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Fundraising-Workshop in China

Der Stadtbus der Linie 1 kommt in dem morgendlichen Verkehr nur langsam und, was noch viel störender ist, äußerst ruckhaft voran. Vom Lanzhouer Hauptbahnhof bis in den von muslimischen Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern bewohnten Stadtteil Qilihe, wo das heutige Fundraising-Training stattfinden soll, dauert es mindestens 40 Minuten.

Bei dem Training lernen kleine chinesische Nichtregierungsorganisationen, wie sie in China Spenden sammeln können.

Bei dem Training lernen kleine chinesische Nichtregierungsorganisationen, wie sie in China Spenden sammeln können.

Vorne hinter dem Fahrer ist ein Bildschirm angebracht, auf dem vor allem Werbung gezeigt wird. Es gibt auch kurze Trickfilme gegen das Benutzen nicht-lizensierter Taxis. Oder Ausschnitte aus Spielshows, in denen die Kandidatinnen und Kandidaten von einer gewaltigen Styroporwand in ein Wasserbecken geschoben werden. Ganz selten kommen auch mal Nachrichten. Heute ist es das Foto eines in den Kofferraum eines Maserati Quattroporte verkeilten Porsche Cayenne. In irgendeiner südostchinesischen Stadt hatten sich zwei junge Leute gezankt, woraufhin „sie“ zur Strafe mit ihrem Porsche den Maserati ihres (Ex-) Freundes rammte.

Bei dem heutigen Training in Qilihe sollen kleine chinesische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) lernen, wie sie in China Spenden sammeln können. Einfach ist das nicht: Von den eingeladenen 20 Organisationen sind zehn noch gar nicht offiziell registriert und somit eigentlich illegal. Und selbst die registrierten NGOs haben laut chinesischen Gesetzen nicht das Recht, öffentlich um Spenden zu werben. Aber Geld brauchen sie alle.

Mit Kindergartenbildung gegen Diskriminierung

Da ist zum Beispiel ein Staatsratsangestellter aus Linxia, der Kindergärten eröffnen möchte. Mit den 20.000 Yuan, die sein 2008 verstorbener Vater eigentlich für seine Pilgerfahrt nach Mekka gespart hatte, hat er einen ersten Kindergarten in seinem Heimatdorf gegründet. Damit die Kinder vom Land, Angehörige der ethnischen, oder, wie man in China sagt, nationalen Minderheit der Dongxiang, nicht diskriminiert werden, wenn sie in die Schule kommen. Han-chinesischen Stadtkinder lernen im Kindergarten zwischen 300 und 500 Schriftzeichen, die Grundrechenarten, ein bisschen Englisch sowie mehrere Tang-Dynastie Gedichte auswendig.

Integration in der Grundschule

Die Dörfer, in denen der Imam Zhang Yi arbeitet, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Nur die, die es nach der großen Umsiedlung vor ein paar Jahren nicht geschafft haben, in der neuen Heimat Fuß zu fassen und heimlich in ihre alten Lösshöhlen zurückgekehrt sind, leben jetzt noch, beziehungsweise wieder, dort. Zhang gibt jedes Jahr kostenlose Sommerkurse für Grundschülerinnen und Grundschüler. Dieses Jahr kam ein Vater mit einer geistig behinderten Tochter und bat, sie auch mitmachen zu lassen – aus der staatlichen Schule sei sie herausgeworfen worden, aber die junge Frau wäre so gerne mit Kindern zusammen. Nun will Zhang einen Sonderpädagogen für Sprachförderung einladen, Vorträge in seiner Moschee organisieren und der jungen Frau – und vier weiteren behinderten Kindern aus den Dörfern – soweit es geht ein normales Leben ermöglichen.

Rehabilitation und Unterricht für Kinder

Eine junge Frau aus Dingxi ist Physiotherapeutin, die es nicht mehr mit ansehen konnte, wie Kinder mit zerebraler Lähmung keine Reha bekommen, weil sich deren Eltern das nicht leisten können. Sie fing an, kostenlos zu behandeln. Aber auch so konnte sie den Kindern aus den weit verstreuten Dörfern nicht richtig helfen. Also gründete sie eine kleine Privatschule, in der die kleinen Patientinnen und Patienten jeden Tag behandelt werden und sie – soweit möglich – auch Schulunterricht erhalten. Nur weil die junge Frau alle Geräte aus eigener Tasche bezahlt hat, sind die 1.000 Yuan Schulgebühr im Monat, die sie von ihren Schülerinnen und Schülern nimmt, für Verpflegung und Lehrergehälter gerade noch kostendeckend. Für ihren Mann war das aber schon ein Grund zum Ärgern. Und als sie jetzt auch noch einen Jungen aus einer extrem armen Familie „gebührenfrei“ aufnahm und ihn sogar in der Schule wohnen ließ, da wurde ihr Mann richtig wütend.

Und noch mehr Einsatz für mehr Ausbildung und Rechte

Yang Dongming sitzt im Rollstuhl und unterrichtet körperbehinderte Jugendliche und junge Erwachsene auf eigene Kosten in traditioneller chinesischer Malerei. Für den angemieteten Unterrichtsraum bräuchte er eine Heizung. Und ein ehemaliger Polizist will Trainings durchführen, um neugegründeten nordwestchinesische NGOs, die Menschen mit geistiger Behinderung sowie Autisten betreuen, die UN-Behindertenrechtskonvention – die China ratifiziert hat – zu erklären. Damit die NGOs in Zukunft nicht nur Betreuung anbieten, sondern sich auch für mehr Rechte einsetzen.

Ziel: Zukünftig mehr Spenden für chinesische NGOs

Chinesische NGOs haben laut chinesischen Gesetzen nicht das Recht, öffentlich um Spenden zu werben. Aber Geld brauchen sie alle für ihre Arbeit.

Chinesische NGOs haben laut chinesischen Gesetzen nicht das Recht, öffentlich um Spenden zu werben. Aber Geld brauchen sie alle für ihre Arbeit.

Nichts davon kostet besonders viel Geld. Alles zusammengenommen vielleicht gerade einmal so viel wie die Reparatur des Maserati-Kofferraums und der Porsche-Motorhaube kosten werden: gut 50.000 Euro. Und es wäre doch komisch, wenn die reichen Chinesinnen und Chinesen nicht auch lieber Einheimische bei ihrem Dienst an der Gesellschaft unterstützen würden, als ausländische Ersatzteile für die Autos ihrer verwöhnten Kinder zu importieren?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainings in Qilihe müssen die reichen Chinesen ja nicht gleich dazu überreden, ab sofort nur noch mit dem Stadtbus zu fahren – aber ein bisschen mehr spenden sollen sie in Zukunft schon. Und dazu ist das Training da.

Autor:

Wolf Kantelhardt unterstützt seit 2005 chinesische Partnerorganisationen im China-Verbindungsbüro von MISEREOR. Seit elf Jahren lebt er in der Volksrepublik China. Wolf Kantelhardt studierte Betriebswirtschaftslehre und Sinologie an der Universität Trier, interessiert sich für Übersetzungen und läuft, wenn die Feinstaubbelastung PM 2,5 unter 35 Mikrogramm pro Kubikmeter sinkt.

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