Suche
Suche Menü

Hoffnung in Afghanistan: Wo Mädchen lernen können

In Afghanistan bleiben vielen Mädchen die Türen zu Bildung verschlossen. Doch im Nordwesten des Landes setzt sich der Hamburger Verein Afghanistan-Schulen (VUSAF) mit Unterstützung von Misereor dafür ein, dass Mädchen lernen können. Die Bildungszentren sind dabei weit mehr als Unterrichtsorte: Sie schaffen Freiräume für Begegnung, Austausch und neue Perspektiven.

Nach Jahren ohne Schulbesuch finden viele Mädchen im Bildungszentrum zurück zum Lernen (Foto: VUSAF)

Es ist früh am Morgen in einer Kleinstadt in der afghanischen Provinz, nahe der Grenze zu Turkmenistan. Über den staubigen Wegen zwischen Lehmhäusern und ummauerten Gehöften liegt noch die Kühle der Nacht, als die ersten Mädchen mit ihren Taschen durch das Tor des Ausbildungszentrums kommen. Drinnen surren Computer, an der Tafel des Klassenzimmers stehen englische Vokabeln, aus dem Nebenraum dringt ein Chor von Kinderstimmen, die im Takt Buchstaben und Silben nachsprechen.

Mädchen lernen in friedlicher Atmosphäre

Was wie eine Szene aus einem ganz gewöhnlichen Schulalltag wirkt, ist in Afghanistan keine Selbstverständlichkeit mehr: Seit Ende 2022 dürfen Mädchen nur noch bis zur sechsten Klasse eine staatliche Schule besuchen. Eine andere Möglichkeit, sich weiterzubilden, finden sie im Bildungszentrum der Misereor-Partnerorganisation Afghanistan-Schulen – Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan. Dort können sie in friedlicher Atmosphäre lernen: zusätzlich zum staatlichen Unterricht werden unter anderem Englischunterricht sowie Computer-, Näh- und Stickkurse angeboten. Zu den Schülerinnen, die solche Kurse besuchen, gehört auch Amina (zum Schutz der Betroffenen wurden alle Namen geändert). Die Zwölfjährige kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater arbeitet als Fliesenleger und ernährt die achtköpfige Familie. Die schwere Erkrankung ihrer Großmutter hat Amina geprägt. Schon früh stand für sie deshalb fest, welchen Weg sie einschlagen möchte: „Ich habe beschlossen, hart zu arbeiten, um eine erfolgreiche Ärztin zu werden.“ Die Schulungen bringen sie diesem Ziel ein Stück näher und eröffnen ihr zugleich die Chance, später zum Einkommen ihrer Familie beizutragen.

Bildungsangebote mit Wirkung

Im Nordwesten Afghanistans, nahe der Grenze zu Turkmenistan, prägen weite Ebenen, Landwirtschaft und Viehzucht die Region. Um den Zugang zu Bildung in dieser ländlichen Region zu stärken, unterstützt VUSAF gemeinsam mit der afghanischen Partnerorganisation OASE Bildungszentren, die den staatlichen Schulunterricht ergänzen. In diesen Zentren stehen neben Naturwissenschaften auch Robotik, Literatur und Umweltthemen auf dem Programm. Allein in einem der Ausbildungszentren nehmen rund 750 Kinder der Klassen vier bis sechs an solchen Kursen teil – trotz früher Morgen- und später Nachmittagsstunden gibt es kaum Fehlzeiten. „Die Kinder kommen jeden Tag mit einer Begeisterung ins Zentrum, die uns alle trägt“, sagt Marga Flader, Vereinsvorsitzende von Afghanistan-Schulen. „In unseren Zentren dürfen sie einfach Kind sein – sie lernen, lachen und schöpfen Hoffnung. Das ist in Afghanistan heute unbezahlbar.“

Zum Bildungsangebot gehören neben den Zentren für Kinder auch Frauenzentren. Dort erhalten Mädchen und Frauen Zugang zu Alphabetisierungskursen, berufspraktischen Angeboten, Gesundheitsinformationen, Sprach- und Computerunterricht sowie sozial-emotionale Unterstützung, um selbstbewusster ihren Weg zu gehen. Mehr als 200 Mädchen nehmen dieses Angebot derzeit wahr. Zudem bildet VUSAF Lehrkräfte fort – zuletzt waren es 150 Lehrerinnen und Lehrer staatlicher Schulen.

