Archi Basu, Indien. Leiterin des Referats für Kinder und Jugend bei der Misereor-Partnerorganisation SPAN in Kolkata. Holt Kinder aus ausbeuterischer Arbeit zurück in die Schule und eröffnet damit Kindern wie Familien neue Perspektiven.

Das sind meine Wurzeln
Schon seit meiner Kindheit interessiere ich mich für soziale Arbeit und habe einen Hang zu sozialen Themen. Mein Vater engagierte sich aktiv in der sozialen und gemeinnützigen Arbeit. Von ihm lernte ich, dass es nichts mit Wohltätigkeit zu tun hat, anderen zu helfen, sondern dass es Teil unserer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ist.
Auch die Schule prägte mich sehr, da soziale Aktivitäten und gemeinnützige Arbeit fester Bestandteil unseres Stundenplans waren. Damals sahen wir diese Aktivitäten häufig als lästige Verpflichtung, doch nach und nach verstanden wir, wie wichtig sie für unser Leben waren. Diese frühen Erfahrungen haben unsere Ansichten und Einstellungen geprägt. Die sozialen Programme und Aktivitäten während meiner Schulzeit haben mir geholfen, die Lebensrealitäten marginalisierter Gemeinschaften zu verstehen.
Ermutigt durch diese Erfahrungen habe ich mich entschieden, soziale Arbeit zu meinem Beruf zu machen. Ich habe sowohl im Bachelor als auch im Master soziale Arbeit studiert, um ein tieferes Verständnis sozialer Probleme und ihrer Ursachen zu erlangen. Nach meinem Masterabschluss habe ich mich bewusst entschieden, in herausfordernden Kontexten und mit vulnerablen Gruppen in ganz verschiedenen Regionen Indiens zu arbeiten, um so meine theoretischen Kenntnisse durch Erfahrungen in der Praxis zu ergänzen.
Auf dieser Lernreise begegnete ich vielen Menschen und lauschte Geschichten über Herausforderungen, Resilienz und Hoffnung. Diese Einsätze halfen mir, meine Sicht auf die Gesellschaft und das Leben immer wieder zu hinterfragen und neu zu bilden. Jeder Ort, jede Gemeinschaft hatte ihre eigene Lebensrealität und mit jeder Erfahrung eröffnete sich mir eine neue Dimension des Verstehens. So wurde ich im Privaten wie im Beruflichen zu der Person, die ich heute bin.
Bei SPAN geht diese Reise für mich weiter. Ich lerne immer noch, denn man hört nie richtig auf, zu lernen. Mit jeder neuen Erfahrung, mit jedem neuen Einsatz füge ich meiner Reise ein neues Kapitel hinzu und wachse mit den Gemeinschaften, mit denen ich arbeite.

Das verleiht mir Flügel
Wenn ich sehe, wie Menschen schwierige Umstände überwinden und an ihrem Traum einer besseren Zukunft festhalten, motiviert mich das jeden Tag aufs Neue. Im Alltag beschweren wir uns über viele Dinge. Die Liste dessen, was uns fehlt, scheint schier endlos zu sein. Gleichzeitig gibt es überall in unserem Land unzählige Menschen, die kaum ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Und doch ist ihre Sicht auf das Leben positiv und voller Hoffnung. Angesichts solcher Resilienz fühle ich mich demütig und bin zugleich inspiriert.
Der Mut dieser Menschen motiviert mich jeden Tag. In meiner Ausbildung habe ich theoretische Kenntnisse erworben; doch was mich wirklich stark macht, sind die Gemeinschaften, ihre Resilienz, ihre Solidarität und ihre Hoffnung.
Ich schöpfe auch Kraft aus der Überzeugung, dass kleine, anhaltende Bemühungen langfristigen Wandel bewirken können. Zu sehen, wie junge Menschen, die einmal überzeugt waren, dass sich in ihrem Leben nichts ändern kann, anfangen, wieder zu träumen und ihre Träume Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen, das ist ein großer Erfolg. Man sagt: „Wenn wir es träumen können, können wir es erreichen“. Dieser Gedanke motiviert mich jeden Tag.
Außerdem bin ich überzeugt, dass es Einfluss auf das Leben derjenigen um uns herum hat, wenn wir unsere eigenen Ansichten und Überzeugungen ändern. Daher versuche ich, nicht nur von Wandel zu sprechen, sondern auch nach meinen Überzeugungen zu handeln. Die meiste Kraft schöpfe ich aus den Jugend- und Kindergruppen, mit denen ich arbeite. Mit ihnen teile ich dieselbe Hoffnung und denselben unermüdlichen Einsatz, um die Dinge zum Positiven zu verändern.
Dafür setze ich mich ein
Ich setze mich dafür ein, für die Gemeinschaften, mit denen ich arbeite, eine inklusive, gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft zu gestalten, in der es keine Beschränkungen aufgrund von sozialer Klasse, Kaste, Geschlecht, Religion oder irgendeiner anderen Identität gibt. Eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Meinung frei äußern, ihre Rechte selbstbewusst einfordern und Wandel nach ihren eigenen Erfahrungen, Kämpfen und Träumen gestalten können.
Um zu einer solchen Zukunft beizutragen, gebe ich Wissen weiter und schaffe Chancen für die Menschen und Gemeinschaften, mit denen ich arbeite. Ich ermutige sie, sich auf allen Ebenen aktiv einzubringen – zu Hause, in ihren Gemeinschaften, in Einrichtungen ihres Bundesstaats oder auch des ganzen Landes. Ich bin überzeugt, dass der Zugang zu Information sowie Beteiligung wirkmächtige Werkzeuge des Wandels sind, und ich gebe alles, damit die Menschen informiert, selbstbewusst und in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.
Es muss sich etwas ändern …
Und dieser Änderungsprozess muss weitergehen, bis die Gesellschaft wahrhaftig gerecht und inklusiv ist. Auch heute kämpft unsere Gesellschaft noch gegen Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Auch heute noch gibt es Menschen, denen Chancengleichheit, Sicherheit und Würde versagt bleiben. Obwohl wir in Indien und weltweit großartige Fortschritte in den Bereichen Technologie, Wissenschaft und Innovation gemacht haben und weiterhin machen, beeinträchtigen Diskriminierung und soziale Hürden noch immer Kinder, Jugendliche, Frauen und marginalisierte Gemeinschaften auf vielfältige Weise.
Gleichzeitig entwickelt sich die Gesellschaft stetig weiter und mit ihr die Herausforderungen, denen sich die Menschen und Gemeinschaften stellen müssen. Die Art und Komplexität dieser Herausforderungen verändern sich konstant. Deshalb ist unsere Arbeit im Bereich soziale Entwicklung nie wirklich beendet. Sie muss sich ebenso weiterentwickeln, anpassen und stärker werden, um effektiv auf die entstehenden Lebensrealitäten und Bedürfnisse reagieren zu können.
Es muss sich etwas ändern, damit jeder Mensch, unabhängig von seinem Hintergrund, ein würdevolles Leben führen, seine Sorgen frei äußern und Chancen für Wachstum und Entwicklung ergreifen kann. Nur wenn die Gemeinschaften selbst in der Lage sind, Herausforderungen gemeinsam anzugehen, können wir beginnen, eine gerechtere, inklusivere und menschlichere Zukunft zu gestalten.

