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Pablo Solón: „Wir müssen unseren gesamten Lebensstil ändern!“

Pablo Solón über die Zukunft der Elektrizität, die Rechte der Natur und die Notwendigkeit, bei allen Vorhaben das große Ganze im Blick zu haben.

Was müssen wir tun, um dem fortschreitenden Klimawandel etwas entgegenzusetzen?

Pablo Solón: Selbstverständlich müssen wir die Emissionen verringern, die durch fossile Energieträger verursacht werden. Aber es geht nicht allein um kohlenstoffhaltige Energieträger. Denn die stehen in engem Zusammenhang mit unseren Produktionsweisen, unseren Konsummustern, unserem Lebensstil. Wir können also nicht sagen, wir reduzieren allein fossile Brennstoffe und müssen sonst nichts ändern. Wir müssen unseren gesamten Lebensstil ändern!

Niemand weiß, wieviel an Öl- und Gasreserven in dem Gebiet liegen, in dem die Tacanas die natürlichen Ressourcen nutzen. © Eduardo Soteras / MISEREOR

Niemand weiß, wieviel an Öl- und Gasreserven in dem Gebiet liegen, in dem Indigene, hier die Tacanas, die natürlichen Ressourcen nutzen. © Eduardo Soteras / MISEREOR

Wie?

Pablo Solón: Wir brauchen eine systemische Herangehensweise. Es geht um unsere Haltung gegenüber der Natur. Üblicherweise sehen wir sie als Ressource und nicht als lebendiges System. Und wir denken nicht daran, dass wir ein Teil der Natur sind. Das heißt, bei allem, was wir vorhaben, sei es auf lokaler, nationaler oder globaler Ebene, müssen wir berücksichtigen, dass diese Erde ein System ist. Und bei allen Planungen müssen Maßnahmen mitgedacht werden, die helfen, das Erdsystem wieder in Balance zu bringen.

Was muss konkret passieren?

Pablo Solón: Es müssen viele Dinge gleichzeitig verändert werden. Nehmen wir zum Beispiel den Verkehr. In den kommenden Jahrzehnten muss es eine grundlegende Revolution bei den öffentlichen Verkehrsmitteln geben, basierend auf erneuerbarer Energie. Wandeln muss sich auch unsere Wirtschaftsweise. Die Industrie stellt derzeit Produkte her, die nicht lange halten, denn so kann sie das gleiche Produkt mit kleinen Varianten im nächsten Jahr wieder verkaufen. Die Logik dahinter ist, je mehr wir konsumieren, umso besser
geht es der Wirtschaft. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel unternehmen wollen, muss sich das ändern. Wir müssen Produkte herstellen, die lange halten. Denn je mehr wir produzieren, umso mehr natürliche Ressourcen verbrauchen wir. Und die Gewinnung dieser natürlichen Ressourcenzerstört die Balance des Erdsystems.

Welche Veränderungen erwarten uns bei der Elektrizitätsgewinnung?

Pablo Solón: Mit den neuen Quellen zur Elektrizitätsgewinnung – Solar- und Windkraft – wechseln wir nicht nur von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energiequellen, sie verändern auch die Art und Weise, wie Elektrizität produziert und verteilt wird.

Fakten zum Energiemarkt 1990 – 2014 © MISEREOR

Ich würde sagen, bei der Speicherung von Energie stehen wir vor einer Revolution. Bislang war Elektrizität etwas, das man nicht speichern konnte, außer in kleinen Batterien. Das ändert sich gerade. Es wird möglich sein, Elektrizität in Batterien mit riesiger Kapazität zu speichern. Sie wird ein Gut, das lokal durch kleine Firmen, Gemeinden und Haushalten produziert, gespeichert und auch lokal verbraucht werden kann. Alle diese Aspekte müssen wir beachten, wenn wir unsere nationalen Pläne zur Energieversorgung entwickeln.

Wie steht es um die Energieversorgung in Ihrem Heimatland Bolivien?

