Suche
Suche Menü

Bitti Chakri – Free Caste Labour

Bitti Chakri oder auf Englisch free caste labour ist ein in Indien praktiziertes soziales System, das Dalits zwingt, ohne Entgelt bestimmte Arbeiten für die Angehörigen der Kasten zu verrichten. Es hat soziale und wirtschaftliche Hintergründe. Das entscheidende Problem bei diesem System besteht darin, dass die Dalits versklavt und ihnen ihre Freiheit und Menschenwürde genommen wird.

Im Hinduismus ist es so, dass die Dalits, weil sie in die ausgegrenzten Kasten hineingeboren werden, dazu bestimmt sind, niedere Tätigkeiten für die gesamte Dorfgemeinschaft auszuführen. Das gilt als ihre Pflicht den anerkannten Kasten gegenüber. In den meisten indischen Dörfern zählen folgende Tätigkeiten noch heute zu den unentgeltlichen Pflichten der Dalits:
•    Entfernung von Tierkadavern. Stirbt ein Tier im Dorf, lässt es der Eigentümer einfach liegen. Man schickt nach den Dalits, damit sie kommen und den Kadaver wegräumen.
•    Straßenreinigung.
•    Reinigung der Abwasserkanäle.
•    Bekanntmachung von Ankündigungen im Dorf durch das Schlagen der Dalit-Trommeln. Jede Information, die die Kastenherren im Dorf verbreiten wollen, haben die Dalits in den Straßen auszurufen.
•    Schlagen der Dalit-Trommeln bei Trauerzügen.
•    Aufsuchen von Familienmitgliedern nah und fern, wenn ein Kasten¬angehöriger stirbt.
•    Ausheben von Gräbern für die Verstorbenen der Kasten.
•    Bereitstellung von Brennholz für Hochzeitsfeiern in den Häusern der Kastenangehörigen.
•    Abfallentsorgung nach öffentlichen Festmählern der Kastenangehörigen.
•    Tragen von Lampen bei Dorfumzügen.

Ich habe in dieser Auflistung nur die allgemein üblichen Tätigkeiten erfasst. Wir stehen hier einem gesellschaftlichen Übel gegenüber, weil nur von den Dalits erwartet wird, dass sie solche Aufgaben übernehmen. Daran liegt es nicht zuletzt, dass Indien teilweise nicht gerade sehr sauber ist. Alle Kastenangehörigen denken, dass Saubermachen und Putzen die Pflicht der Dalits ist. Deshalb werden oft nicht einmal die Toiletten zu Hause gesäubert. Man ruft eher nach den Dalits, wenn die Toiletten verschmutzt sind, weil Hindus glauben, dass das Toilettenputzen in einem religiösen Sinne unrein ist. Sie verschwenden keinen Gedanken daran, dass das, was die Toilette verschmutzt, sich zuvor in ihnen selbst befindet, aus ihrem eigenen Körper kommt. Und ausgerechnet weil die Dalits Häuser und Straßen sauber halten, werden sie als Unreinheit verursachend angesehen und behandelt.

Die Versklavung der Dalits ist aber auch ein wirtschaftlicher Faktor. Die Religion verpflichtet die Dalits, diese traditionellen Aufgaben unentgeltlich zu erledigen. Mitunter erhalten sie dafür ein paar halb vergammelte Lebensmittel oder ein wenig selbst gebrannten Fusel. Manche Regierungsstellen arbeiten in dieser Hinsicht Hand in Hand mit den einflussreichen indischen Kasten. Es gibt immer noch öffentliche Verwaltungen, die Dalits zu dem extrem niedrigen Lohn von 2,50 Euro im Monat (nicht am Tag!) für das Einsammeln von Fäkalien und das Leeren von Latrinen einsetzen. Was man für 2,50 Euro in Europa kaufen kann, wisst ihr als Leserinnen und Leser dieser Zeilen am besten. Wir versuchen dann, unsere Leute dahingehend zu erziehen, dass wir sie bitten, nichts unentgeltlich zu tun, sondern für alle Arbeiten einen Lohn zu verlangen. Doch die Bürokraten in den Regierungsstellen brandmarken uns dann sofort als Aufrührer in den Dörfern und beginnen, unsere Leiter/innen vor Ort zu schikanieren. Die Regierung weiß, dass all das gegen die indische Verfassung verstößt. Aber die Beamten und Angestellten in Regierung und Verwaltung gehören auch zu den dominanten Kasten und sind in derselben Kastenideologie verwurzelt.

