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San José del Progreso – Fortschritt oder Rückschritt?

Vor ein paar Tagen besuchte ich mit unserer Partnerorganisation BARCA eine Gemeinde in der Nähe der schönen Stadt Oaxaca, im Süden Mexikos. Die Gemeinde trägt den vielversprechenden Namen „San José del Progreso“ – was übersetzt so viel heißt wie „San José des Fortschritts“. Der „Fortschritt“ kam im Jahr 2006 in die Gemeinde, in Form des kanadischen Bergbauunternehmens Fortuna Silver, das den Leuten Arbeit, eine Schule, eine bessere Gesundheitsversorgung, Verbesserungen der Infrastruktur und vieles mehr versprach.

Viele begeisterten sich für die Idee. Andere blieben skeptisch, hatten sie doch von den gravierenden Umweltproblemen im Umfeld von solch großen Bergbauvorhaben gehört. Auch der Zugang zum ohnehin schon knappen Wasser machte ihnen Sorgen. Trotz dieser Bedenken konnte das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit das Land von einzelnen Bauern aufkaufen. Seit 2009 läuft der Abbau von Silber und Gold. Jährlich holt das Unternehmen ca. 1,7 Mio. Unzen Silber und 16.000 Unzen Gold aus der Erde.

Jetzt, 4 Jahre später, führt tatsächlich eine große Straße in die Gemeinde San José del Progreso. Das ist aber auch das einzige sichtbare Zeichen des Fortschritts. Ansonsten sieht die Gemeinde aus wie jede andere arme, ländliche Gemeinde in Mexico. Doch die Auswirkungen des Bergbaus sind da: Täglich erschüttern die Explosionen in der Mine das ganze Dorf, viele Häuser zeigen Risse an den Wänden, der Boden unter dem Dorf wird ausgehöhlt. In nur zwei Kilometern Entfernung liegt der Eingang zur Mine. Arbeit haben nur Wenige in der Mine gefunden – zu spezialisiert sind die Jobs dort. Die Bauern aus San José de Progreso braucht man allenfalls für die einfachen Arbeiten, und davon gibt es nicht viele, weil der Großteil der Arbeit mechanisiert ist.

Die Stadtverwaltung am Hauptplatz der Gemeinde ist ein großes und prächtiges Gebäude. Die Leute erzählen mir, wie so eine mächtige Konstruktion in ein so bescheidenes Dorf kommt: der „Presidente Municipal“, der Bürgermeister des Bezirks, ist für das Unternehmen ein wichtiger Alliierter und wurde deshalb entsprechend von dem Unternehmen „unterstützt“. Auch seinen Wahlkampf hat das Unternehmen bezahlt – so konnte es sicherstellen, dass an dieser entscheidenden Stelle ein Mann sitzt, der die „Anforderungen“ kennt, die ein so großes und wichtiges Unternehmen an die lokale Politik stellt und zur Kooperation bereit ist.

Der „Presidente Municipal“ verteidigt denn auch das Unternehmen gegen Kritiker und Aufmüpfige – und derer gibt es in San José de Progreso nach wie vor viele.

Die Zweifel an den „sauberen Umweltpraktiken“ des Unternehmens nahmen zu, als der Dorfveterinär die Innereien von verendetem Vieh untersuchen ließ und feststellte, dass sich in den Organen hohe Mengen an Blei und Arsen angesammelt hatten. Die Wasserstände in den Brunnen sinken seit das Unternehmen mit dem Abbau von Gold und Silber begonnen hat. Hinzu kommt: Die Gemeinde muss teuer für ihr Wasser bezahlen, während das Bergbauunternehmen große Mengen Wasser verschlingt, ohne dafür auch nur einen Peso bezahlen zu müssen. Die Steuern, die das Unternehmen bezahlen muss, sind lächerlich niedrig, weshalb Mexiko auch als lateinamerikanisches El Dorado für die großen Bergbaumultis gilt.

In San José del Progreso kann nur der finanziellen Profit aus dem Unternehmen schlagen, der sich durch kleine Zeichen der „Dienstbarkeit“ als Freund des Unternehmens erweist. Für Viele im Dorf ist der versprochene „Fortschritt“ ausgeblieben. Stattdessen transportiert das Unternehmen Tag für Tag die edlen Mineralien ab und schafft sie ins Ausland.

