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„Ich führe den Kampf meines Vaters fort“

Adolfina Kuum. Indigene Menschenrechtsverteidigerin und Umweltaktivistin in Westpapua/Indonesien. Setzt sich für die Rechte indigener Gemeinschaften ein, kämpft gegen Umweltzerstörung und für den Schutz „der Mutter“, wie das Land in ihrer Kultur genannt wird. Zum Internationalen Tag der Indigenen Völker am 9. August erzählt sie ihre Geschichte.

© Misereor

Das sind meine Wurzeln

Mein Name ist Adolfina, allgemein bekannt als Dolly. Ich bin das fünfte von sieben Kindern. Ich wurde in einem kleinen Dorf namens Agimuga geboren, einem der Distrikte im äußersten Osten der Region Mimika, die auf dem Gebiet von Freeport liegt. Freeport ist ein US-amerikanisches Goldbergbauunternehmen, das in Timika tätig ist. Ich bin die Gründerin der Umweltgemeinschaft „Environmental Care Community“ in Timika und zudem in mehreren anderen Organisationen und Gemeinschaften aktiv.

Das verleiht mir Flügel

Schon als Kind wurde ich von den Geschichten über meinen Vater inspiriert. Sein ganzes Leben lang kämpfte er darum, Bildung zu erhalten. Für ihn war Bildung eine Werkzeug fürs Leben. Trotz großer Schwierigkeiten gelang es ihm als Waise, Bildung zu erlangen. Er wurde Lehrer, Gemeindeleiter und Katechist und ein Vorbild für die Gemeinschaft von Agimuga. Seine Lebensgeschichte inspirierte mich. Ich fragte mich: Wie kann ich als papuanische Frau wie mein Vater werden? Wie kann ich Bildung erlangen, obwohl ich in einem abgelegenen Dorf mit vielen Einschränkungen lebe? Nach einigen Umwegen begann ich im Jahr 2000 ein Studium und schloss es 2007 ab. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich den Kampf meines Vaters fortsetzen musste. Er starb, während er für Gerechtigkeit für den Amungme-Stamm kämpfte, der durch Freeport enteignet worden war. Die Umstände seines Todes waren erschütternd und sind bis heute von Zweifeln begleitet. Sein Tod brach mir das Herz.

Der Lebensraum der Indigenen Partner*innen in Westpapua. © Christine Kögel

Dafür setze ich mich ein

Ich sehe, dass die grundlegenden Rechte der Amungme-, Kamoro- und Samopane-Stämme vom Staat und von Freeport ignoriert werden. Da nur wenige Papua (Bezeichnung für die indigenen Völker in Papua Neuguinea) von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch Unternehmen wie Freeport profitieren, wurde mir klar, dass ich aktiver werden muss. 2013 gründete ich gemeinsam mit fünf Personen aus den Amungme- und Sempan-Stämmen das Gemeindeforum „Far East Mimika Community Care Forum“. Ziel war es zunächst, Bewusstsein zu schaffen, Räume für Diskussionen zu eröffnen und Dorfgemeinschaften zu stärken, die von den Abfällen der Goldmine Freeport betroffen sind.

Die Heimat von Adolfina Kuum in Westpapua. Misereor unterstützt die wichtige Arbeit von Indigenen weltweit. Ein Ziel der Misereor-Arbeit ist die Vernetzung, siehe das Misereor-Positionspapier zum Schutz Indigener. © Christine Kögel

Es muss etwas passieren, weil…

Ich und andere Aktivist*innen wurden immer wieder eingeschüchtert, bedroht und angegriffen — durch Schläger, Unternehmensmitarbeitende und das Militär. Zwischen 2013 und 2023 erlebten wir Drohungen, Zerstörung von Treffpunkten, Festnahmen und Überwachung. Zusätzlich erschwert eine patriarchale Kultur unsere Arbeit. Frauen werden oft nicht ernst genommen und von politischen Entscheidungen ausgeschlossen. Unsere Rechte — Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit und politische Teilhabe — werden missachtet. Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen werden zudem vom Staat stigmatisiert — als „Rebell*innen“ oder „Separatist*innen“. Dies führt zu weiterer Diskriminierung und zum Schweigen lokaler Medien.

Frauen können…

Für die Amungme und alle Papua ist Land die symbolische Mutter: „Mama“, die Leben schenkt und erhält. Frauen gelten ebenfalls als Lebensspenderinnen und stehen in enger Verbindung mit der Natur. Sie pflegen Gärten, verarbeiten Naturmaterialien und geben kulturelles Wissen weiter. Doch durch die Umweltzerstörung, insbesondere durch Bergbauabfälle, sind diese Lebensgrundlagen bedroht. Viele Frauen kämpfen dennoch weiter und sichern ihr Überleben durch traditionelle Tätigkeiten. Für mich sind sie wahre „Kriegerinnen“.


Hintergrund:

Obwohl indigene Papuas mittlerweile weniger als die Hälfte der Bevölkerung Westpapuas ausmachen, sind fast ausschließlich sie von Folter, willkürlichen Verhaftungen und Misshandlungen durch das Militär und Polizeieinheiten betroffen. Sie werden diskriminiert, zum Beispiel, wenn es um das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit geht. Zudem erfahren sie in ihrem Alltag Rassismus, vor allem werden ihre justiziellen Rechte missachtet. Der Wunsch der Papuas nach Selbstbestimmung, dem Schutz der Natur und ihrer Landrechte steht dem Streben der indonesischen Regierung gegenüber, an Westpapua als Teil des Einheitsstaates Indonesiens festzuhalten und den Fokus weiterhin auf wirtschaftliche Entwicklung zu setzen. Denn Westpapua ist reich an Rohstoffen, die national, aber auch weltweit benötigt werden. Entwaldung, Monokulturen und Bergbautätigkeiten tragen so zur Zerstörung ihres traditionell angestammten Landes bei und führen zu Vertreibungen.

Das Westpapua-Netzwerk setzt sich seit 30 Jahren für eine größere zivilgesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit in Deutschland zu Westpapua ein. Der Misereor Projektpartner befasst sich mit der politischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Situation in Westpapua und trägt die Stimme der Papua nach Deutschland, Europa und auf UN-Ebene.

Starke Frauen

Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor. Alle Interviews im Überblick 

© Harms | Misereor

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Nina Brodbeck ist Referentin für Kommunikation bei Misereor.

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