kosten und wachsender Abhängigkeit von Agrarkonzernen.
Gefährliche Doppelstandards
Besonders problematisch sind globale Doppelstandards: viele Pestizide, die in der EU aufgrund ihrer hohen Risiken für Umwelt und Gesundheit verboten sind, werden weiterhin in den Globalen Süden exportiert. Dort gelangen sie oft ohne ausreichende Schulung oder Information auf die Felder. Ein Interviewpartner in Nigeria berichtet: „Tonnen und Tonnen dieser Pestizide, die auf europäischen Feldern nicht eingesetzt werden, werden hier verkauft. Es ist ein sehr lukratives Geschäft. Landwirt*innen werden ohne Schulung und ohne angemessene Informationen ermutigt, diese Pestizide auf ihren Feldern einzusetzen, und das hat großen Schaden verursacht.“ Zwar existieren in allen vier untersuchten Ländern formale Regulierungen, doch sie werden kaum durchgesetzt. Dies bestätigen auch die befragten Organisationen: Fehlende Kontrollen, Konzernlobby und staatliche Subventionen für Pestizide untergraben ihre Wirkung.
Agrarökologie als Alternative
Die Erfahrungen der Partnerorganisationen zeigen, dass Landwirtschaft auch ohne chemisch-synthetische Pestizide möglich ist. Ihr gemeinsamer Ansatz ist die Agrarökologie. Sie verbindet ökologische Prinzipien mit sozialem Wandel und versteht sich zugleich als Wissenschaft, als Praxis und als gesellschaftliche Bewegung (siehe auch das Agrarökologie-Positionspapier von Misereor). Im Kern geht es darum, die Bodengesundheit und Biodiversität sowie lokales Wissen und soziale Strukturen zu stärken. Gleichzeitig sollen Ernährungssouveränität und die Selbstbestimmung von Landwirt*innen gefördert werden.
Die Push-Pull-Strategie
Wie agrarökologische Praktiken Pestizide vermeiden oder zumindest reduzieren, zeigt z.B. die Push-Pull-Strategie in Ostafrika: Bestimmte Hülsenfrüchte zwischen den Nutzpflanzen vertreiben Schädlinge durch Duftstoffe, während passende Grasarten an den Rändern der Maisfelder sie anziehen und von der Ernte fernhalten. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum für Nützlinge, die sich von den Schädlingen ernähren. Zahlreiche Studien zeigen im Vergleich zu Monokulturen deutlich höhere Erträge mit der Push-Pull-Methode, wobei die Ergebnisse je nach Land und Bedingungen stark variieren (Sileshi et al., 2025).
In Malawi setzen Partnerorganisationen auf Agroforstwirtschaft: Bäume und Nutzpflanzen wachsen gemeinsam und schaffen so Lebensräume für Nützlinge, die die Ausbreitung möglicher Schädlinge kontrollieren. Die vielfältigen Anbausysteme verbessern die Bodenfruchtbarkeit, speichern Wasser und schaffen zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, etwa durch Früchte, Holz oder Futterpflanzen.

Politische Weichen neu stellen
Die größten Hürden für Agrarökologie sind struktureller Natur. Die Befragung zeigt deutlich, dass im Ranking der Herausforderungen politische Rahmenbedingungen und fehlender Wissenstransfer weit oben vor technischen Problemen stehen. Aus den Interviews lassen sich konkrete politische Hebel ableiten. Vier sind dabei zentral:
- Staatliche Subventionen müssen von Pestiziden hin zu agrarökologischen Ansätzen umgelenkt werden.
- Gesundheitsschäden und Umweltbelastungen sollten systematisch dokumentiert und Pestizide wirksam reguliert, bzw. hochgefährliche Pestizide verboten werden.
- Der Export in der EU verbotener Pestizide muss gestoppt werden.
- Und schließlich brauchen Forschung, Ausbildung und Beratung zur Agrarökologie langfristige und breitere Förderung.
Wandel braucht Zeit
Der Umstieg auf agrarökologische Methoden erfolgt schrittweise. Denn Veränderung braucht Zeit. „Ein Veränderungsprozess passiert nicht an einem Tag. Wir können heute jemanden schulen. Aber da er diese Gewohnheit über einen langen Zeitraum hatte, wird er sich nur Schritt für Schritt verändern“, so beschrieb es der Interviewpartner aus Malawi eindringlich und bestätigt, dass langfristige Begleitung, Beratung und der Austausch unter Landwirt*innen entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung agrarökologischer Methoden sind.

Die Erfahrungen der Partnerorganisationen zeigen, dass Veränderungen auf mehreren Ebenen ansetzen müssen. Farmer-to-Farmer-Austausch verbreitet agrarökologisches Wissen auf Gemeindeebene, Partnerschaften mit Universitäten fördern die lokale Anpassung, und internationale Abkommen können die politische Umsetzung durch nationale Regierungen voranbringen.
In Paraguay hat die Misereor-Partnerorganisation über zwei Jahrzehnte ökologische Betriebe, Märkte, Kooperativen und landwirtschaftliche Schulen aufgebaut. Heute übernehmen Frauen Führungsrollen in einem zuvor von Männern dominierten Feld, etwa in Produktion und Vermarktung. Nach Einschätzung der Interviewpartner*innen braucht ein solcher Wandel mindestens zehn Jahre und damit Förderstrukturen, die über typische Projektzyklen hinausgehen.
Die zentrale Botschaft formulierte eine Interviewpartnerin aus Paraguay: „Wenn unsere Böden krank werden, werden wir krank.“ Und machte damit klar, dass Pestizidreduktion kein Nischenthema ist, sondern eine Frage von Gesundheit, Ernährungssouveränität und der Zukunft der Landwirtschaft weltweit.
Autor*innen
Simon Kriescher studiert Ökologische Landwirtschaft und Ernährungssysteme (Master) an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und war von September bis Dezember 2025 Praktikant in der Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen von Misereor.
Sarah Schneider ist Referentin für Ernährung und Landwirtschaft bei Misereor.