Kreativität, Neugier und Lernen Im Bildungszentrum erwerben die Schülerinnen Wissen und neue Perspektiven (Foto: VUSAF)

Jeder Unterrichtstag zählt

Was solche Bildungsangebote bewirken können, zeigen die Lebensgeschichten der Frauen selbst. Eine von ihnen ist Zohra aus Baghebustan. Als Kind musste sie die Schule verlassen. Nachdem ihre Mutter Zwillinge zur Welt gebracht hatte, wurde ihre Hilfe zu Hause gebraucht – vor allem als die Mutter später erkrankte und sie sich um die jüngeren Geschwister kümmern musste. An Lernen war nicht mehr zu denken. Erst ein Näh- und Alphabetisierungskurs im Frauenzentrum eröffnete ihr neue Perspektiven. Dort wurde sie von ihren Lehrerinnen ermutigt und gefördert, die schließlich auch ihre Eltern davon überzeugen konnten, ihre Ausbildung fortzusetzen. Heute arbeitet Zohra als Schneiderin und verdient ihr eigenes Geld – keine Selbstverständlichkeit in Afghanistan. „Jetzt kann ich mit Zufriedenheit und Glück sagen, dass ich selbstständig bin und meiner Familie helfen kann“, sagt sie.

Zohras Geschichte ist kein Einzelfall. Auch Aisha stammt aus einem Dorf, in dem Mädchen normalerweise nicht zur Schule gehen. „Ich dachte, das Leben bestehe nur darin, Teppiche zu knüpfen und das Haus nicht zu verlassen“, erzählt sie. Heute schmiedet sie erstmals Pläne für ihre eigene Zukunft. Und da ist schließlich Fatima. In der Schule tat sie sich lange schwer, entdeckte in den Lernkursen jedoch ihre Begeisterung für die Naturwissenschaften und studiert inzwischen Biologie an einer ausländischen Universität. „Bevor ich zu VUSAF kam, hatte ich fast aufgegeben“, erinnert sie sich. „Durch die Unterstützung habe ich wieder an meine Zukunft geglaubt.“

Computerunterricht im Bildungszentrum: Digitale Kompetenzen eröffnen den Schülerinnen neue Perspektiven (Foto: VUSAF)

Ein täglicher Balanceakt

Doch das Engagement der Organisation findet unter schwierigen Bedingungen statt. Während die anhaltende Not vieler Menschen in Afghanistan kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, sind auch die Rahmenbedingungen für die Projektarbeit herausfordernd. So können etwa Frauen ihre Aufgaben nur in Begleitung eines Vormunds wahrnehmen. Dass der Unterricht dennoch seit Projektbeginn ohne Unterbrechung läuft und mehr als 60 Prozent der Projektmitarbeitenden Frauen sind, ist unter diesen Umständen bemerkenswert. Marga Flader, die sich seit über 40 Jahren in Afghanistan mit VUSAF engagiert, beschreibt die Arbeit so: „Unsere Mitarbeitenden vor Ort unterstützen Mädchen und Frauen soweit sie können. Das ist ein täglicher Balanceakt. Aber die Menschen einfach allein zu lassen, ist keine Alternative.“

Was ihnen niemand nehmen kann

Für die Teilnehmerinnen der Kurse sind die Zentren weit mehr als Unterrichtsorte. Sie sind einer der wenigen Räume, in denen sie sich außerhalb ihres familiären Umfelds treffen, austauschen und neue Perspektiven entwickeln können. In den hellen Klassenräumen und grünen Gärten wachsen nicht nur Wissen und Fähigkeiten, sondern oft auch Selbstvertrauen und Selbstständigkeit. Die Projektverantwortlichen berichten, dass viele Teilnehmerinnen mit der Zeit mutiger auftreten, eigene Ziele formulieren und ihrem Umfeld mit größerem Selbstbewusstsein begegnen. In einem Land, in dem laut UNESCO mindestens 1,4 Millionen Mädchen von weiterführender Bildung ausgeschlossen sind, halten solche Orte die Hoffnung auf Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und auf eine andere Zukunft lebendig.

Die Geschichten von Amina, Zohra, Aisha und Fatima machen deutlich: Bildung lässt sich behindern und ausbremsen, aber nicht auslöschen. „Bildung bleibt eines der wirksamsten Mittel, damit Mädchen ihr Leben selbst gestalten und die Zukunft ihrer Gemeinschaften mitprägen können“, bekräftigt Fatima. Die Lebenswege dieser Mädchen und jungen Frauen zeigen eindrucksvoll, welche Chancen Bildung eröffnen kann, sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft. Was sie heute lernen, kann ihnen nicht mehr genommen werden. Ihre Fähigkeiten, ihre Erfahrungen und ihr Wissen könnten eines Tages den Unterschied machen – für ihr eigenes Leben und für die Zukunft Afghanistans.

Hinweis: Der vorliegende Beitrag wurde zunächst im Straubinger Tagblatt veröffentlicht.


Weitere Informationen:

Pressemitteilung zu fünf Jahren nach Machtübernahme in Afghanistan: Bundesregierung arbeitet de facto mit Taliban-Regime zusammen: Misereor

Fünf Jahre Taliban-Regime in Afghanistan: O-Ton-Service: Misereor

Geschrieben von:

Avatar-Foto

Benazir Lobo-Bader ist Länderreferentin für Afghanistan bei Misereor.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.