Während in diesen Tagen auf der UN-Wüstenkonferenz COP17 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar über die Zukunft von Weidelandschaften, Bodenschutz und Klimaresilienz verhandelt wird, kämpfen Hirtengemeinschaften wie die Karimojong in Uganda um etwas sehr Konkretes: den Zugang zu Land, Wasser und Wanderkorridoren für ihre Herden, denn immer größere Teile ihres angestammten Weidelands werden ihnen entzogen.

Im Schatten eines Baumes sitzen Männer und Frauen der Pian, eine von mehr als zehn ethnischen Gruppen der Karimojong, die als Hirtengemeinschaften im Nordosten Ugandas leben. Ihre Blicke richten sich auf die Ebene vor ihnen. Dort, wo ihre Rinder bis Mitte 2025 weideten, markieren heute Grenzsteine den Verlust von Land. Für Außenstehende mögen es nur ein paar Pfosten in der Landschaft sein. Aber für die Menschen hier stehen sie für die Einbußen von Weideland, Wasserstellen und einem Stück Zukunft.
Wenn Weideland zur Sperrzone wird
Die Blicke der Versammelten wandern immer wieder zu den Flächen am Rand des unweit gelegenen Wildreservats. Was heute hinter neu gesetzten Grenzmarkierungen liegt, gehörte einst zu ihrem Alltag: Hier führten die Hirten ihre Tiere zur Tränke, grasten die Herden friedlich und konfliktfrei unweit der Wildtiere, Frauen sammelten Gras für Matten und Dächer, Familien nutzten Heilpflanzen aus der Umgebung. Heute ist der Bereich eine No-Entry-Zone für die Pian, hier im Nakapiripirit Distrikt. Mit dem Verlust dieser Gebiete verlieren die Karimojong strategische Ressourcen und damit ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage. Die Hirten müssen ihre Herden nun in weit entfernte Gebiete im Bokora County bringen. Sie sind vom Wohlwollen und der Kooperation der Bokora Hirtengemeinschaft abhängig.
Tourismus und schwindende Lebensräume
Der Druck auf die Hirtengemeinschaften der Karimojong und ihr Weideland wächst seit Jahren. Naturschutzgebiete werden ausgeweitet, gleichzeitig setzt die Regierung Ugandas auf den Ausbau des Tourismus‘ in der Region. Die Karimojong geraten immer mehr zwischen die Fronten: Während Wildtiere wie Elefanten und Giraffen geschützt werden sollen, schwindet vielerorts der Zugang zu angestammten Weideflächen. Die Erweiterung von Wildreservaten bzw. ihr Ausbau zu Naturschutzgebieten für den Tourismus bedroht die Existenz der Hirtengemeinschaften der Karimojong.
Globaler Konflikt um Land und Ressourcen
Was den Pian und den anderen Hirtengemeinschaften in Uganda widerfährt, sind weder Einzelfälle noch auf ein paar Hektar begrenzte lokale Konflikte. Stattdessen handelt es sich um ein globales Muster mit System: Pastoralistische Gemeinschaften verlieren weltweit den Zugang zu genau jenen Weideflächen, Wasserstellen und Wanderkorridoren, die ihre Lebensweise erst möglich machen. In Uganda und anderswo müssen sie weichen für Bergbau, großflächige Landwirtschaft, Naturschutzgebiete, Energie- und Infrastrukturprojekte, die großflächige Areale an Land für andere Nutzungen reklamieren – Land, das seit Jahrhunderten die Lebensgrundlage der Hirtengemeinschaften sichert.

Fortführung kolonialer Politik und unsichere Landrechte
Hinter den heutigen Grenzmarkierungen steht ein Rechtssystem, dessen Wurzeln bis in die Kolonialzeit reichen. In der Kolonialzeit wurden auf dem Reißbrett Flächen als Schutzgebiete, Forstzonen oder staatliches Land ausgewiesen. Diese Landnutzungspläne wurden 1962 nach der Unabhängigkeit Ugandas unverändert übernommen, ohne dass sich de facto die lokalen Flächennutzungen dadurch änderten. Für die Karimojong hat das bis heute weitreichende Folgen: Selbst dort, wo die Hirtengemeinschaften Weideland seit Generationen nutzen, gelten ihre Ansprüche gegenüber den einst ausgewiesenen Landnutzungen als nachrangig. Zunehmend kommen in den letzten Jahren die Vergabe von Konzessionen für Exploration- und Schürfrechte von Bodenschätzen wie Gold, Marmor, Kalkstein und Seltene Erden wie etwa Niob hinzu. Ohne grundsätzliche Anerkennung ihrer Rechte an Weideland und ohne formelle Landtitel können die Karimojong ihre gemeinschaftlichen Landnutzungsrechte nur schwer durchsetzen.
Die UN-Konferenz auf dem Prüfstand
Im Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums 2026 richten sich viele Blicke gerade auch auf die Leistungen pastoralistischer Gemeinschaften für Ernährungssicherheit, Biodiversität, Klimaanpassung und den Schutz von Weidelandschaften. Und genau darum soll es auch in Ulaanbaatar auf der COP17 gehen, wo sich die Vertragsstaaten der Wüstenkonvention auf Lösungen zur Wiederherstellung von degradiertem Land einigen möchte. Die Konferenz zur UN-Wüstenkonvention will dabei Weidelandschaften und die Hirtengemeinschaften, die von ihnen leben und die bislang von der Wüstenkonvention weitgehend unberücksichtigt blieben, ins Zentrum rücken. Mehr als die Hälfte der Landfläche unseres Planeten besteht aus diesen Weidelandschaften, die für über 500 Millionen Menschen Grundlage ihres Lebensunterhalts sind, und zugleich rund ein Sechstel der weltweit produzierten Nahrungsmittel (wie Milch und Fleisch) liefern.

