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„Wir bieten Frauen mit Gewalterfahrung einen sicheren Ort“

Domingas Amaral Afonso. Timor-Leste. Vize-Direktorin einer Frauenhilfsorganisation. Setzt sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein – ein wichtiger Teil der Friedensarbeit im jüngsten Staat Südostasiens.

Starke Frauen. Gegen Gewalt. Portrait von Domingas Amaral Afonso
© privat

Das sind meine Wurzeln

Ich heiße Domingas Amaral Afonso, aber alle nennen mich Mika. Ich wurde 1982 geboren – als zweites Kind von sieben Geschwistern. Ich bin in einer einfachen Familie groß geworden und habe früh meiner Mutter im Haushalt helfen und mich um meine fünf kleineren Geschwister kümmern müssen. Deshalb musste ich meine Zeit gut einteilen, um zur Schule gehen und lernen zu können. 2001 habe ich ein Universitätsstudium begonnen. Damals fing ich auch an, mich ehrenamtlich zu engagieren und als Freiwillige in meiner Nachbarschaft bei verschiedenen Organisationen mitzuarbeiten. Mit den Erfahrungen, die ich über diese Jahre gesammelt hatte, begann ich mich zu bewerben und bekam eine Stelle als Sekretärin bei der Organisation „Forum Komunikasaun ba Feto Timor Loro Sa’e“, kurz FOKUPERS angeboten. Meine Aufgabe war es, die Direktorin zu unterstützen. Knapp zwei Jahre später wurde ich Büroleiterin. Und 2013 schenkte man mir das Vertrauen, als Vize-Direktorin zu arbeiten. Dies ist bis heute meine Aufgabe. Die Aufgaben und Verantwortung, die mir durch die Organisation FOKUPERS anvertraut wurden, halfen mir, zu einem reifen Menschen zu werden, der eigenverantwortlich qualitative Arbeit leisten kann. Eine Arbeit, die von Nutzen für viele Menschen ist und auch einen Beitrag leistet, die Mission und Vision von FOKUPERS zu erfüllen.   

Das verleiht mir Flügel

Als timoresische Frau empfinde ich eine hohe Arbeitsverpflichtung und Hingabe gegenüber FOKUPERS. Es erfüllt mich mit Stolz, bei einer Organisation mitwirken zu können, die Frauen und Kindern Hilfe anbietet, die Opfer von geschlechterbasierter Gewalt geworden sind. Und die verletzten Frauen und Kindern einen sicheren Ort oder wie wir sagen, „einen Platz im Schatten“ bieten kann.

In meiner Arbeit bei FOKUPERS höre ich die Lebensgeschichten und Erfahrungen dieser Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind und ich begegne ihnen tagtäglich in meiner Arbeit. Das überzeugt mich, meine Arbeit mit einem großen Herzen und Mitgefühl zu tun. Ja sogar, meine Arbeit zu lieben. Ich kann durch sie anderen Frauen helfen. Das gibt mir Kraft. Als Christin glaube ich fest, dass meine innere Haltung und meine Kraft Gaben sind, die ich durch Gottes Segen erhalte. Ich habe verstanden, wenn ich mich bemühe und mit Geduld arbeite und immer dem Leben dankbar bin, dann erreiche ich meine Träume und bin erfolgreich in der Zukunft. Wenn ich in meinem Leben erfolgreich bin, dann kann ich auch anderen Menschen helfen, die auf meine Hilfe angewiesen sind. Starke und weise Frauen wandeln die Gesellschaft zu einer, wo die Gleichberechtigung der Geschlechter gefördert und respektiert wird. Somit kann ich einen Beitrag leisten, Gewalt gegen Frauen und Kindern in Timor-Leste zu reduzieren. 

