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Zwei Tage Lateinamerika-Kongress: „Es geht darum, sich wirklich zu begegnen.“

Auf dem lateinamerikanischen Kontinent ist momentan einiges in Bewegung: Allein im vergangenen Jahr gab es Massenproteste in gleich fünf Ländern sowie umfangreiche Migrationsbewegungen, populistische Einflüsse nahmen zu, Berichte von Umweltzerstörung gingen um die Welt. Lösungswege für diese diversen Konflikte zu finden und über Zukunftsperspektiven zu sprechen ist eine Herausforderung, der sich am 10. und 11. Januar 2020 mehr als 115 Teilnehmende und Referierende gemeinsam stellten: Unter dem Motto „Vamos! Zukunftswege gestalten – Perspektiven aus Lateinamerika“ diskutierte eine bunte Mischung aus Lateinamerikaner*innen, Expert*innen und Lateinamerika-Interessierten aus ganz Deutschland auf dem von MISEREOR, dem Zentralinstitut für Lateinamerikastudien (ZILAS) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und die Casa Latinoamérica veranstalteten Kongress. Einige Perspektiven im Überblick:

Wie können wir unsere Zusammenarbeit gestalten?

Migration, Populismus, Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung – die Herausforderungen der Länder Lateinamerikas sind vielseitig. Es geht nun darum, ihnen gemeinsam zu begegnen und neue Wege in die Zukunft zu erkunden. Vamos, lasst uns gehen – aber wie? Markus Büker, einer der Lateinamerika-Abteilungsleiter bei MISEREOR, berief sich auf Papst Franziskus im Abschluss-Dokument der Amazonien-Synode: „Der erste Schritt ist, sich den Menschen nicht auf neoliberalen Dampfwalzen, sondern auf Zehenspitzen anzunähern, ihnen zuzuhören und ihre Projekte wahrzunehmen.“ Es gehe darum, unbekannte Wege der Zusammenarbeit zu erkunden, um die globalen Probleme wie Ressourcenausbeutung in den Griff zu bekommen.

Auch für Birgit Weiler, Ordensschwester und Professorin an der Jesuitenuniversität in Lima, Peru, sind die globalen Verflechtungen und das Voneinander-Lernen wichtig, um sich insbesondere der Umweltzerstörung und Ressourcenausbeutung zu stellen: „Ganzheitliche Ökologie ist Teil der indigenen Kultur und auch Teil vom ‚Buen Vivir‘, dem Guten Leben. Zur Gesellschaft zählen für viele indigene Völker Natur und Mensch gleichermaßen.“ Daraus entstehe ein ganz anderer Blick auf die Welt. „Wir können die Erde nicht nur ausbeuten, sondern müssen sie achten. Das haben diese Völker gelernt. Jetzt ist die Stunde, um von ihnen zu lernen.“

Wo steht Lateinamerika derzeit?

Bevor der Blick in die Zukunft ging, schauten die Teilnehmenden des Lateinamerika-Kongresses auf den Status Quo. Was bewegt die Region derzeit? Simone Lehmann, MISEREOR-Referentin für unter anderem Venezuela, vertiefte die umfassenden Migrationsbewegungen in Lateinamerika und von dort aus in die Welt: „Natürlich ist der Idealzustand, dass jede Person an dem Ort bleiben kann, wo sie geboren ist oder bleiben möchte. Nichtsdestotrotz müssen wir auch darüber sprechen, dass es viele Gründe gibt, warum jemand migriert oder flieht.“ Wenn Menschen um ihr Leben fürchten, müsse geschaut werden, dass sie Sicherheit finden können.  

Simone Lehmann, MISEREOR-Referentin für untere anderem Venezuela, spricht über die Migrationsbewegung in Lateinamerika.

Für Thomas Fatheuer von der Heinrich-Böll-Stiftung ist es notwendig, kritisch auf das 2019 zwischen der Europäischen Union und Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay geschlossene Freihandelsabkommen Mercosur zu schauen: „Um dem steigenden Export an Rindfleisch in die EU nachzukommen, rodet man große Flächen des Amazonas-Regenwaldes. So wird Weideland geschaffen, die Europäische Union aber macht sich für die Abholzung des Regenwalds mit verantwortlich.“ 

Gerade im vergangenen Jahr war diese Entwicklung deutlich sichtbar: Im August gingen Bilder von großflächigen Bränden im Amazonas-Gebiet um die Welt. Für die Teilnehmenden war dies genauso Thema wie die anhaltenden Bedrohungen und Ermordungen von Menschenrechtsaktivisten oder der wachsende Einfluss evangelikaler Kirchen, der in der Wahl des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro Ausdruck fand.

Wohin kann der Weg gehen?

Um Wege in eine positivere Zukunft zu finden, müssten wir in „unbekannten Gewässern fischen“, wie Birgit Weiler schon in ihrer Einleitung sagte. Am zweiten Kongresstag standen vor allem alternative Denkansätze aus Lateinamerika im Mittelpunkt.

So thematisierte Mayu Stupa Stölpen, Antroposoph und Lehrer aus Hamburg, die Weltsicht der Quechua, Dr. Carlos Herz Saenz blickte auf die Möglichkeit zur Partizipation indigener Völker in der Politik. Von ihnen können wir einiges lernen, war auch für den Berater für indigene Völker, Volker von Bremen, klar: „Sie lehren uns, hin und wieder von außen auf Dinge zu schauen, mit denen wir mittlerweile selbstverständlich umgehen. So fangen wir an, unser System zu hinterfragen.“

Elena Muguruza ist Peruanerin, Rechtsanwältin und Eine-Welt-Promotorin in Stuttgart. Für sie ist unser Wohlstandskonzept „absolut dekadent“: „Wir denken, uns geht es gut und wir können nicht auf unseren Wohlstand verzichten. Aber was ist Wohlstand? Wir kaufen giftige Kleidung und verschmutzen unsere Umwelt dafür.“ Unsere Definition von Reichtum müsse sich ändern, wir sollten anfangen umzudenken. „Bewegungen wie zum Beispiel Fridays for Future stimmen mich jedoch hoffnungsfroh“, so Elena Muguruza.

Neu denken, Perspektiven austauschen und sich über den Kongress hinaus vernetzen: Im Anschluss an die Impulse konnten die Teilnehmenden genau dies tun und dabei Themen ihrer Wahl, wie beispielsweise indigene Partizipation, Frauenbewegungen in Lateinamerika, Landvertreibung oder Klimasolidarität, vertiefen.  

Am Ende stach trotz der Bandbreite der diskutierten Aspekte einer besonders hervor: „Es geht darum, sich wirklich zu begegnen. Das bedeutet, dass wir einander zuhören müssen, wahrnehmen, was geschieht und uns erst dann wirklich verstehen und handeln können“, resümierte der Indigenen-Experte Volker von Bremen.

Hier finden Sie Fotos der Veranstaltung:

VAMOS!  Kongress und Fiesta
Dieser Beitrag wurde von unserer Voluntärin Jana Echterhoff sowie der Praktikantin der Kommunikationsabteilung Johanna Deckers verfasst.

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