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Myanmar – Zwei Jahre nach dem Putsch

Am 1. Februar 2021, vor genau zwei Jahren, putschte das burmesische Militär. Nach zehn Jahren vorsichtiger Öffnung, der Entwicklung demokratischer Mechanismen und einer sehr lebendigen Zivilgesellschaft sowie nach freien Wahlen 2015 und 2020, machte das burmesische Militär (Tatmadaw genannt) dieser insgesamt positiven Entwicklung ein Ende.

Wahlkampf in Myanmar 2020
Wahlkampfszenen in Myanmar 2020. © Shwe Phee Myay News Agency

An diesem 1. Februar 2021 sollte das im November 2020 neu gewählte Nationalparlament erstmals zusammentreten. Der haushohe Sieg der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, und weitere Stimmverluste der militärnahen Partei USDP (Union Solidarity and Development Party) machten die Hoffnungen des Militärs zunichte, weiteren durch Wahlen legitimierten Einfluss auf die Politik zu gewinnen. Der Oberbefehlshaber der Tatmadaw, General Min Aung Hlaing, nahm diese Entwicklung offenbar zum Anlass, die Politik wieder allein durch das Militär zu bestimmen und demokratische Kräfte und den Willen des Volkes zu ignorieren.

Tausende leiden unter dem Krieg gegen das Volk

Seit zwei Jahren nun führt das Militär in Myanmar einen Krieg gegen das eigene Volk, das sich in weiten Teilen sehr früh entschieden hatte, sich nach zehn Jahren relativer Freiheit nicht erneut von einem Militärregime unterjochen zu lassen. In weiten Teilen gingen die Menschen in den Widerstand, der bis heute anhält.

Inzwischen zahlten dies laut der Assistance Association for Political Prisonsers (Burma) (AAPPB) mindestens 2.827 Menschen (Stand 25.01.23) mit dem Leben, darunter auch viele Kinder. Insgesamt 17.457 wurden inhaftiert, 13.658 Menschen sind noch immer im Gefängnis.

Die Menschenrechtsverletzungen, die vom Militär begangen werden, umfassen laut Berichten von amnesty international und anderen Menschenrechtsgruppen u.a. willkürliche Festnahmen, Folter, sexuelle Gewalt und Androhung sexueller Gewalt gegen Kinder, Frauen, Männer und Angehörige der LGBTQI+-Community, Flugangriffe und Beschuss von Dörfern, Abbrennen ganzer Dörfer und Städte, Angriffe auf Moscheen, Kirchen und buddhistische Klöster, in denen sich Menschen in Sicherheit gebracht hatten, Angriffe auf Krankenhäuser und willkürliche Verhaftungen von Gesundheitspersonal, Verhaftungen von Lehrer*innen, die sich weigern, in staatlichen Schulen zu unterrichten, Luftangriffe auf Flüchtlingslager, Verweigerung der humanitären Hilfe und vieles mehr.

Bereits vor dem 1. Februar 2021 gab es etwa 330.000 Binnenflüchtlinge in Myanmar (nicht gezählt sind hier die vielen Rohingya-Flüchtlinge, die ab 2017 in Bangladesch Zuflucht suchten), die aufgrund verschiedener regionaler Konflikte des burmesischen Militärs mit überwiegend ethnischen bewaffneten Gruppen ihr Zuhause verlassen mussten. Nun sind es nach zwei Jahren des Bürgerkrieges 1,5 Millionen Menschen (laut UN OCHA am 30.12.22). All diese Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Soldaten versperren aufgereiht eine Straße
Soldaten versperren aufgereiht eine Straße

Bedürfnis nach „zu Hause“

Um die Situation der Menschen und ihrer Bedürfnisse besser einschätzen zu können, wurden von einzelnen Organisationen Umfragen durchgeführt. So auch im Kayah-Staat, im Osten Myanmars an der Grenze zu Thailand, wo die Kämpfe besonders heftig und die Zahl der Binnenflüchtlinge besonders groß sind.

