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Wut, Angst und Trauer herausschreien

Die Primaltherapy, eine Art „Schreitherapie“, ist die von den zwei Psychologen im Boys Home regelmäßig angebotene Therapie, um den Jungen zu helfen mit den Erlebnissen in ihrer Vergangenheit und auch mit ihren gegenwärtigen Problemen umzugehen. Die Entscheidung an der Therapie teilzunehmen trifft jeder der Jungen für sich selbst.

Aufgenommen am Ende der Therapie Primaltherapy

Nach drei Monaten arbeiten, lernen, lachen und weinen mit den Jungen im Boys Home, entscheide ich mich heute spontan am Ende meines Arbeitstages dazu einen weiteren Schritt in der Zusammenarbeit mit den Jungen zu gehen und an der Primaltherapy teilzunehmen.
Für die Therapie ist im Boys Home ein eigener Raum eingerichtet, in dem die Wände und der Boden mit Schaumplatten gepolstert sind, damit sich die Jungen nicht verletzen, wenn sie dagegen schlagen.
Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bewusst dagegen entschieden, mir die Primaltherapy anzuschauen, weil ich die Jungen erst besser kennenlernen wollte.

 

Mitten im Sturm der Emotionen

Jetzt sitze ich zusammen mit dem Psychotherapeuten Sir Erick im abgedunkelten Raum und warte darauf, dass neun der Jungen von der abendlichen Anwesenheitskontrolle nach oben in den Therapieraum kommen. Ich bin etwas nervös während ich mit Sir Erick den Ablauf der Session bespreche. Dann kommen die neun Jungen nacheinander herein. Sie alle wurden bereits gefragt, ob sie mit meiner Teilnahme einverstanden sind und begrüßen mich freudig. Einer der Jungen sagt: „Masaya ako, kasi ikaw sasama.“ (Ich bin glücklich, dass du teilnimmst). Die Reaktion der Jungen erleichtert mich, denn ich hatte befürchtet, dass meine Anwesenheit die Jungen eventuell hemmen könnte. Jeder der Jungen sucht sich einen Platz an der Wand und Sir Erick beginnt ruhige philippinische Musik abzuspielen. Seine Stimme klingt wie aus dem Off und obwohl ich nur teilweise verstehe was er sagt, weiß ich doch, dass er die Jungen nun beginnt für ihre Vergangenheit zu öffnen – für Konflikte mit ihrer Familie und für das, was sie getan und erlebt haben. Ich kann  mich ganz auf die Reaktionen der Jungs konzentrieren, die ich nur als dunkle Umrisse an den Wänden des Raumes erkenne und es dauert nicht einmal eine Minute bis der erste Junge in Tränen ausbricht und anfängt mit seiner ganzen Kraft auf die Wand vor ihm einzuschlagen. In den nächsten Minuten stimmen die anderen Jungen ein und im Raum hallt das Weinen und Schreien der Jungen wider. Im Sekundentakt klingen die dumpfen Schläge der Jungen, die auf die Wände und den Boden wirklich einprügeln und teilweise höre ich nicht einmal mehr die Stimme des Psychotherapeuten, obwohl er direkt neben mir sitzt. Mir geht durch den Kopf, dass ich in meinem Leben wohl noch nicht so einen Sturm von Emotionen anderer Menschen erlebt habe.

Lebensläufe

Wie schon öfters in meiner Zusammenarbeit mit den Jungen frage ich mich, wie ich mir eigentlich anmaßen kann, den Jungen etwas über gesellschaftliche Werte, richtiges Verhalten und eine optimistisch-positive Lebenseinstellung beibringen zu wollen. Sie alle haben unglaublich schlimme Dinge durchgemacht und schon viel mehr erlebt als ich, der ich gut behütet im reichen Deutschland aufgewachsen bin, während diese Jungen sich teilweise ihr halbes Leben auf der Straße durchgekämpft haben. Diese Jungen haben in gewisser Weise viel mehr Lebenserfahrung als ich, also wie könnte ich ihr Lehrer sein? Mein Blick wandert von einem weinenden Jungen zum nächsten und Aufgenommen am Ende der Primaltherapybei jedem, den ich anschaue sehe ich ihre Life Cases in meinem Kopf. So wie zum Beispiel Michael (Namen geändert), der meinen Unterricht so liebt und dessen Leben so anders hätte verlaufen können, wenn er nicht aufgrund der finanziellen Probleme seiner Familie die Schule hätte abbrechen müssen. Dann kümmerte er sich mehrere Monate um seine kranke Mutter bis sie starb. Jetzt ist er wegen versuchten Mordes angeklagt, den er jedoch bestreitet begangen zu haben; Wie John und Leon, die von Geburt an von ihren Eltern extrem vernachlässigt wurden und Ronald, dessen Eltern beide tot sind. Oder auch wie Mark, der ein Jahr jünger ist als ich und schon Vater von einem ein Jahr alten Baby…

Reden hilft

Währenddessen schwellen die Reaktionen und die Geräusche der Jungen manchmal an und zwischendurch verstummen sie wieder. Dann, wenn ein neuer Song anfängt zu spielen, der die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern thematisiert, fangen die Jungen wieder laut an zu weinen. Nach ungefähr 30 Minuten, die mir viel länger vorkommen, stoppt Sir Erick die Musik. Er fordert die Jungen auf dreimal tief durchzuatmen und dann wird das Licht angeschaltet. Sir Erick fragt jeden Jungen einzeln nach seinen Gefühlen und was er an Erlebnissen mit der Gruppe teilen möchte Die Reaktion der Jungen ist sehr unterschiedlich und manche werden erst später in Einzelgesprächen mit dem Psychotherapeuten über ihre Gefühle sprechen, da sie jetzt noch nicht in der Lage sind wieder zu reden. Einige der Jungen reden ganz offen und haben schon wieder das Lachen in ihrem Gesicht, das ich sonst von ihnen gewohnt bin. Manche von ihnen reden viel und lange, andere sagen kurz und knapp „Salamat“ (Danke) zu Sir Erick und mir. Zuletzt spricht Mark für die Gruppe ein Gebet. Er dankt Gott für sein Leben, für seine Familie und bittet um ihren Schutz. Danach stehen die Jungen auf und verlassen den Raum. Jeder von ihnen lächelt mich beim Herausgehen an und gibt mir „High Five“.

