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Die innere Kraft der Dalits

Die Times of India berichtete in ihrer Ausgabe vom 26. Mai 2011 über beachtliche Bildungserfolge der Dalits. Eine höhere Anzahl von Sekundar-schulabsolventen aus stark benachteiligten Kasten und ethnischen Gruppen , als erwartet worden war, hat – so die Reportage – das zentrale Zulassungsverfahren für Technische Hochschulen erfolgreich durchlaufen und ist zum Studium angenommen worden.

Die Zeitung schildert sogar Fallbeispiele von Dalit-Schülern, die besser abgeschnitten haben als ihre Mitschüler aus anderen Kasten. In der Tat belegt die Geschichte durch zahllose Beispiele die erstaunlichen Fähigkeiten der Dalits, wenn sie nur eine Chance bekommen. Schon wenn sich ihnen die Tür ein klein wenig öffnet, sind sie in der Lage, sie aufzustoßen, um im Leben voranzukommen. Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch, dass die Kastengesellschaft in Indien versucht, jeden solchen Ansatz zu unterbinden. Dafür ist ihr in ihrer Habsucht jeder Trick recht, damit ihr alle Ressourcen weiterhin ungehindert zufließen und ihr Besitzstand nicht geschmälert wird.

In meinem Buch DYCHE, the Dalit Psyche habe ich dargelegt, dass es in der Gemeinschaft der Dalits eine nahezu unerschöpfliche Quelle innerer Kraft gibt. Wenn diese Kraft einen Weg finden könnte, sich in den gesellschaftlichen Strukturen zu entfalten, dann hätten wir ein Indien, das allen Indern unbeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen würde.

Leider ist das nicht der Fall. Die indische Kastengesellschaft verkennt das Potential der Gemeinschaft der Dalits nicht, hat sich aber von eben diesem Potential stets bedroht gefühlt. Anstatt auf die Stärke der Dalits zu bauen, hat die Kastengesellschaft immer neue Wege erdacht, die Entfaltung der Stärken der Dalits zu vereiteln, um die eigene Vorrangstellung zu verfestigen. Systeme und Strukturen wurden entwickelt, um nicht nur das enorme Potential der Dalits maßgeblich zu schwächen, sondern auch bestimmte Vorstellungen in den Köpfen der Menschen durchzusetzen, die einen Minderwertigkeitskomplex der Dalits zur Folge haben, so dass diese sich möglichst niemals aus ihrer Versklavung befreien können, selbst wenn andere sich konkret darum bemühen.

Für die Befreiung der Dalits ist das bis heute in zweifacher Hinsicht ein großes Problem. Weil die Dalits von ihren eigenen Fähigkeiten in ihrem tiefsten Innern nicht richtig überzeugt sind, haben die Anführer der Dalits nur unzureichend versucht, über den Augenblick, das Hier und Jetzt hinauszudenken. Auf die schlummernden, aber vorhandenen Stärken zu vertrauen, um für die eigene Gemeinschaft kreativ an einer besseren Zukunft zu bauen, war bisher einzelnen charismatischen Persönlichkeiten an bestimmten Punkten in der Geschichte überlassen. Tritt ein solcher Visionär ab, gibt es eine Tendenz, sich in die alte Mentalität der Versklavung zurückfallen zu lassen. Die Gegenwart hinter sich zu lassen und den Schritt in die Zukunft zu tun, hat sich für die Dalits als schwierig erwiesen, weil ihnen das grundlegende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlt.

Wer sich für die Befreiung der Dalits einsetzt, trifft auf viele Hürden nicht nur bei den dominanten Kasten und ihren Anführern, sondern auch bei der Führungsriege der Dalits selber.

Natürlich lässt sich eine externe Situation zunächst leicht begreifen, die despotisch ist und Armut, Pathos und Ghettoisierung nach sich zieht. Nicht ganz so einfach ist es für hilfswillige Außenstehende, die Tiefen des Unterbewussten bei den betroffenen Menschen zu erfassen. Hier geht es nicht zuletzt auch um die zu einem großen Teil sogar bewusste Verinnerlichung der Unterdrückung als etwas Tugendhaftes, so dass im nächsten Leben Aussicht auf eine Wiedergeburt in eine höhere Kaste besteht. Wer in diesem Bereich von außen befreiend oder helfend intervenieren will, gerät oft in ein inneres Dilemma und steht in Gefahr, in Resignation, ja tiefe Depression zu verfallen. In dem Unvermögen, die verwundete Psyche der Menschen zu verstehen und ihre Minderwertigkeitsgefühle als solche zu akzeptieren, fangen sie an, den Dalits selbst und ihren Anführern die Schuld zu geben, und stehlen sich bei nächstbester Gelegenheit aus der Verantwortung. Daraus entsteht ein Teufelskreis.

Die Anführer der Dalits machen die Helfer verantwortlich und die ursprünglich „gutmeinenden“ Helfer versteigern sich in Beschuldigungen und mitunter sogar Verwünschungen der Dalits angesichts der Sackgasse, in die man sich gemeinsam hineinmanövriert hat.

