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Auf der gefährlichsten Straße der Welt

In meiner Tätigkeit als Referentin in der Finanzkontrolle für Bolivien sehe ich auf meinen Dienstreisen viele Büros, denn meine Gespräche kreisen um Buchhaltung, Verfahren der internen Kontrolle, Geldüberweisungen, Abrechnungen, Organigramme und Arbeitsgesetze. Nach Möglichkeit gehört aber auch ein Besuch in der Projektzone dazu, um die Wirklichkeit der Projektrealität kennenzulernen. Deshalb habe ich dieses Mal ein Projekt in Caranavi zur Verbesserung der Landwirtschaft in den Tropen besucht, um die Lebenssituation der Bauern dort kennenzulernen und zu sehen, was das Misereor-Projekt bewirken kann.

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Vom Andenpaß hinunter ins Amazonasbecken

In 5 Stunden über 4000 Höhenmeter

Seit langem wollte ich diesen Projektbesuch machen, aber alle haben mich immer gewarnt: die Straße dahin sei gefährlich, angeblich die gefährlichste Straße der Welt, weil sie einspurig ist und an einem gefährlichen Abgrund entlang führt. Immer wieder kam es auf dieser Strecke zu Unfällen, wenn Pkws, Busse oder Lastwagen zu schnell fuhren, nicht ausweichen konnten und in den Abgrund hinunterstürzten. Meist waren dabei viele Tote zu beklagen. Inzwischen ist die Straße aber auf einem langen Stück asphaltiert, verbreitert und über eine andere Streckenführung ungefährlicher geworden. Von La Paz nach Caranavi sind es 120 km, man braucht dafür 5 Stunden und fährt auf dieser Distanz von 4.650 auf 500 m Höhe, nichts für Leute mit Kreislaufproblemen.

Der Angestellte der Sozialpastoral der Diözese Coroico, der Partnerorganisation von Misereor vor Ort, holte mich im Hotel ab, und es ging die steilen Straßen aus  La Paz hinaus, durch dichtes Gedränge und geschäftiges Treiben. An der Mautstelle hatten sich strategisch günstig Frauen mit ihren Garküchen platziert, hier kann man gute Geschäfte machen.

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Stausee für die Trinkwasserversorgung von La Paz

Vom ewigen Eis in den tropischen Regenwald

Immer weiter schraubten wir uns hinauf, es wurde immer stiller, der Verkehr ließ merklich nach und eine einsame, verlassene Landschaft tat sich auf. Es hatte in der Nacht ein wenig geschneit und die Berge waren vom Schnee überzuckert. In der Nähe des Passes lag ein  Stausee, der Wasser für La Paz liefert. Noch sind einige Berge mit Gletschern bedeckt, doch  was passiert, wenn die letzten Gletscher aufgrund des Klimawandels geschmolzen sind? Woher wird  dann das Wasser für die Millionenstadt La Paz kommen?

Bei 4.650m Höhe war der Pass erreicht, und danach ging es zwischen gewaltigen Felswänden bergab. Unterwegs gab es immer wieder Straßenarbeiten, und das Erstaunlichste war, dass viele Frauen unter den Arbeitern waren, die diese schwere Arbeit verrichteten: sie schleppten Steine, bedienten Presslufthämmer und trieben Spitzhacken in die Erde. Die wirtschaftliche Not und die Sorge für die Familie scheinen sie zu dieser Arbeit zu zwingen.

Mein Schädel, der mir noch vor kurzem aufgrund der extremen Höhe fast vor Kopfschmerzen platzte, erholte sich mit jedem Höhenmeter hinunter, und irgendwann waren die Kopfschmerzen glücklicherweise gänzlich weg. Inzwischen waren wir in der nächsten Klimazone angekommen: Wolken stiegen aus den warmen Tropen auf und Nebel umhüllte uns. Es wurde grüner, Moose, Flechten und Farne besiedelten die Hänge, und noch einige Kilometer weiter unten wurde es warm und die Blütenwelt nahm zu.