Pablo Solón: Städte und stadtnahe Gebiete haben Elektrizität; ländliche Gebiete, die nahe der Hauptstädte liegen, auch. In abgelegenen ländlichen Gebieten jedoch fehlt es an Zugang zu Energie. Was also den nationalen Bedarf an Energie angeht: Momentan verfügen wir über Kapazitäten von 1800 Megawatt. Bis zum Jahr 2025 müssen wir etwa 2500 Megawatt erreichen. Das kann durch alternative Wege der Energiegewinnung geschehen, hauptsächlich durch Solar, Wind und kleine Wasserkraftwerke. Das größte Problem in Bolivien ist nicht, dass wir den landesweiten Bedarf nicht decken können.

Was ist dann das Problem?

Pablo Solón: Das Problem sind die Ambitionen der Regierung, Elektrizität nach Südamerika exportieren zu wollen. Sie plant deshalb den Bau riesiger Staudämme am Fluss Beni im Amazonasgebiet; einer heißt El Bala und der andere Chepete. Die Energie, die sie dort gewinnt, will sie nach Brasilien verkaufen. Exportiert werden sollen um die 10.000 Megawatt. Die Stauseen werden große Gebiete überfluten, die eine besonders reiche biologische Vielfalt aufweisen – im Fall von Chepete und El Bala 770 Quadratkilometer. Das wäre fünf Mal die Größe der Region von La Paz. Es bedeutet, dass Wälder geflutet werden, was den Treibhauseffekt verstärkt. Auch die sozialen Auswirkungen sind enorm: Allein durch den Bau von El Bala und Chepete werden mehr als 5000 Indigene vertrieben werden.

© Jonas Kramer/Stiftfilm

Welchen Gewinn erhofft sich die Regierung?

Wir hatten Einsicht in Studien der Regierung. Die zeigen, dass es unsicher ist, ob die Vorhaben überhaupt Gewinne abwerfen. Denn aktuell würden die Produktionskosten dieser Elektrizität höher liegen als das, was Brasilien für seine Elektrizität aus Wasserkraft zahlt. Und alleine um einen dieser Riesendämme zu bauen, müsste Bolivien eine Summe investieren, die die Auslandsschulden verdoppeln würde. Zudem sehen wir, dass es in anderen Ländern bereits Initiativen gibt, die die lokale Produktion von Elektrizität aus erneuerbaren Energiequellen vorantreiben. Die Investition in solch einen Damm ist nichts, was man in fünf, sechs Jahren wieder hereinholen kann, das ist eine Investition für die kommenden 50 Jahre. Hier braucht es also Alternativen.

Welche Überzeugung steckt hinter Ihrem Engagement für Menschenrechte, vor allem für die Rechte der Indigenen und für den Umweltschutz?

In meinem Land gibt es ein Gesetz, das bewahrt die Rechte von Mutter Erde, von verschiedenen Ökosystemen, Pflanzen und Tieren. Du kannst die Menschenrechte nicht garantieren, wenn du die Rechte der Natur nicht garantierst. Denn wenn du die nicht gewährleistest, die Rechte der Wälder zum Beispiel, werden wir in vielen Städten der Region La Paz keinen Regen mehr haben. Wir werden schwere Dürren erleben, wie im vergangenen Jahr. Und ein Teil der Bevölkerung wird kein sauberes Wasser mehr haben, weil es nicht mehr regnet.

Wasser bedeutet Leben für Mensch und Tier_ Doch gerade in den ländlichen Regionen der Welt ist das Wasser knapp. Das gefährdet die Ernten und die Ernährungssicherheit_Singhal_MISEREOR

Wasser bedeutet Leben für Mensch und Tier. Doch gerade in den ländlichen Regionen der Welt ist das Wasser knapp. Das gefährdet die Ernten und die Ernährungssicherheit.  @ Singhal/MISEREOR

Aus unserer Sicht ist alles miteinander verbunden, alles ist ein vereintes Ganzes. Deshalb ist für mich der Kampf für Menschenrechte, für Indigene und für die Rechte der Natur ein und dasselbe. Und wenn wir wollen, dass die Menschheit, dass das ganze Erdsystem überlebt, müssen wir in den kommenden 100 Jahren einen großen, grundlegenden Wandel vollziehen.


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Autor:

Nina Brodbeck

Nina Brodbeck arbeitet bei MISEREOR in der Abteilung Kommunikation.

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