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Vernachlässigte Kinder

Neglected by caretaker – Vernachlässigt durch die Fürsorgeperson, so heißt eine Kategorie unserer Kinderschutz Angelegenheiten, nach denen „Fälle“ eingeteilt werden. Definiert wir sie so: Ein Kind ist vernachlässigt, wenn die Fürsorgeperson versagt, die Verantwortung für das Wohlbefinden des Kindes zu übernehmen, wenn ein Mindestmaß an Fürsorge  nicht gestellt wird. Das Kind leidet unter Vernachlässigung, wenn ihm durch seine Fürsorgeperson Schaden zugefügt wird oder diese erlaubt, dass dem Kind geschadet wird oder eine Gefahrensituation dafür schafft.

2015-09-15 14.39.58

Jugendliche auf dem Fußballfeld im Flüchtlingslager Mae La

Zwei bis drei Mal die Woche fahre ich in eins der Flüchtlingslager Thailands an der Grenze zu Burma.  Wenn ich dort bin, besuche ich Kinder, die von Vernachlässigung betroffen sind. Und ich stelle fest, dass die Wirklichkeit so viel komplexer ist, als diese einfache Definition es beschreibt.

Mein Weg führt zu einem sehr heruntergekommenen Haus. Überall ist es dreckig, Müll ist verstreut, Essensreste vergammeln, schmutzige Wäsche liegt herum. Und in all Diesem spielen die drei Kinder munter, die ich besuchen möchte. Die 13-jährige Schwester versorgt ihre beiden kleinen Brüder und kümmert sich um den Haushalt – wie man sieht, ist sie damit überfordert.  Der volljährige Bruder, der ebenfalls im Haus lebt, übernimmt keine Verantwortung, verbringt seine Zeit mit Herumlaufen, Trinken und Rauchen.

Wo sind die Eltern, die sich um diese liebenswerten Kinder kümmern sollten?

Der Vater ist gestorben. Die Mutter ist außerhalb des Lagers, um zu arbeiten. Man munkelt, dass sie dort eine neue Familie hat. Einmal im Monat, wenn die Essens-Rationen ausgeteilt werden, kommt sie zurück ins Lager. Für die Zeit ihrer Abwesenheit hat sie ihrer Tochter die Aufgabe gegeben, sich um das Haus zu kümmern. Also bleibt sie dort, geht nicht zur Schule oder mit anderen Kindern spielen, denn ihre Aufgabe ist jetzt, die Fürsorge zu tragen. Doch sie ist ein Kind, sie sollte diese Aufgabe nicht meistern müssen, noch hat sie die Fähigkeiten dazu. Sie kann sich nicht gegen ihren Bruder durchsetzen, der ihre Sachen verkauft, damit er sich neuen Alkohol oder Drogen kaufen kann. Sie kann gar nicht so viel Waschen, wie ihre Brüder die Kleider wieder dreckig machen, wenn sie in der Matsche spielen. Sie kann sich nicht selbst schützen, wenn die erwachsenen Freunde ihres Bruders zum Trinken ins Haus kommen.

Wo sind die Nachbarn, die Community, die sich um solche Kinder kümmern sollten?

Hin und wieder bringen Nachbarn Gemüse für die Familie vorbei, schauen rein, ob alles in Ordnung ist. Dennoch trotzdem die Häuser dicht an dicht stehen, lebt man für sich, kümmert man sich um sich selbst und um seine eigene Familie. Da ist es nicht möglich nach den Nachbarskindern zu schauen oder diese Aufzunehmen.

Wo sind die Hilfsorganisationen, die sich kümmern sollten?

Ich nehme an einer Case Conference teil. Thema ist die Sicherheit des Mädchens. Denn ein Mädchen, was in der Pubertät ohne Fürsorgeperson im Camp ist, steht in großer Gefahr sexuell Missbraucht zu werden. Das ist der Erfahrungswert.

Reih um erzählen alle geladenen Organisationen, wann sie versucht haben die, Situation für die Kinder zu verbessern – aber gescheitert sind. In all der Zeit, wo diskutiert wird, wo Platz für diese Kinder ist, wer einen Betreuer bezahlt oder ob sie außerhalb des Lagers untergebracht werden können, sind die Kinder alleine. Natürlich gibt es Hausbesuche. Man baut Vertrauen zu den Kindern auf. Man ist Ansprechpartner. Doch wer ist wirklich da, um zu kochen, das Haus zu reparieren, dem Mädchen zu ermöglichen, in die Schule zu gehen oder sie zu beschützen, wenn der Bruder betrunken nach Hause kommt.

Nach der Case Conference gehen wir die Kinder besuchen. Es ist schon Mittag, aber gefrühstückt haben sie noch nicht. Das Mädchen hat eine offene Wunde am Kopf. Ihr großer Bruder hat sie am Vorabend heftig geschlagen. Gemeinsam fahren wir zur Krankenstation, lassen die Wunde versorgen und nehmen Salbe und Medikamente mit. Bis zum Abend bleiben die Drei im Child Friendly Space. Dann gehen sie nach Hause – zum großen Bruder.