„Wir sind Teil der Lösung“
Doch an der COP17 gab es von Beginn an scharfe Kritik aus der Zivilgesellschaft, von indigenen Gruppen, lokalen Gemeinschaften, Pastoralistinnen und Pastoralisten, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Frauen und Jugendlichen. Ihre Kritik trifft den Kern dessen, was auch in Karamoja sichtbar wird: Wer Pastoralistinnen und Pastoralisten erst nachträglich konsultiert oder nur als „Begünstigte“ von Programmen behandelt, verkennt ihre bedeutende Rolle. Die Ulaanbaatar-Deklaration pastoraler und indigener Gemeinschaften betont daher, dass Pastoralisten weit mehr als Stakeholder seien: Sie sind Rechteinhaber, Bewahrer wertvollen ökologischen Wissens und ein wichtiger Teil der Lösung für eine klimaresiliente und nachhaltige Ernährungssicherung.

Forderungen aus Karamoja
Die Misereor-Partnerorganisation Ateker Cultural Centre aus Karamoja fordert bei den Debatten rund um die COP17, Weidelandschaften und Pastoralismus politisch anzuerkennen, und Pastoralisten sichere Landrechte, Mobilitätskorridore und gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen zu gewährleisten. Besonders Frauen und Jugendliche müssten in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Denn sie übernehmen zentrale Verantwortung für die mobile Tierhaltung, natürliche Ressourcen, Ernährung und Friedensarbeit, bleiben aber häufig von Landrechten, Verhandlungen und politischen Räumen ausgeschlossen.
Die entscheidende Frage an die COP17
Die politische Frage vieler Organisationen an die COP17 ist deshalb sehr konkret: Werden Pastoralistinnen und Pastoralisten künftig als Teil der Lösung behandelt oder weiterhin als Hindernis für Naturschutz, Investitionen und staatliche Planung betrachtet? Für die Pian und andere Hirtengemeinschaften wären der Schutz von Landrechten, Weidegebieten, Wasserstellen und saisonalen Wanderkorridoren kein abstrakter Fortschritt. Es würde bedeuten, nicht mehr erst dann gehört zu werden, wenn Grenzsteine bereits gesetzt sind, sondern als zentrale Akteure, die den Prozess mitgestalten und mitbestimmen können. Es würde bedeuten, dass ihr Wissen über Weiden, Wasser, Trockenzeiten und Konfliktvermeidung in Schutzgebietsplanung, Landpolitik und Klimafinanzierung einfließt. Es würde auch bedeuten, dass Naturschutz nicht gegen die Menschen gemacht wird, die diese Landschaften seit Generationen mitgeprägt und erhalten haben.
Landrechte statt Lippenbekenntnisse
Die Gesichter unter dem Baum bei Pian Upe erzählen von Angst, Wut und Erschöpfung. Gleichzeitig erzählen sie von einer Lebensweise, die kein Relikt aus einer vergangenen Zeit ist, sondern eine hoch angepasste Form des Wirtschaftens in unsicheren Umweltkontexten. Wenn die Welt in Ulaanbaatar über Land, Dürre und Hoffnung spricht, dann entscheidet sich die Glaubwürdigkeit dieser Konferenz auch hier in Karamoja: an einer Wasserstelle, an einem Wanderkorridor und an der Frage, wem das Land wirklich gehört.
Hinweis: Der Artikel beruht u.a. auf intensiven Gesprächen von Sabine Dorlöchter-Sulser mit den Pian und anderen Karimojong-Hirtengemeinschaften während ihrer Dienstreise im November 2025.
Weitere Informationen:
Misereor fördert die Liga für Hirtenvölker bei der Erstellung einer Weltkarte, um den Landverlust der Hirtengemeinschaften weltweit zu dokumentieren: https://www.pastoralpeoples.org/threats-to-pastoralism/