Ich bin auch dankbar, dass ich eine Familie habe, die mich unterstützt und mir den Raum und das Verständnis geben, um meine Arbeit gewissenhaft tun und die mir anvertraute Verantwortung tragen zu können. Gleichwohl nehme ich meine Aufgabe als Mutter und Ehefrau sowie meinen Dienst für andere sehr ernst.

Dafür setze ich mich ein

Ich bemühe mich, eine starke Frau zu sein. Eine Frau, die fähig ist, andere Frauen zu stärken. Sodass sie den Mut entwickeln, zu sprechen und Entscheidungen für ihr Leben selbst zu treffen. Mut, ihr Leben selbst zu bestimmen, um den Zyklus der Gewalt zu brechen, der sie begegnen und der sie oft selbst zum Opfer gefallen sind. Durch die Hilfestellung, Befähigung und die anwaltschaftliche Arbeit, die FOKUPERS während der vergangenen 25 Jahre geleistet hat, ist ein signifikanter Beitrag für die timoresische Gesellschaft erbracht worden, der zu mehr Frieden, Gemeinwohl, Offenheit, Gerechtigkeit und Wahrheit geführt hat. Diese Hingabe muss von zu Hause aus, in den Familien anfangen. Sie muss zu den Arbeitsstellen und in die Gesellschaft getragen werden, sodass alle Menschen sich gegenseitig respektieren, mit Demut das höchste Gut des Lebens schützen und pflegen.

Es muss etwas passieren, weil…

…alle Menschen die gleichen Rechte haben und von einem Leben in Frieden träumen.  Was sich ändern muss ist die innere Einstellung der Menschen. Sie müssen erkennen, dass alle (in Timor-Leste) einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung dieser Nation leisten. Chancen und Möglichkeiten sollten Frauen und Männern gleichermaßen angeboten werden. Ohne jemanden zu diskriminieren, mit gegenseitigem Respekt und indem die Gleichberechtigung der Geschlechter gefördert wird, sodass alle in Frieden leben können. Das Ziel ist es, diese innere Einstellung durch Sozialisationskampagnen, Bildungsarbeit, Trainings und reguläre Diskussionen zu schulen – um die patriarchalischen Einstellungen zu verändern und somit eine Transformation des Verhaltens, des Verständnisses und der Haltungen zu erreichen.

Meine Arbeit ist getan, wenn…

Dieser Kampf dauert noch lange, und diese Arbeit ist erst beendet, wenn wir alle die Gleichberechtigung der Geschlechter respektieren, die Werte der Menschenrechte pflegen und wirklich Gerechtigkeit für alle herrscht. Erst dann können wir sagen, dass diese Nation wirklich im Frieden lebt. Alle müssen ihren Teil dazu beitragen, diesen Traum zu erreichen.

Frauen können…

… ihre Familien leiten, Schlüsselpositionen besetzen und sie können auch die Nummer Eins dieser Nation sein. Starke und kluge Frauen säen gute Samen für eine bessere Zukunft von Timor-Leste. Wenn Frauen stark sind und wenn sie verantwortliche Positionen übernehmen, zum Beispiel unser Land zu leiten, dann kann sich diese Nation besser entwickeln, und alle können in Frieden leben. 

Interview:
Inge Lempp, Leiterin der Dialog- und Verbindungsstelle von MISEREOR in Timor-Leste;
Nina Brodbeck


Hintergrund

Timor-Leste – Gewaltvolle Vergangenheit wirkt bis heute
Frauen in Timor-Leste haben noch immer mit den Auswirkungen der jahrelangen Unterdrückung der Bevölkerung zu kämpfen. Das Land, das von Indonesien besetzt war, ist erst seit 2002 unabhängig – ein jahrelanger militärischer Konflikt riss tiefe Wunden in die Gesellschaft, die nur langsam heilen. Patriarchalische Strukturen herrschen noch immer vor. Gewalt gegen Frauen ist keine Seltenheit, sondern gesellschaftlich akzeptiert.