Mancherorts aber wie im Tumkur-Bezirk, wo unsere Dalit-Bewegung stark ist, und an einigen anderen Orten ist es uns gelungen, solche Praktiken zu unterbinden. Viele dieser unentgeltlichen Arbeiten der Dalits fallen im Rahmen eines Hindu-Festes an, das Maramma-Fest heißt. Darüber werde ich in meinem nächsten Blog genauer berichten. Dieses Jahr haben wir es in einem Dorf nach dem anderen geschafft, das Büffelopfer anlässlich dieses Festes zu unterbinden. Dafür mussten wir eine sehr langfristige Strategie entwickeln. Wir haben im Bundesstaat Karnataka hochrangige Verwaltungsbeamte für das Thema sensibilisiert und uns mit ihnen ins Einvernehmen gesetzt. Dank unseres guten Verhältnisses zu den Behörden konnten wir in allen Gebieten, auf die sich unsere Aktion erstreckte, auf die Unterstützung der Polizei vor Ort zählen. Wir haben uns furchtlos den mächtigen Kasten entgegengestellt. Die Polizei wussten wir in dieser Sache hinter uns.

Schon zuvor hatten wir unsere Leute im gesamten Bezirk entsprechend vorbereitet, indem wir von Dorf zu Dorf gezogen waren und sie gebeten hatten, keine Arbeit für die anderen Kasten unentgeltlich zu verrichten. Wir forderten sie auf, einen Lohn zu verlangen, und legten sogar für jede Tätigkeit, die üblicherweise unentgeltlich von ihnen erwartet wird, einen Preis fest. Zum Beispiel bestimmten wir, dass eine Stunde Trommeln vier Euro kostet und das Ausheben einer Grabstätte vierzig Euro. Das hat geklappt. Die Dalits konnten so endlich etwas Geld verdienen. Unsere Bewegung hat außerdem auch einige Arbeiten wie die Beseitigung von Tierkadavern ganz verboten, weil das bei den Kindern der Dalits enorme Minderwertigkeits¬komplexe ausgelöst hat. Auch das hat funktioniert. Vielleicht habt ihr schon von der großen Bewegung in Indien gegen „manual scavenging“ gehört. Darunter versteht man das manuelle Einsammeln und Entfernen von Fäkalien etwa aus Trocken¬latrinen. Das ging bis vor das Höchste Gericht in Indien, wo man unter Berufung auf die Verfassung versuchte, ein Urteil zugunsten der Dalits zu erwirken.

Viele von uns riskieren ihr Leben, die Zukunft ihrer Kinder, die eigene Lebens¬planung, nur weil wir gerne unserem Volk ein Leben in Freiheit und Würde ermöglichen möchten. Es ist ein langer Kampf, aber wir machen weiter und lassen die Flamme der Hoffnung in unseren Herzen nie erlöschen.
“Oh, deep in my heart
I do believe
We shall overcome some day….!”

Raj

Autor:

M. C. Raj (Manickam Casimir Raj) ist Gesellschaftsaktivist. Er leitet eine einflussreiche Dalit-Bewegung in Karnataka, Indien. Die Dalits (auch „Kastenlose“ bzw. „Unberührbare“ genannt) leiden noch immer unter Ausgrenzung und Benachteiligung. M. C. Raj ist selbst als “Dalit” geboren; er gehört einer Bevölkerungsgruppe an, die seit jeher als „unsichtbar“ gilt. M. C. Raj hat unter anderem eine große nationale Kampagne für Wahlrechtsreformen in Indien ins Leben gerufen, die unter dem Namen CERI bekannt ist. Er ist auch ein bekannter Schriftsteller, der mehrere Bücher über Philosophie, Psychologie, Spiritualität und Politik veröffentlicht hat. Er ist viel im Ausland unterwegs und hält Vorträge an Universitäten und bei Konferenzen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Sichherheitsüberprüfung * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.