Immer wieder höre ich meine Chefin sagen, dass sie in Thailand bevollmächtigt ist, Kinder aus einer Familie zu nehmen und sie an einen sicheren Ort  bringen kann, wenn die Gefahr groß ist. Doch in den Lagern herrschen andere Regeln. Hier verstehen und akzeptieren die Autoritäten so eine Handlung nicht in jedem Fall.

Diese Kinder sind nicht nur vernachlässigt bei ihrer Fürsorgeperson, ihrer Mutter. Sie sind vernachlässigt von einem ganzen System.

Seit Jahren werden die Essens-Rationen gekürzt, die den Menschen in den Lagern ausgeteilt werden. Aktuell bekommt ein Erwachsener 9kg Reis, 1kg gelbe Bohnen, 0,5kg Fischpaste, 167g Salz und 0,5l Öl pro Monat gestellt. Verdienstmöglichkeiten gibt es in den Lagern nur für Wenige. Außerhalb der Lager zu arbeiten, ist offiziell nicht erlaubt und mit vielen Gefahren verbunden. Wer ohne Erlaubnis das Lager verlässt und aufgegriffen wird, wird im IDC – Immigration Detention Centre inhaftiert. Im Lager eigenes Essen anzubauen ist begrenzt (z.B. aus Wasser gründen oder weil zu wenig Platz vorhanden ist.) All diese Umstände und allem voran der Mangel an Lebensmittel, führen dazu, dass Menschen die Lager verlassen, um unter prekären Verhältnissen zu arbeiten. Kinder werden dabei alleine zurückgelassen. Nicht in jedem Fall wollen die Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Sie gehen außerhalb des Lagers, gerade weil sie sich kümmern wollen. Weil sie Geld für die Schulbeiträge und Uniformen brauchen, weil sie zusätzliches Essen kaufen möchten, weil sie ihren Kindern Kleidung geben möchten. Natürlich verursachen diese Eltern damit eine Situation, in der Kindern Schaden zugefügt werden kann, wenn niemand da ist, der sie schützt. Aber ist es nicht viel mehr das ganze System, was diese Kinder vernachlässigt?

Und der große Bruder – ist er der „Böse“ in der Geschichte?

Als Kind ist er schon auffällig geworden, weil er im Lager gestohlen hat. Als 14-Jähriger ist er dann nach Bangkok gegangen, um dort hart in Fabriken zu arbeiten. Vor einigen Monaten kam er zurück ins Lager – hat jedoch durch seine lange Abwesenheit seine Registrierung und das Recht auf Essens-Rationen vorerst verloren. Er lebt mit von dem Essen der Geschwister und Dingen, die ihm in die Hände fallen und er verkaufen kann. Ohne Perspektive auf ein besseres Leben, trinkt er, raucht er und läuft er eben im Flüchtlingslager herum.

Autor:

Franziska

Mein Name ist Franziska und ich bin 25 Jahre alt. In Siegen und Darmstadt habe ich Soziale Arbeit studiert und bin seit August 2015 für einen Freiwilligendienst in Mae Sot (Thailand) an der Grenze zu Myanmar. Hier arbeite ich für COERR. Eine Organisation, die entlang der Grenze in neun Flüchtlingslagern, besonders in den Bereichen Kindesschutz und Jugendarbeit, Ausbildung und landwirtschaftliche Weiterentwicklung, tätig ist.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Franzi,

    Mensch, jetzt kann ich mich schon wieder über mich selber ärgern. Manchmal lamentiert man ja so rum, wenn einem das Leben mal einen kleinen Stolperstein in den Weg legt. Ich sollte echt öfter hier im Blog vorbei schauen. Man liest und denkt „Verdammt, was jammer ich eigentlich rum.“.

    Ich finde den Begriff „caretaker“ richtig gut gewählt. Dem Mädchen fehlt ja nicht jemand der ihr die Arbeit abnimmt, sondern auch eine Ansprechperson, die ihr bei emotionalen Anliegen weiter hilft. Einfach jemand, der sich kümmert. Ich hoffe, dass sich für sie irgendwas das Blatt wendet. Und für ihre Geschwister auch.

    Richtig guter Blog-Eintrag!
    Hab noch eine schöne Zeit in SEA 🙂
    LG, Nicole

  2. Puh, was für ein Bericht, Franzi. Das ist wirklich niederschmetternd. So viel Leid. Und man kann gar nicht viel tun. Und auch keinen bestrafen, denn du hast vollkommen Recht: Wer ist Schuld? Eine wirklich schlimme Situation. Für die Kinder. Für die Organisation. Für dich. Danke, dass du uns solche Realitäten vor Augen führst. Man liest sehr viel von Flüchtlingslagern in aller Welt. Aber was dort vor sich geht? Fehlanzeige. Man weiß es nicht wirklich. Aber ein kleines Stück Wirklichkeit hast du uns näher gebracht. Danke!

    LG, Uta

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