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Der Punkt, an dem die Fassade zu bröckeln beginnt

Bilder von Taifun Hayana gehen um die ganze Welt. Alles voller Trümmer. Plünderungen. Kein Trinkwasser. Seuchen.
Patricia, wie geht es dir auf den Philippinen? Immer der gleiche Text in den zahlreichen Mails und Facebooknachrichten. Eigentlich bin ich geografisch gesehen im Vergleich zu Deutschland unglaublich nah dran, aber gleichzeitig unglaublich weit weg. Die Bilder kenne ich auch nur aus den Medien und ohne Fernsehen begegne ich ihnen vielleicht sogar weniger häufig, als wenn ich jetzt in Deutschland wäre. Alles geht seinen gewohnten Gang, alles geht weiter. Das geht gut.

 

2012 standen die Philippinen auf Platz 3 der Liste der Länder meisten Naturkatastrophen. Ich erinnere mich noch, als ich in den ersten Tagen mit einem der Securityguards von Preda auf der Bank saß und ein Gespräch über den Taifun in Olongapo führte. Er erzählte, wie viele der Häuser überflutet wären und ich sagte: „Das ist sehr traurig.“ Und er sagte: „Ja, das stimmt, aber du siehst es den Menschen nicht an, denn sie lächeln alle.“

Behalte die Ruhe, wenn es Zeit wäre zu schreien. Lächel, wenn es Zeit wäre zu weinen. Das ist eine Überlebensstrategie.

 

Was hinter den Fassaden steckt, lässt sich oft erst auf den zweiten Blick erkennen. Das erste Mal als ich ins Mädchenheim kam, fiel mir auf wie lebensfroh, taff und auch aufgedreht die Mädchen waren. Sie singen und tanzen gerne und oft. Aber sie alle wurden missbraucht. In Sexbars. Von Nachbarn. Von Verwandten. Vom eigenen Vater. Manche sind erst 11 Jahre alt.
Einmal war ich mit ihnen bei der Primaltherapie. Die Mädchen sitzen in einem schallgeschützten und an den Wänden gepolsterten Raum. Die Therapeutin beginnt ihre Geschichten zu erzählen und dann wird die Ruhe durchbrochen. Die Mädchen weinen, schreien und schlagen mit ihren Händen gegen die Wände. Das ist der Punkt, an dem die Fassade zu bröckeln beginnt. Du merkst, dass du dir gar nicht vorstellen kannst, wie viel Schmerz und Leid sie erlebt haben.
Besonders auch bei den Hausbesuchen, in denen die Mädchen und Jungen ihre Familie wiedersehen können, wird besonders bewusst aus was für einfachen Verhältnissen so gut wie alle von ihnen kommen. Die Familie eines Jungen lebte in einer Hütte, notdürftig aus Holz und Wellblech zusammengenagelt. Alles war sehr klein und offen. Auch vor einiger Zeit war die ganze Wohnung durch einen Taifun überschwemmt. Früher war er in einer Straßengang; in Zukunft möchte er Geld auf dem Bauernhof seines Vaters verdienen.

 

Wie geht es dir, Patricia? Ihr wollt wirklich wissen wie es mir geht?! Nun vor einigen Stunden saß ich in einem Cafe in einem der großen Einkaufsmalls und habe einen Doublechocolatemuffin gegessen und einen Café au Lait getrunken. Freundlich wurde ich von den lächelnden Mitarbeitern mit einem „Good afternoon, Ma’am. Happy Holiday!“ begrüßt. Nun sitze ich mit meinem eigenen Laptop in der geräumigen Wohnung, die wie auch das Predagebäude auf einem Hügel liegt, gesichert vor allen Überschwemmungen bei den nächsten Taifunen.… Und wie geht es euch?

Autor:

Mein Name ist Patricia Fehrentz und ich bin ein ehemalige Frewillige. Dieses und letztes Jahr verbrachte ich zehn Monate in Olongapo auf den Philippinen verbringen. Dort habe ich zusammen mit Esther bei der Kinderrechtsorganisation PREDA v.a. in einem Heim für missbrauchte Mädchen gearbeitet. Außerdem haben wir mit anderen Freiwilligen den Schauspielern der Theatergruppe von PREDAs Jugendorganisation Deutschunterrciht gegeben.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Patricia,

    mit sehr großem Interesse und mit Respekt vor Deinem Mut haben wir den Bericht über Deine Arbeit gelesen, der uns sehr berührt hat.
    Weiterhin viel Erfolg und alles, alles Gute.
    Mit lieben Grüßen aus dem Hainbuchenring – Dietmar und Edith

  2. Liebe Patricia,

    einen sehr passenden Titel hast du für deinen Blogeintrag gefunden. Ich bin sehr stolz auf dich, dass du dich so tapfer auf den Philippinen schlägst und hoffe auch, dass ihr den Mädchen im Heim und natürlich auch den Taifunopfern weiterhin direkte Hilfe leisten könnt.
    Ich finde es toll, dass du auch hinter die Fassade blickst.

    Liebe Grüße, ich vermisse dich,
    Felicia

  3. Noch nicht mal einen Monat ist es her, seit dem der Taifun gewütet hat. Noch nicht mal einen Monat ist es her, seit dem Yeb Sano zu Tränen gerührt hat. Und schon regieren wieder andere Ereignisse die Nachrichten und kaum einer denkt daran, dass es auf euren Nachbarinseln noch immer schlimm aussehen muss.

    Wirklich betroffen von solchen Ereignissen ist man erst, wenn man jemanden kennt, der gerade da ist. Es ist schon traurig: Würdet ihr beide nicht gerade auf den Phillipinen sein, hätte ich auch schon längst wieder vergessen, was da vor noch nicht mal einem Monat passiert ist!

    • Klaus Fehrentz u.Maria Schulte-Fehrentz
    • 23.11.13

    Liebe Patricia,

    ja, uns geht es gut, denn die Not, die Gegensätze und Widersprüche bekommen wir ja nur vorselektiert und mittelbar via Fernsehen zu sehen.
    Sich diesen Ereignissen unmittelbar auszusetzen , erfordert viel Mut.
    Zumal du und deine Mitfreiwilligen nicht einfach den „Aus“-knopf wie beim Fernsehen drücken könnt.
    Wir wünschen euch auch weiterhin viel Kraft für eure wichtige Arbeit.
    Viele Grüße
    Papa und Mama

  4. Liebe Patricia,

    tja, es ist wohl so wie du es beschreibst. Auch, wenn man es nicht gerne zugibt. Wie geht es uns angesichts solcher Katastrophen? Gut, wenn wir ehrlich sind. Man ist zwar geschockt von den schrecklichen Bildern. Aber im Grunde denkt man doch: Gut, dass das nicht mir und meiner Familie passiert ist. Im besten Fall spendet man etwas. Und dann geht man zur Tagesordnung und zur nächsten Katastrophe über. Traurig, aber wahr …

    Liebe Grüße aus Aachen, Uta

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