Laurentia, 50 Jahre alt, berichtet: „Wir mussten im Mai 2021 unser Haus in einer Kleinstadt im Kayah-Staat verlassen. Wir lebten dort mit acht Familienmitgliedern. Es fanden schwere bewaffnete Zusammenstöße statt. In der Stadt können wegen der Kämpfe auch weiterhin keine Menschen leben. Ich bin so gestresst, wenn ich daran denke, was ich mit meiner Familie essen soll und wie wir in den kommenden Tagen überleben sollen. Die Zukunft meiner Familie ist sehr ungewiss, und wir haben all unseren Besitz verloren. Ich brauche Einkommen. Ich brauche Geld für die Schulbildung meiner Kinder und für unser tägliches Essen.“

Auf die Frage: „Was wünschen Sie sich?“, antwortet Laurentia: „Ich möchte mit meiner ganzen Familie nach Hause.“

Noel, 38 Jahre alt, berichtet von seiner Flucht mit seiner vierköpfigen Familie aus einem Dorf im Kayah-Staat: „Es gab im Mai 2021 bewaffnete Zusammenstöße im Dorf und entlang der Hauptstraße, die am Dorf vorbeiführt. Niemand kann dort heute leben. Es heißt, dass im Dorf Landminen verlegt wurden. Ich bin sehr gestresst. Ich bin nun seit Jahren weit weg von zu Hause. Ich habe all meinen Besitz verloren, habe kein Einkommen und brauche Arbeit.“ „Was wünschen Sie sich?“ „Ich möchte nach Hause. Wir brauchen Frieden und Freiheit.“

Myanmar Flüchtlingscamps Konflikt
Die Kämpfe finden auch in der Nähe von Geflüchtetencamps statt; in einigen Regionen waren und sind Menschen zwischen den Fronten gefangen und können sich nicht in Sicherheit bringen. © Hkun Li

Misereor-Partnerorganisationen in Myanmar

Misereor bemüht sich mit seinen Partnerorganisationen, Menschen in Flüchtlingslagern zu unterstützen.

Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Land erscheint es außerdem besonders wichtig, verstärkt Projekte zur Ernährungssicherheit zu fördern. Zum Beispiel werden Projekte finanziert, die die Menschen in der Anlage von Hausgärten oder bei der Landwirtschaft in von Kampfhandlungen weniger betroffenen Regionen unterstützen. Dies sind wichtige Maßnahmen, um die Selbstbestimmung der Menschen auch angesichts großer Preissteigerungen zu erhalten und ein kleines Stück Hoffnung für die Zukunft zu säen.

Ohne ein Ende der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zur Demokratie bleibt vielen Menschen jedoch nur die Flucht und der Wunsch nach Frieden.

Weitere Informationen:

Vor zwei Jahren putschte sich in Myanmar das Militär gewaltsam an die Macht. Der Coup und folgende Wellen der Gewalt stellen eine kollektive Retraumatisierung dar. Die Trauma-Expertin Simone Lindorfer berichtet im Interview.


Männer verlegen Wasserrohre

Mit unserem Projektpartner vor Ort bauen wir eine nachhaltige Wasserversorgung in vielen Dörfern Myanmars.


Geflüchtete in einem Camp in Thailand ©COERR

Wir versorgen Flüchtlinge aus Myanmar in Thailand mit lebenswichtigen Hilfsgütern. Misereor-Nothilfe für Geflüchtete aus Myanmar in Thailand.


Brumadinho: 4 Jahre Straflosigkeit

Vor mittlerweile vier Jahren brach nahe der Kleinstadt Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien der Staudamm I der Eisenerzmine Córrego do Feijão des Bergbaukonzerns VALE S.A. Bis heute sorgt der Bruch des von einer TÜV SÜD Tochter zertifizierten Dammes für Entsetzen. 

Helikopter über schlammbedecktem Land
Der Dammbruch im Januar 2019 zerstörte die Dörfer und Landschaft in Brumadinho – und begrub kilometerweit Land unter Schlammmassen. ©Isia Medeiros
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Deutsche Städte für globale Klimagerechtigkeit

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Am 1. Dezember 2022 beschloss die Regierung den vorgezogenen Kohleausstieg im Rheinischen Revier, kurz darauf gab sie den neuen Betriebsplan von RWE frei. Dieser sieht vor, den Tagebau Garzweiler auszudehnen und die unter dem Ort liegende Kohle zu fördern. Und der Ort? Die früheren Bewohner*innen haben das nordrhein-westfälische Lützerath bereits verlassen, Schaufelbagger stehen zum Abriss bereit. Proteste, besetzte Bagger und Straßenbarrikaden sollten das verhindern. Auch Misereor fordert, dass die Erhaltung der Energieversorgung in Anbetracht der Klimaziele neu diskutiert werden soll. Doch wie hängt ein Braunkohlegebiet in Deutschland überhaupt mit Misereor zusammen? Die folgenden Fragen sollen Antwort darauf geben.

Das "Geisterdorf" Lützerath ©Misereor
Das Dorf Lützerath ist längst verlassen und nunmehr nur noch ein „Geisterdorf“. ©Misereor
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