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Enttäuschend: Der Klimagipfel in der deutschen Presse

Zum ersten Mal bin ich nicht schon von Anfang an bei einer Klimakonferenz dabei. Zum ersten Mal verfolge ich die Medienberichterstattung aktuell von Deutschland aus und sehe die Berichte nicht erst Wochen später im Pressespiegel. Ich bin – naja – enttäuscht. Zum einen, dass so gut wie gar nicht berichtet wird. Zum anderen, was berichtet wird. Ist der Klimawandel nun doch nicht so schlimm?

Eine prominente Nachrichtensendung zeigt statt Beiträgen zum Klimawandel unter diesem Stichwort einen Beitrag zur Luftverschmutzung in China. So schlimm das ist: Hat das was mit der Klimaverhandlung zu tun? Luftfilter wären wichtig, würden aber das Klima nicht retten. Ein gutes Zeichen dafür, dass der Klimawandel momentan nicht spannend genug ist bzw. nichts Neues zu bieten hat. Stimmt auch: Die Treibhausgasemissionen steigen an, die globale Mitteltemperatur steigt, vielerorts verdorren die Ernten, der Meeresspiegel steigt an. Es geht „nur“ schneller als erwartet.

Und genau dieses Katastrophenszenario mag der Großteil der Gesellschaft wohl einfach nicht mehr hören. Deprimierend genug ist die Finanzkrise. Sie muss mit positiven Gedanken bekämpft werden. „Konsum statt Depression.“ Die Sonne des Novembers und die warmen Temperaturen (Achtung: trockenster November seit Beginn der Wetteraufzeichnungen!) helfen, Schlechtes zu ignorieren. Weihnachten steht an. Und ja: Konsum steht an. Kein Wunder, dass die Medien da in die Falle tappen, den Klimawandel wieder mal anders zu beleuchten.

Ist alles vielleicht gar nicht sooo schlimm?

Im ZDF beschäftigte sich das „philosophische Quartett“ mit dem Klimawandel. Angetreten sind Gerd Ganteför, Physiker und Kritiker von Katastrophenszenarien angesichts des Klimawandels, und als Gegenspieler Frank Schätzing, Erfolgsautor von „Der Schwarm“. Beide Buchautoren. Beide erfolgreiche Buchautoren.

Aber nur einer nennt seine Bücher Belletristik. Der andere „schreibt Wissenschaft“ oder glaubt es zumindest. Wie er selbst sagt, schaut er sich als Physiker an, was die Kollegen der Klimawissenschaft so fabrizieren.

Klimawissenschaftler würden die positiven Folgen des Klimawandels unterbelichten. Der Klimawandel sei nicht ganz so schlimm wie behauptet und eine Wende bei uns für den Klimaschutz auch gefährlich. Ja, und einer Mutter von zwei Kindern könne man das Auto fahren doch nicht so einfach verweigern. Soweit mein Gedächtnisprotokoll einer gemeinsamen Podiumsdiskussion vor rund einem Jahr (das war anstrengend!). Am Schlimmsten sei, so Ganteför im ZDF, dass die positiven Effekte des Klimawandels nicht benannt werden würden.

Ich gebe ihm recht, wenn er sagt: „Alles nicht so schlimm“.  Ergänze den Satz aber:  „Alles nicht so schlimm, wenn … man auf der guten Seite des Lebens steht.“ Mindestens diese Wahrnehmungslücke hat Herr Ganteför also selbst.

Pro Kopf verursachen wir in Deutschland mehr als doppelt so viele Emissionen wie der durchschnittliche Weltbürger. Mit den Folgen des Klimawandels indes kommen wir bestens klar. Und wenn nicht, dann investieren wir in Anpassungsmaßnahmen. Es stimmt; für uns ist alles nicht so schlimm.

Aber:

  • Die Menschen, die nichts zum Klimawandel beigetragen haben, leiden.
  • Diejenigen, die nichts zum Klimawandel beigetragen haben, haben keine Möglichkeiten für Anpassungsmaßnahmen.
  • Diejenigen die nichts zum Klimawandel beigetragen haben, müssen schwimmen lernen. Und kämpfen lernen.

Und mache können es nicht schnell genug lernen.

Ganteförs Thesen könnten die Zeit zum Lernen verknappen.

Liebes ZDF: Warum setzt ihr einen Schriftsteller (der zweifelsohne bewandert ist in den Naturwissenschaften) neben ihn und nicht jene, die ihm direkt Argumente entgegen setzen könnten? Und warum werden nur jene Zitate auf der Webseite benannt, die dem Klimawandel und dem Klimaschutz kritisch gegenüber stehen.

Klimawandel hat nichts mit Glauben zu tun. Klimawandel hat was mit Erleben zu tun. Und scheinbar sollte die Herrenrunde mal das Leben und Überleben in den Sunderbans Bangladeschs erfahren.

Ich werde rasend bei solchen Menschen. Und schalte aus, weil ich Energie für die anstehende Klimakonferenz brauche.

Eine gute Auseinandersetzung und Prüfung der Argumente Ganteförs findet sich z.B. hier: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/klimalounge/medien-check/2011-02-15/gantefors-lainenklimatologie

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Mehr Infos zur MISEREOR-Arbeit im Bereich Klimawandel

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ein wunderschön authentischer, ehrlicher, bauchmässiger und dennoch informativer Artikel. Ich finde es prima kurz vor der Abreise nach Durban noch einmal den Blick so auf das Thema und dieses Deutschland geworfen zu haben. Viel Glück und hoffentlich power (und doch den langen Atem) für die Konferenz und die Aktivitäten in Südafrika.

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