FOKUPERS eröffnet Frauen und Mädchen eine echte Chance
In dieser Realität Osttimors spielen Frauen eine untergeordnete Rolle und haben wenig Einfluss. Die meisten Frauen sind nach wie vor wirtschaftlich von ihren Männern abhängig. Viele erfahren Gewalt in ihrer Ehe. Verlassen sie ihre Männer, sind sie geächtet und haben keine Möglichkeit mehr, sich und ihre Kinder zu ernähren. So brauchen sie Hilfe von außen, um den Schritt in ein selbstbestimmtes Leben zu wagen. Diese Unterstützung bietet FOKUPERS seit 1997. In mehreren Frauenhäusern finden Frauen, die häusliche oder sexuelle Gewalt erfahren haben, Zuflucht. Sie erhalten therapeutische Beratung zur Bewältigung des Erlebten und lernen praktische Dinge für ihre künftige Lebensplanung. Zudem leistet FOKUPERS wichtige Aufklärungsarbeit und hilft den Menschen, die gesamtgesellschaftlichen Vorteile von Gleichberechtigung zu entdecken.

Weitere Infos: https://www.misereor.de/spenden/spendenprojekte/timor-leste-frauen-staerken


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie setzen sich ein für eine friedlichere Welt. Für den Erhalt der Erde und für eine Ernährung, die nicht nur satt macht, sondern auch gesund ist und umweltschonend angebaut wurde.

Alle Interviews im Überblick


„Rapt de filles“: Über den Missbrauch von Frauen und Mädchen im Kongo

Die Benachteiligung von Mädchen und Frauen ist in der Demokratischen Republik Kongo allgegenwärtig, häufig aber für Zugereiste nicht so leicht wahrnehmbar.

Symbolbild © CANVA

Eheschließungen zwischen oder mit Minderjährigen, sexueller Missbrauch von Kindern, alleinerziehende minderjährige Mütter, Risiken infolge heimlicher Abtreibung oder Geburtskomplikationen (einschließlich Tod von Mutter und Kind) sind leider sehr alltägliche Phänomene sowohl in städtischen als auch ländlichen Milieus im Kongo. Und zwar so alltäglich, dass kaum darüber gesprochen wird.

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Globale Unternehmenssteuern: Was ist drin für den globalen Süden?

Den Worten von Papst Franziskus in der Enzyklika Fratelli Tutti zufolge ist die COVID-19-Pandemie „der Sturm“, der unsere Verwundbarkeit als Menschheit aufgedeckt und das Gefühl wiederbelebt hat, dass wir eine globale Gemeinschaft sind. Alle sitzen im selben Boot, in dem die Probleme eines Einzelnen die Probleme aller sind. Einmal mehr wurde uns in der Krise bewusst, dass wir nur gemeinsam gerettet werden können. Daher sollte man annehmen, dass die G20-Staaten mit ihrer im Juli 2021 gefassten „historischen“ Einigung auf eine globale Unternehmenssteuer von 15 Prozent für Unternehmen von einem ähnlichen Verständnis geleitet waren.

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Myanmar: „Jeder Tag hier ist die Hölle“

Heute Morgen erhielt ich eine Nachricht von einem guten Bekannten aus Yangon. Er beschreibt die Situation in der größten Stadt von Myanmar so: „Jeder Tag hier ist die Hölle. Noch nie dagewesene Verhaftungen, zügellose Schießereien und Tötungen durch Armee und Polizei. Das sind derzeit in ganz Myanmar tägliche Nachrichten, die wir nicht einmal mehr als seltsam empfinden. Wir sind stumm, wenn wir solche Nachrichten hören. Und das macht mich traurig.“

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7 Gründe, warum Dein Kaffee immer noch nicht fair ist

Am 1. Oktober war der Internationale Tag des Kaffees. Anlass für uns, auf die Anbau- und Produktionsbedingungen, die Folgen für die Menschen und Umwelt sowie auf die „wahren Kosten“ von Kaffee zu schauen. Eines ist sicher: fair muss vorgehen – im Café Deines Vertrauens und auf den Kaffeefeldern im globalen Süden.