All diese Gründe führten dazu, dass sich im Dorf eine große Opposition gegen das Bergbauunternehmen bildete. Der Presidente Municipal fand dafür eine durchschlagende Lösung. Er versammelte eine Gruppe von „Pistoleros“ um sich, bewaffnete Rabauken, die nicht lange zögern, bis sie zur Waffe greifen. Im Januar diesen Jahres wurde ein wichtiger Anführer der Widerstandsbewegung, Bernardo Morales, von diesen Pistoleros auf offener Straße nieder geschossen. Im März kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen Bergbaugegnern und Bergbaubefürwortern, diesmal traf es Bernardo Vasquez, den Kopf der Widerstandsbewegung. Im Juni dieses Jahres pöbelten die Leute um den Bürgermeister die dezimierten und eingeschüchterten Bergbaugegner an: „Ihr seid schon so gut wie tot“ und „jetzt seht Ihr, wohin Euch Euer Anführer bringen wird“. Es kam zum Wortgefecht, und erneut griffen die Pistoleros zu den Waffen und schossen drauf los. Ein Junge von 23 Jahren wurde von einer Kugel getroffen, die bis heute in seinem Bauch steckt.

Ein zweiter Mann wurde am Arm getroffen.

Polizei und Behörden sehen sich nicht veranlasst, in der Gemeinde für Ordnung zu sorgen. Mit Strafanzeigen muss nur rechnen, wer sich gegen das Unternehmen stellt. 27 Fälle von willkürlicher Kriminalisierung gibt es. Die Mörder der beiden Bernardos laufen indessen weiter frei herum, obwohl sie von Zeugen einwandfrei identifiziert wurden und es sogar ein Foto vom Mord an Bernardo Vasquez gibt.

Durch die Gemeinde zieht sich ein tiefer Graben. Die einen sind für den Bergbau, die anderen dagegen. „Verloren haben wir alle“, sagt Eustacio Vásquez. „Früher lebten wir im Frieden mit unseren Nachbarn. Heute zieht sich der Streit durch die ganze Gemeinde, manchmal sogar mitten durch Familien. Vom Bergbau profitieren tun nur die Wenigen, die eine Arbeit in der Mine gefunden haben. Wir anderen haben das Wichtigste verloren, was wir hatten: unseren Frieden.“

Autor:

Susanne Friess arbeitet seit 2004 für Misereor. Von 2005 bis 2008 war sie Leiterin der Misereor Dialog- und Verbindungsstelle in Lima, Peru. Seit 2009 ist sie als Beraterin mit dem Schwerpunkt Bergbau und Entwicklung für die Lateinamerika-Abteilung tätig.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Eckhard,

    vielen Dank zu Deinem Kommentar zu meinem Blog-Eintrag zu San José del Progreso. Es freut mich, dass Du ihn gelesen hast.
    Mit vielen Deiner Einwände hast Du recht, dass die Regierung hier einen Auftrag hat, dem sie nicht nachkommt, usw.
    Was die Arbeit von BARCA angeht, so begleiten sie die Gemeinde San José del Progreso leider nicht, sie sind nur mit mir dort hingefahren, weil ich den Fall gerne kennenlernen wollte – es ist einer der Fälle, den wir vor die interamerikanische Kommission bringen wollen, aber eben nicht mit BARCA (was ich sehr bedaure) sondern mit ANAA. Die Bergbauregion, die von BARCA begleitet wird, ist Zaniza, und da konnten wir wegen des starken Regens leider nicht hinfahren.

    Herzliche Grüße
    Susanne

  2. Die Darstellung der Probleme mit Minengesellschaften ist sehr anschaulich und auch nach meinen Informationen voll zutreffend, die Situation ist dramatisch. Allerdings gibt es neben der Minengesellschaft und dem mehr oder minder gekauften Bürgermeister noch andere Akteure bei diesem Konflikt. Da ist die Regierung des Bundesstaates Oaxaca, die einschreiten könnte und das offensichtlich nicht macht und natürlich trägt auch die Regierung in Mexiko-Stadt einen Teil der Verantwortung für die Zustände in dieser und anderer Siedlungen in Mexiko, bei denen Minengesellschaften anscheinend agieren können, wie es ihnen beliebt.

    Leider ist außer im ersten Satz kein Wort zur Arbeit der Misereor-Partnerorganisation BARCADH zu lesen. Ich gehe davon aus, dass Susanne Fries über diese Organisation nach San José del Progreso gekommen ist und dass BARCADH den Widerstand der Beroffenen, die sich gegen die Mine wehren unterstützt, auch wenn die Möglichkeiten beschränkt sind und auch wenn der Gegner übermächtig erscheint. Schade, dass man dazu nichts erfährt.

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