Einspurig am Abgrund – bei Nacht und Nebel

So ging es die ersten 2 ½ Stunden gemächlich abwärts, aber was danach kam, ging doch ganz schön an die Nerven. Die letzten 60 km bis Caranavi sind noch Erdstraße, meist nur einspurig ausgebaut und mit vielen Schlaglöchern. An vielen Stellen war sie durch Erdrutsche unterhöhlt und abgebrochen, Leitplanken Fehlanzeige. Der Abgrund war sehr tief! Alle Fahrzeuge müssen auf der linken Seite fahren, damit die Fahrer, die abwärts fahren, genau den Abgrund sehen und beim Ausweichen richtig zielen und nicht den Hang hinunter purzeln. Die vorausfahrenden Autos wirbelten so viel Staub auf, dass wir wie im Nebel fuhren und nichts sahen. Ständig kamen uns Busse und große Lastwagen entgegen, und dauernd war ein Ausweichmanöver notwendig. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 35 km/h angegeben, dieses Schild hätte man sich aber auch sparen können, denn Lkws und Busse können sowieso nicht schneller fahren, und alle anderen beachten die Geschwindigkeitsbeschränkung nicht.

Wir saßen zu dritt im Fahrerhaus, es war eng, innerhalb kürzester Zeit waren Ohren und Nasen mit Staub gefüllt, Haare und Hände fühlten sich trocken an, jedes Schlagloch hob mich vom Sitz und ging in den Rücken. Die erste Stunde war ich ziemlich verkrampft und hoffte nur, dass wir heil ankamen. Danach wurde es dunkel, und ich wurde lockerer, den Abgrund konnte ich nicht mehr sehen, die Straße war zwar bei Nacht noch gefährlicher, aber inzwischen hatte ich Vertrauen in die Fähigkeiten unseres Fahrers gefasst. Vor uns tauchte plötzlich ein etwa 10-jähriger Junge aus dem Dunkel auf, er fuhr mit dem Fahrrad ohne Licht von der Schule nach Hause. Schulbesuch in Bolivien auf dem Land ist eine echte Herausforderung.

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Nichts für schwache Nerven

Ein Reifen hält acht Monate

Unter diesen Straßenbedingungen hält ein Reifen 8 Monate, Abschmieren und Ölwechsel muß man jeden Monat machen. Plötzlich verstand ich, warum Projekte immer so hohe Unterhaltskosten für Fahrzeuge abrechnen: eine pure Notwendigkeit, wenn man nicht irgendwo auf der Strecke liegen bleiben will.

Am nächsten Morgen besuchten wir die Felder von zwei Bauern. Dazu mussten wir erst über eine abenteuerliche Hängebrücke den Rio Coroico überqueren: alle Personen aussteigen, Fahrer versucht die Holzplanken in der Mitte zu treffen, und als  das gelang, konnte es weiter gehen.

Bauern in den Yungas, so heißt das tropische Hügelland, das den Übergang von der Andenregion ins Amazonasbecken markiert, haben das Problem, dass die Böden ihrer Felder sehr schnell auslaugen. Nach dreijährigem Anbau von Trockenreis gibt der Boden nichts mehr her, und die Ernten fallen schlecht aus. Das Misereor-Projekt leistet hier technische Beratung und zeigt Bauern Alternativen auf.