Auch wenn die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt zuletzt drastisch gestiegen sind; die Bauernfamilien bekommen davon am wenigsten ab. © Rodrigo Flores / Unsplash

1. Nur sieben von 100 Tassen in Deutschland sind fair gehandelt

Gefühlt gibt es ihn überall und für alle. Aber die Deutschen kaufen und trinken unfair: Nur sieben von 100 Tassen Kaffee in Deutschland sind fair gehandelt, also sind 93 von 100 Tassen nicht fair gehandelt.

2. Der größte Teil des Kaffees stammt aus Massenproduktion

Der meiste Kaffee ist kein schicker, edler Café Lungo oder feiner Espresso, der schon aufgrund seiner Qualität hohe Preise erzielt. Beinahe 90 % unseres Kaffees stammt aus Massenproduktion. Er wird vielfach mit Maschinen geerntet, wächst in Mono- und nicht in Waldkulturen. Auf der Arbeit, im Krankenhaus, im Restaurant und beim Discounter wird Qualität versprochen, aber nicht eingehalten.

3. Die Industrie setzt auf „mehr statt besser“

Kaffeehändler empfehlen den Bauernfamilien, immer mehr zu produzieren. Aber eigentlich müsste es den bäuerlichen Betrieben darum gehen, den Kaffee rentabel zu erzeugen und sich nicht von einem einzigen Anbauprodukt abhängig zu machen.

4. Dein Kaffee hat viele versteckte Kosten

Der Kaffeeanbau verursacht viele Schäden für die Umwelt. Wasser wird nicht aufgearbeitet. Die Böden werden schlechter, speichern kaum Nährstoffe und CO2. Geschwächte Pflanzen können nur noch mit Pestiziden gegen Schädlinge und Krankheiten geschützt werden. Die gute Nachricht ist, dass ein anderer Anbau auch das Gegenteil erreichen könnte, nämlich CO2 in Böden zu speichern, Wasser zu schonen und Umweltgifte stark zu reduzieren.

Kaffeesetzlinge
Mit einem ökologisch ausgerichteten Kaffeeanbau würde(n) CO2 in Böden gespeichert, Wasser geschont und Umweltgifte stark reduziert werden. © Christian Joudrey / Unsplash

5. Wer die wahren Kosten des Kaffees zahlt, hat es auf dem Markt schwer

Unternehmen die sich bemühen, versteckte Kosten selbst zu schultern oder Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen, haben im Vergleich zur Konkurrenz schlechtere Karten. Das will MISEREOR mit dem Projekt „Wahre Kosten“ ändern.

6. Die Weltmarktpreise führen zu Armut und einem schlechten Anbau

Auch wenn die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt zuletzt drastisch gestiegen sind; die Bauernfamilien bekommen davon am wenigsten ab. Sie können den Anbau nicht planen, denn die Preise schwanken und Investitionen sind nicht planbar. Fünf Jahre braucht ein Kaffeestrauch um volle Frucht zu tragen. Bei Fairtrade-Kaffee gibt es hingegen einen finanziellen Schutz: es werden mindestens 1,40 US-Dollar pro Pfund (lb) gezahlt.

7. Kaffeebauernfamilien haben nicht nur mit dem Klimawandel zu kämpfen

Der Anbau wird fast nur noch von Alten betrieben, da die Menschen mit Kaffee nicht aus der Armut kommen können. Die Kinder ziehen weg, verfolgen andere Lebensmodelle mit mehr Zukunft. Im fairen Handel kann aber Zukunft liegen, wie ein Beispiel aus Peru zeigt.

Wie Kaffee für die Menschen gut und fair wird, das haben wir euch auf www.misereor.de/kaffee zusammengestellt!