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Die Kunst des kreativen Reduzierens

Postwachstumsökonomie – welch ein Wortgetüm! Klingt kompliziert. Dahinter steht aber ein erfrischendes Modell, über das es sich lohnt nachzudenken.

Volkswirtschaftler Niko Paech spricht über Postwachstumsökonomie. Foto: MISEREOR

Volkswirtschaftler Niko Paech spricht über Postwachstumsökonomie. Foto: MISEREOR

Wenn Niko Paech von „Postwachstumsökonomie“ spricht, dann geht es dabei um mich und meinen Lebensstil. Paech ist Experte für eine nachhaltige Ökonomie und lehrt an der Universität in Oldenburg. Der Volkswirtschaftler gilt als Experte für ein Modell, dass die Grundannahme unserer Gesellschaft, dass Fortschritt nur bei ständigem Wachstum möglich ist, radikal hinterfragt und auf den Kopf stellt. Sein Vorschlag ist ein Wirtschaftssystem, das sich durch Wachstumsrücknahme auszeichnet. Wieder so eine Vokabel.  Das  bedeutet: Nicht ein „Weiter so wie bisher“, sondern ein „Stopp!“ Bei der MISEREOR-Jahrestagung regte er zum Umdenken an. Ein Plädoyer für ein entrümpeltes Leben.

Weltweit gehen uns die Ressourcen aus: Das Erdöl wird knapp, auch Seltene Erden und Metalle sind nur begrenzt vorhanden und die Jagd auf Land nimmt zu.  2,7 Tonnen CO2 pro Jahr stehen jedem Erdbewohner noch bis 2050 zur Verfügung. Rund 4 Tonnen verbraucht aber schon eine  Reise nach New York, hin und zurück. Doch wir wollen uns in fernen Ländern bewegen, um neue Kulturen kennenzulernen und mal richtig auszuspannen, wir wollen Auto fahren – denn alles andere ist so umständlich; wir brauchen das neuste Handy und unbedingt ein neues Sommerkleid, denn mit grau landen wir diesen Sommer keinen Hit! Schließlich arbeiten wir 40 Stunden die Woche, da möchten wir uns doch mal was gönnen!

Befreiung vom Überfluss

„Aber woher nehmen wir uns das Recht dies zu tun?“, fragt Paech  „Wir leben auf dreifache Weise über unseren Verhältnissen. Mit unserem jetzigen Energiehunger bräuchten wir vier neue Saudi-Arabiens!“ Stimmt! Bei unseren Ansprüchen und unserem Konsum machen wir keine Abstriche! Besonders mit einem grünen Konsum fühlen wir uns gut! „Es gibt in Deutschland das Problem, dass die meisten Leute unter nachhaltiger Entwicklung verstehen: Stammkunde im Bio-Supermarkt zu sein und viel Bionade zu trinken.“ Doch es reiche nicht, auf Öko-Strom umzustellen und nicht über das Auto, die Flugreisen, den Flachbildschirm in jedem Raum des Hauses zu sprechen!  „Nachhaltige Entwicklung ist eine Kunst des kreativen Reduzierens“, so Paech. „Es geht nicht um einen anderen Konsum und zusätzliche Produkte, sondern um das kreative, lustvoll, elegante Weniger!“

Mein  Leben zu entrümpeln, das ist Paechs Vorschlag. Meinen Besitz und meine Mobilität kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen. Brauche ich das Auto? Kann ich mich im Urlaub nur erholen wenn ich weit weg fahre? Das Loch im Strumpf kann ich doch erst mal stopfen, bevor ich ein neues Paar kaufe! Ich könnte meine Nachbarin fragen, die mit dem Sonnenbalkon, ob wir ihn zusammen nutzen können für einige Tomatenpflanzen. Miteinander teilen, Dinge reparieren und länger nutzen, soziale Beziehungen aufbauen – das sind konkrete Schritte für meinen Alltag.

Doch wann soll ich das um Himmels Willen alles tun, bei meinem Fulltimejob?!  Paechs Idee: „Versuchen wir unsere Arbeitszeit zu reduzieren.“ Weniger Erwerbsarbeit, dafür Zeit für mehr Selbstversorgung und Gemeinschaft.  Paechs Postwachstumsökonomie fordert mich heraus. Aber genau das tut gut! Ich frage meine Nachbarin heute Abend, ob sie eine Bohrmaschine hat und erzähle ihr von der Idee mit der Tomatenpflanze…

Über die Autorin: Annika Sophie Duhn ist Volontärin in der Pressestelle von MISEREOR.

Autor:

Annika Sophie Duhn arbeitet als Bildungsreferentin bei MISEREOR.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Susanne van de Wall,

    dankeschön für den Kommentar und das dicke Lob an unsere Jahrestagung! Nur Mut! – auch wenn es einem selber oft nicht leicht fällt! Sonnige Grüße aus Aachen!

  2. Hallo,
    ich war auf der Veranstaltung und durfte Herrn Paech erleben…er hat offene Türen bei mir eingerannt, aber es geht nicht nur um uns, sondern auch um die Frage:wie trage ich es zu meinem Nächsten?
    Die Ernüchterung kam am Montag auf meiner Dienststelle, ein kirchlicher Träger-wohlgemerkt! Doch gerne werde ich belächelt, ich WEIß das ich im Kleinen anfangen muss…bei mir selber!
    Danke nochmal für eine wunderbare inspierierende Tagung!

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