In der Vielfalt liegt die Stärke

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Don Emilio auf seinem Feld

Statt Monokultur bauen die Menschen hier viele verschiedene Pflanzen auf einem Feld an. Außerdem wird eine wuchernde Pflanze im Untergrund angebaut, die den Boden bedeckt, ihn vor Unkraut schützt und gleichzeitig wertvollen Stickstoff-Dünger liefert, so dass keine teuren chemischen Dünger gekauft werden müssen. Beim Gang durch sein Feld zeigte mir Don Emilio, ein Bauer, der  durch Projektmitarbeiter beraten wird,  stolz seine Pflanzung: Da stand ein Mandarinenbaum und ein Bananenstrauch neben einem Kakaobaum, ein Kaffeestrauch neben einigen Stängeln Mais, Bäume zur Holzgewinnung und Bäume, deren Früchte zur Erzeugung von Farbstoffen verwendet werden, alles wild durcheinander, für einen deutschen Bauern das reinste Chaos. Aber Don Emilio wusste genau, wo was stand und ging ganz vorsichtig, um keinen seiner neuen Setzlinge zu zertreten. Er hat erst dieses Jahr auf einem seiner Felder die neue Anbauweise ausprobiert, aber bereits jetzt konnte er erkennen, wie sich sein Boden, der in der Vergangenheit keine guten Ernten mehr hervorbrachte, verbesserte. In zwei, drei Jahren erhofft er sich die ersten reichen Ernten von seinen Fruchtbäumen, so dass der tägliche Speiseplan der Familie zu jeder Jahreszeit mit Obst aus eigenem Anbau bereichert wird, und er obendrein noch Überschüsse auf dem Markt verkaufen kann. Mit dem Geld kann er dann den Schulbesuch seiner Kinder ermöglichen und andere Dinge des täglichen Bedarfs erwerben. Wenn die Probephase gelingt, will er das neue System auch auf seinen übrigen Feldern anwenden.

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Andere Bauen informieren sich bei Don Naicasio über seine Anbaumethoden

Gelungenes Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur

Der Nachbar von Don Emilio, Don Nicasio, bewirtschaftet seine Felder schon drei Jahre lang nach der neuen Methode. Er hat bereits viel Erfahrung -auch mit manchen Rückschlägen- gemacht und kann seinen Nachbarn daher gut beraten und auch immer wieder neu ermuntern.

Aber nicht nur mir wurden die Felder mit den neuen Anbaumethoden gezeigt, sondern auch einer Reihe anderer Bauern und Bäuerinnen, die von dem neuen System gehört haben und sich dafür interessieren. Sie schauen sich alles ganz genau an, stellen kritische Rückfragen und sind am Ende des Besuches überzeugt: das wollen sie auch ausprobieren.  Damit ist schon ein weiterer Erfolg des Projektes erreicht: Bauern, die bereits gute Erfahrungen gemacht haben, werben für die neuen Anbaumethoden und versuchen, andere Bauern zum Mitmachen zu überzeugen. Sie haben sich deshalb in einer Bauernvereinigung zusammengeschlossen und versuchen, die tropische Landwirtschaft in den eigenen Gemeinden zu verbreiten und so immer mehr Menschen davon zu überzeugen, dass die Zukunft der Kleinbauern nicht in der Monokultur liegt, sondern im gelungenen Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur.

Am Nachmittag fuhr ich um eine wichtige Erfahrung reicher und zufrieden mit dem Projekterfolg zurück nach La Paz. Diesmal war die Angst auf der Fahrt nicht so groß, denn als „Bergauffahrer“  konnten wir auf der Bergseite fahren.

Die Autorin: Barbara Schübbe ist Referentin in der Finanziellen Zusammenarbeit in der Lateinamerika-Abteilung und zuständig für Bolivien.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich plane e. Reise nach Ecuador,Peru,Bolivien,Chile mit Rad, alles was ich von Südamerika lese, Bedeutet: höchste Warnstufe vor Diebstahl, Kriminalität,Vergewaltigung, und Unsicherheit wie Demos . Wie kann ich mir den Mut erhalten, zu reisen? Die Südamerikaner -auch wenn sie daran gewöhnt sind- halten es doch aus?. Ich möchte jetzt darum bitten, trotz beschwerlicher Situationen vernünftige Informationen zu bekommen.

  2. Bienvenida a nuestro país!!!!!!! el lugar que visitó es uno de los lugares turísticos de La Paz preferidos, gracias por compartir su vivencia

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