Meine Arbeit ist getan, wenn…
Gemeinschaften in der Lage sind, ohne Unterstützung von außen für ihre Rechte einzutreten, wenn Kinder, Jugendliche und ausgegrenzte Gruppen in Würde, Sicherheit und Chancengleichheit leben können.
Meine Arbeit als Sozialaktivistin ist getan, wenn Mädchen und Jungen ohne Angst und Diskriminierung aufwachsen, wenn junge Leute träumen dürfen und ihre eigene Zukunft gestalten können, und wenn Familien und Gemeinschaften sich aktiv gegenseitig schützen und unterstützen.
Doch sozialer Wandel gleicht einer nie enden wollenden Reise. Selbst wenn Meilensteine erreicht sind, tauchen immer wieder neue Herausforderungen auf. Die wahre Leistung liegt also vielleicht darin, Systeme und Gemeinschaften zu schaffen, die stark genug sind, die Arbeit für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Mitgefühl aus eigener Kraft weiterzuführen.
Frauen können…
Frauen können die treibende Kraft hinter Veränderungen in der Familie und der Gemeinschaft sein. Sie können führen, inspirieren und eine sicherere Umwelt für Kinder und Jugendliche schaffen. Frauen können traditionelle Überzeugungen infrage stellen, sich für Gleichberechtigung einsetzen und einander unterstützen, indem sie den Weg für nachfolgende Generationen bereiten.
Wenn die Frauen stark sind, wird die ganze Gemeinschaft stärker, mitfühlender und inklusiver.
Hintergrund
Ausbeuterische Kinderarbeit ist in Indien noch immer weit verbreitet. Millionen Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen – etwa in Werkstätten, Haushalten, auf Baustellen oder im informellen Sektor. Häufig sind Armut, fehlender Zugang zu Bildung und soziale Ausgrenzung die Gründe dafür, dass Kinder früh zum Einkommen der Familie beitragen müssen. Die Folgen sind gravierend: Sie verlieren nicht nur ihre Bildungschancen, sondern sind auch gesundheitlichen Risiken und Ausbeutung ausgesetzt.
Hier setzt die Arbeit von SPAN (Society for People’s Awareness) an, einer lokalen Partnerorganisation von Misereor mit Sitz in Kolkata. SPAN engagiert sich seit vielen Jahren für die Rechte von Kindern, Jugendlichen und marginalisierten Gemeinschaften. Die Organisation arbeitet eng mit Familien, Gemeinden und lokalen Behörden zusammen, um Kinderarbeit zu beenden, den Schulzugang zu stärken und langfristige Perspektiven zu schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Kinder zu unterstützen, sondern Strukturen zu verändern und Gemeinschaften zu stärken.
Archi Basu ist nicht nur Leiterin des Referats für Kinder und Jugend bei SPAN, sie sitzt auch einem landesweiten Jugendforum vor, ist Expertin für öffentliche Politik, engagierte Sozialforscherin und leidenschaftliche Verfechterin von Kinderrechten, Gleichstellung und Klimaschutz. Doch vor allem ist sie eine Frau mit Herz und Haltung. Unermüdlich setzt sie sich mit ihrem Team dafür ein, dass sich das Leben von Menschen wirklich verändert – spürbar und nachhaltig. Insbesondere für Kinder und ihre Familien, die in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen gefangen waren. Was Archi antreibt, ist die tiefe Überzeugung, dass jedes Kind eine Zukunft verdient – und dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen füreinander einstehen.
Starke Frauen
Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor. Alle Interviews im Überblick ►

Das Interview führte Miriam Thiel.