Es gibt noch einen anderen, postmodernen Grund, warum beispielsweise Akteure der Entwicklungshilfe oft relativ schnell den „Rückzug“ antreten. Entwicklungshilfe unterliegt historischen Zwängen, heute insbesondere durch die vorherrschende Mentalität nach dem 11. September. Sie muss also ihre Energien und Ressourcen auch in den Dienst ihres „eigenen“ Landes, Volkes usw. stellen. Die Tendenz, solchen Zwängen nachzugeben, wird von der dominanten Gesellschaft in Indien dort, wo die Dalits leben, stark unterstützt. Die dominante Gesellschaft trägt zwei wesentliche Argumente vor. Zum einen, dass Unberührbarkeit eine Sache der Vergangenheit ist und gar nicht mehr besteht. Sie ist im Schwinden begriffen. Das ist eine Argumentation, die ihr diejenigen gerne abkaufen, die nur selten in Gebiete kommen, in denen bis heute krasseste Formen der Diskriminierung schamlos praktiziert werden. Das zweite Argument ist im Hinblick auf Indien sogar noch gefährlicher. Rund um den Erdball wird propagiert, dass Indien ein asiatischer Riese ist und sich sogar auf die Seite der Geberländer aufgeschwungen hat. Indien ist weltweit eine der dynamischsten Volkswirtschaften und ein Zukunftsmarkt für die Länder des Nordens. Deshalb zögern die Regierungen des Nordens, Indien auf das Thema der Rechte und Menschenrechte der Dalits anzusprechen, und Hilfswerke verschließen lieber die Augen vor der Lebenswirklichkeit der Dalits und wenden sich stattdessen dem vergleichsweise ärmeren Afrika und anderen kriegszerrütteten Ländern zu. Man möge mir hier gestatten, die Entscheidung einiger niederländischer Organisationen beispielhaft zu erwähnen, sich komplett aus der Entwicklungs¬zusammenarbeit mit Indien zurückzuziehen. Das bedeutet natürlich auch einen faktischen Rückzug aus der Entwicklungsarbeit mit den Dalits, ein Bereich, in dem zuvor einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit lag. Dieses Phänomen kann in der Psyche der Dalits nur den Eindruck weiter verstärken, dass man sich, um die Befreiung des eigenen Volkes voranzubringen, auf irgendwelche Hilfe von außen nicht verlassen kann. Das aber ist eine unglückliche Entwicklung, denn sie führt grundsätzlich zu einer weiteren Verfestigung einer Art Wagenburgmentalität, einer Bestätigung und Verstärkung von eingefahrenen negativen Denkweisen.

Vertrauen sowohl in den eigenen Selbstwert und in das Gute im Mitmenschen sind demgegenüber die Grundlagen für einen Aufbruch in eine andere Welt. Die unermüdliche Führung der Dalit-Bewegung ist unter diesen Umständen gezwungen, von Pontius zu Pilatus zu laufen, um großzügige „Herzen“ und neue Ansätze aufzutun. Unter dem Strich stellt sich die Lage für die Dalits so dar, dass die treibenden Kräfte der Kastengesellschaft in Indien es wollen und darauf anlegen, dass die Dalits letztlich Unterstützung nur aus der Kastengesellschaft heraus erhalten können, damit sie die Dalits einmal mehr in ausgeklügelte Formen der Unterjochung zwingen können.

Meine Befürchtung ist, dass die Gemeinschaft der Dalits kurz davor steht, in neue und ungeahnte postmoderne Mechanismen der Versklavung gedrängt zu werden. Sollte dies der herrschenden Gesellschaft gelingen, wird die resultierende Unterwerfung aber nolens volens eine Unterwerfung unter eine globale und nicht mehr nur indische Dominierung sein.

Hoffen wir jedoch, dass die Vernunft auf allen Seiten obsiegt und es noch zu unseren Lebzeiten zu einer Befreiung der Dalits kommt.

Autor:

M. C. Raj (Manickam Casimir Raj) ist Gesellschaftsaktivist. Er leitet eine einflussreiche Dalit-Bewegung in Karnataka, Indien. Die Dalits (auch „Kastenlose“ bzw. „Unberührbare“ genannt) leiden noch immer unter Ausgrenzung und Benachteiligung. M. C. Raj ist selbst als “Dalit” geboren; er gehört einer Bevölkerungsgruppe an, die seit jeher als „unsichtbar“ gilt. M. C. Raj hat unter anderem eine große nationale Kampagne für Wahlrechtsreformen in Indien ins Leben gerufen, die unter dem Namen CERI bekannt ist. Er ist auch ein bekannter Schriftsteller, der mehrere Bücher über Philosophie, Psychologie, Spiritualität und Politik veröffentlicht hat. Er ist viel im Ausland unterwegs und hält Vorträge an Universitäten und bei Konferenzen.

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