Auf der Amazonasinsel Marajó kommen diese Woche Fischer*innen und Aktivisten zusammen, um eines der umstrittensten Vorhaben der brasilianischen Regierung zu diskutieren: die Ausweitung der Erdölförderung entlang der brasilianischen Küste. Misereor-Kollegin Claudia Fix, die Partnerorganisation CPP (Pastoralrat der Fischer und Fischerinnen) sowie traditionelle Gemeinschaften setzen ein Zeichen gegen die zusätzliche Belastung des Meeres und der Flüsse.

Die Fischergemeinde Aranaí, in der das Treffen stattfindet, besitzt alles, was durch die geplante Erdölförderung auf dem Spiel steht: die üppige Vegetation des Regenwaldes, kleine Flüsschen, eine große Vielfalt an Fischen und anderen Meerestieren, exotische Vögel und die traditionelle Lebensweise derjenigen, die seit Generationen von den Gewässern leben. Doch die Wirklichkeit ist heute schon weit weniger idyllisch als diese Beschreibung. Die Region ist unter Druck: Riesige Reismonokulturen mit hohem Pestizideinsatz, die Aluminiumproduktion und Piratenüberfälle in der Bucht, die bereits zahlreiche Fischer*innen das Leben gekostet haben, prägen den Alltag. Nun droht zusätzlich die Gefahr einer Umweltkatastrophe durch die geplante Erdölförderung.

Probebohrungen statt Verhandlungserfolge
Hintergrund: Die ersten Probebohrungen in der Foz do Amazonas wurden nur wenige Tage vor der COP 30 im November 2025 aufgenommen – obwohl allgemein erwartet wurde, dass ein „Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen“ für die brasilianische Regierung eine Priorität in den Verhandlungen sein würde. Bereits im Januar 2026 kam es zu einer Havarie, bei der rund 12.000 Liter einer technischen Flüssigkeit ins Meer flossen. Die Umweltbehörde IBAMA stoppte die Bohrungen daraufhin vorübergehend und verhängte eine Strafe gegen den Betreiber Petrobras. Anschließend konnten die Probebohrungen fortgesetzt werden.

Wie viel Erdöl ist nötig?
Die brasilianische Regierung argumentiert, die Ausweitung der Erdölförderung sei notwendig, um die Energiewende im Land zu finanzieren. Umweltorganisationen und Wissenschaftler*innen weisen diese Begründung jedoch zurück. Selbst wenn man dieser Argumentation folgen würde, bliebe die zentrale Frage offen: Wie viel Erdöl muss tatsächlich noch gefördert werden, um die Energiewende zu finanzieren? Dazu sagt Misereor-Partner und Ozeanograf Gustavo Moura: „Man teilt uns nicht mit, wie viele Milliarden Barrel wir für die Energiewende benötigen werden. Oder werden wir die Energiewende erst dann vollziehen, wenn wir den letzten Tropfen Öl gefördert haben?“.

Folgen für die Fischer*innen
Die geplante Erdölförderung bedroht ein ökologisch äußerst sensibles Ökosystem von globaler Bedeutung und gefährdet zugleich die Lebensgrundlage einer besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppe: die traditionellen Fischer und Fischerinnen. In vielen Regionen leisten sie einen entscheidenden Beitrag zur Ernährungssouveränität. Frühere Umweltkatastrophen haben gezeigt, wie gravierend die Folgen für die betroffenen Gemeinden sein können. Fischer*innen und ihre Familien verloren ihre Existenzgrundlage, ihre Gesundheit, ihre traditionellen Gebiete und Lebensweise.

Wer schützt die Fischer*innen vor Ort?
Was die Menschen auf der Insel Marajó besonders besorgt, ist die Frage, wie sie im Falle einer Umweltkatastrophe geschützt werden. „Nach den Modellrechnungen der zuständigen Umweltbehörde IBAMA würde es bei kleinen und großen Leckagen nur 10 bzw. 15 Stunden dauern, bis das Öl die Gewässer anderer Länder erreicht“, sagt Gustavo Moura. Er gibt zu bedenken: „In der Region Oiapoque gibt es nur zwei spezielle Offshore-Schiffe für Notfälle. Sollten mehr als zwei benötigt werden, käme Hilfe aus Belém frühestens nach 26 Stunden (bei einem Schnellboot) bzw. nach 43 Stunden (bei einem langsameren Schiff).“ Diese Rechnung geht also nicht auf: Im Ernstfall wäre schnelle Hilfe unmöglich.

Selbst ohne Umweltkatastrophe eine Katastrophe
Der landesweite Austausch findet auf der Insel Marajó statt – ein Gebiet, das unmittelbar von Schäden durch die Ölförderung betroffen sein würde. Die Fischer*innen und Aktivisten fordern eine generelle Einstellung der Förderung von Erdöl und Gas. „Bis heute leiden wir im Nordosten unter den Folgen des Umweltverbrechens von 2019, als Rohöl die Küste verseuchte. Wir können nicht akzeptieren, dass der Gewinn Vorrang vor dem Leben hat“, sagt Andréa do Espíritu Santo, mitverantwortlich für die CPP-Kampagne „Mar de Luta“ (Meer im Widerstand). „Viele Fischergemeinden sind schon von der petro-chemischen Industrie verseucht worden – diese Schäden wurden niemals anerkannt. Wir setzen uns dafür ein, dass ihre Rechte garantiert werden und die Gemeinden in der Amazonasmündung niemals in diese Situation geraten. Um für Klimagerechtigkeit zu sorgen, müssen wir statt in Erdöl in Technologien investieren, die ein langfristiges Zusammenleben mit der Natur ermöglichen.“
Misereor arbeitet seit 2005 mit der nationalen Fachstelle für Kleinfischer der Brasilianischen Bischofskonferenz, dem CPP (Conselho Pastoral dos Pescadores), zusammen. Die Organisation stärkt die Selbstorganisation der Kleinfischer und setzt sich politisch für die Verwirklichung ihrer Rechte ein.
Geschrieben von Claudia Fix und Charleen Kovac