Zurück ins Leben

An diesem Punkt weiß ich wieder, nicht zuletzt wegen dem anhaltend positiven Feedback der Jungen im Boys Home, dass das, was ich tue, den Unterricht, den ich gebe und die Gespräche, die ich mit ihnen führe, wichtig und notwendig sind. Auch wenn ich im Vergleich zu ihnen bisher ein sehr einfaches, unkompliziertes Leben führen durfte, habe ich vielleicht gerade genau deswegen die Stärke gehabt, ein vermeintlich „richtiges“ Leben nach den Regeln und Werten der Gesellschaft zu vorleben und den Jungen beizubringen. Genau die Art von Leben, an das die Jungen den Glauben verloren haben und zu dem sie im PREDA Boys Home langsam und mühselig wieder versuchen mit der Hilfe der Sozialarbeiter, Psychotherapeuten und uns Freiwilligen zurückzufinden. Jede Minute, die ich mit ihnen verbringe, auch wenn es keine Session ist, sondern einfach nur Zeit, in der wir draußen sitzen und reden, scheint, so sagen mir es auch die Jungen, ihnen zu helfen, ihr Lachen und ihr Vertrauen in ihr eigenes Leben und ihre Zukunft wiederzufinden.

Die auf den Bildern gezeigten Jungen haben sich in Absprache fotografieren lassen.

Autor:

Ich bin Luca, 19 Jahre alt und komme aus Kohlscheid bei Aachen. Nachdem ich diesen Sommer mein Abitur bestanden habe freue ich mich jetzt auf meinen 10-monatigen Freiwilligendienst bei der philippinischen Organisation PREDA (Peoples Recovery Empowerment Development Assistance). Für PREDA arbeite ich 4 Autostunden westlich von der Hauptstadt Manila in einem Rehabilitierungsprojekt für jugendliche Kriminelle und Straßenkinder.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Luca,was für viele Eindrücke….Das ist schon echt ein großes Erlebniss.Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und viele schöne Momente. Einen guten Start für 2013 in dein persönlich spannendes Lebensjahr.

  2. Lieber Luca,
    du erlebst mehr in einem Jahr, als so manche Menschen ihr Leben lang. Du siehst und hörst und teilst es mit, bist so offen für die vielen Eindrücke und so ehrlich und unmittelbar, in dem, was du erzählst.
    Ich bin beeindruckt und ziehe meinen (nicht vorhandenen) Hut vor dir.
    Herzlichst, Geli aus Aachen

  3. Hey Luca,
    danke für diesen tollen Eintrag! Ich kann mir gut vorstellen, wie viel Arbeit in diesem Artikel steckt.
    Einmal den Mut aufzubringen an der Schreitherapie teilzunehmen, im Anschluss daran die Eindrücke zu verarbeiten und zum Schluss die richtigen Worte für diese Plattform zu finden. Deine Mühe hat sich gelohnt! Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass das Verfassen des Eintrags Teil deines persönlichen Verarbeitungsprozesses war. So emotional und einfach authentisch schilderst du die Primaltherapie, die mir bis zu deinem Artikel nicht bekannt war. Ich habe mich beim Lesen immer wieder in dich hineinversetzt und versucht mir das Szenario vorzustellen. Dadurch das ich dich schon so ewig kenne und du wie ein Bruder für mich bist fiel mir das vielleicht leichter, aber auch den anderen Leser erging es ähnlich, wie man an den Kommentaren erkennen kann. Wir erhalten einen Einblick in deine Arbeit in einer Welt, die gefühlt für uns soweit entfernt ist und die man meistens nur aus den Nachrichten kennt, wenn überhaupt. Die Nachrichten vermitteln ja nur einen Bruchteil von den Grausamkeiten, mit denen du alltäglich zu kämpfen hast.
    Jeder deiner offiziellen Einträge über Miseror oder über andere Plattformen erweitert unseren Horizont.

    Gruß aus Stuttgart,

    dein Christoph

  4. Lieber Luca,
    du erlebst so viel Interessantes und findest auch die Sprache, um diese anderen Menschen mitzuteilen, dafür möchte ich dir gratulieren… Ich hoffe, dass du auch weiterhin wertvolle Erfahrungen machst und wünsche dir weiterhin eine erlebnisreiche und interessante Zeit auf den Philippinen…
    mit lieben Grüßen aus Deutschland, Aynur (auch von Merve und Safa)

  5. Mensch Luca. Wenn ich das lese … Puh. Das geht mir richtig unter die Haut. Und du hast so Recht: Du kannst den Jungen auch viel geben, vor allem deine ZEIT! Und damit das Gefühl, dass sie dir wichtig sind. Etwas, was sie vielleicht gar nicht kennen oder verlernt haben, wie es ist, wenn man einem anderen Menschen etwas bedeutet!

    Liebe Grüße aus Aachen, Uta

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