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Bristi und Bivas haben Hunger

Frühstück um sechs Uhr morgens, Mittagessen um 16:30 Uhr. Ein Tag, der schon um vier Uhr morgens beginnt und erst um 11 Uhr Nachts endet. Ganz ohne Kinderarbeit, aber einem unglaublichen Einsatz, um in der Schule mitzukommen. Bristi (10) und Bivas (11) haben mir die Augen geöffnet. Danke Euch beiden. Ich denke wirklich oft an Euch!

Bristi und Bivas

Bristi und Bivas

Wir treffen die Kinder in den Clusterhomes in der Nähe des BARCIK Office. Clusterhomes sind feste Baracken, die von der Regierung nach dem Wirbelsturm Aila für die Leute gebaut wurden, die alles verloren hatten. Das sind ca. 100 einfache Häuser mit festen Fundament und Wellblechdach, die offiziell „Govt. ascrayan prokolpo“ heißen, lokal aber „baraks“ genannt werden. Uns wurden sie als clusterhomes vorgestellt, weil dort Binnenflüchtlinge „geclustert“ angesiedelt wurden.

Das Gespräch ist zunächst schwer, besonders Bristi ist sehr schüchtern. Bivas ist zwar nicht so extrem schüchtern wie das Mädchen, aber beide Kinder brauchen recht lange, um aufzutauen und sind sehr angespannt, weil da so eine Weißnase vor ihnen sitzt.

Ein normaler Schultag!?

Bristi lebt mit ihrem Bruder und ihren Eltern zusammen. Später möchte sie einen guten Job haben, um ihren Eltern helfen zu können, denn wie viele Menschen hat auch ihre Familie beim Wirbelsturm Aila alles verloren. Wie viele Mädchen möchte Bristi Lehrerin werden. Am liebsten für Englisch und Religion.

Jesmin Ara von Barcik besucht die Familien in den Clusterhomes jeden Tag.

Wir sprechen über die Schule. Die beginnt für sie um 12:00 Uhr mittags und endet um 16:00 Uhr. Wie fast überall in Bangladesch wird in zwei Schichten unterrichtet,weil es angesichts so vieler Menschen in Bangladesch nicht möglich wäre, genügend Schulen nur im Vormittagsbetrieb zu unterhalten. (Das ist aber in vielen Entwicklungsländern so.)

Ihr Schulweg ist nur 20 Minuten lang. Das klingt ja erst mal alles sehr entspannt. Umso überraschter bin ich, als ich erfahre, dass das Mädchen um vier Morgens aufsteht. Warum?!

Wenn Bristi morgens um 4 Uhr morgens aufsteht, wäscht sie sich kurz durchs Gesicht und geht dann zur Nachhilfe. Von kurz nach vier bis sechs Uhr morgens wird sie zusammen mit anderen Kindern in Sozialkunde und Sachkunde unterrichtet.
Um 6 Uhr haben die Kinder eine Pause und wenn es Reste vom Abendessen gibt, isst Bristi jetzt ihr Frühstück. Dann hat sie wieder bis acht Uhr Nachhilfestunden. Diesmal stehen Mathematik und Englisch auf dem Programm.

In ihrer Lerngruppe sind 14 Kinder aus den Clusterhomes. Die Kinder gehen jeden Tag (auch am Wochenende!) dort hin. 100 Taka zahlen ihre Eltern im Monat für diese Nachhilfe, d.h. die Nachhilfelehrerin verdient 1.400 taka im Monat – das sind rund 14 Euro. Bristi liebt ihre Nachhilfelehrerin: Sie ist viel besser als die Lehrer in der staatlichen Schule. Sie hilft ihr, dem Unterricht in der Schule überhaupt folgen zu können. Bristi hat dank ihr gute Noten.

Um acht Uhr gibt es dann wieder eine kurze Pause. Wenn sie nicht schon um sechs Uhr Reste vom Vortag essen konnte, bekommt sie jetzt ihr Frühstück. In der Regel Reis mit Chili, Curry und Zwiebeln. Als ich Bivas nach seinen Essgewohnheiten frage, bekomme ich eine ähnliche Antwort. Allerdings bekommt Bivas öfter Reis mit gebratenem Ei. Ich lasse mir von den Kindern zeigen, wie viel sie denn in etwa bekommen. Beide benutzen ihre Hände, um die Menge zu verdeutlichen und ich sehe:Bivas bekommt erkennbar mehr Essen als Bristi.

Von acht bis um 1o Uhr steht Bangla und Religion auf dem Stundenplan von Bristi.Faktisch gibt es für sie jeden Tag einen sechsstündigen Parallelunterricht zur regulären Schule. Erst um 10.00 Uhr am Vormittag ist für Bristi der Nachhilfeunterricht vorbei. Dann wäscht sie sich komplett und macht sich für die reguläre Schule fertig.

Bivas Mutter ist stolz auf ihren Sohn

Bivas Mutter ist stolz auf ihren Sohn

Nach dem Schulunterricht ist Bristi gegen halb fünf zu Hause. Dann erst gibt es Mittagessen. Manchmal gibt es ein paar Kekse in der Schule, aber eben nur manchmal. Sie hat also im Zweifelsfall morgens um sechs Uhr das letzte Mal gegessen!

Leerer Bauch lernt nicht gern

Bivas ist elf Jahre alt und hat zwei Brüder, die sind 13 und 14 Jahre alt. Sein Vater arbeitet als Tagelöhner auf den Feldern. Bivas geht in eine andere Schule als Bristi, die aber auch gut erreichbar ist. In seiner Klasse sind 84 Kinder. Meistens gehe er dort gerne hin. Meistens? Was stört ihn denn? Er druckst ein bisschen rum und taut erst auf, als ich ihm erzähle, dass mein 10-jähriger Sohn auch nicht immer gerne gehen würde. Wie das denn bei ihm wäre? Bivas könne sicher sein, dass ich nicht mit ihm schimpfen würde. Der Junge atmet tief durch und dann bricht es aus ihm raus: Er hat in der Schule Hunger. Sein Unterricht ist von 9 bis 16 Uhr und außer drei kleinen, trockenen Pfannkuchen, die an französische Crepes erinnern, hat er nichts dabei. Diese Crepes werden in Bangladesch viel gegessen. Man nimmt den dünnen Fladen zwischen die Finger und greift damit das Gemüse und den Reis auf. Das ersetzt das Besteck. Er bekommt von seinen Eltern zwei taka (da sind ca. 2 Cent), um sich zwei bis drei trockenen Fladen als „Schulbrot“ zu kaufen. Mehr können seine Eltern nicht erübrigen.

Vor der Schule bekommt Bivas in der Regel um acht Uhr ein Frühstück und durchaus mehr als Bristi. Das Mittagessen ist aber erst um 16:30 Uhr und der Schultag ist einfach zu lang für ihn.
Wann er denn seine Hausaufgaben mache? Wenn er gespielt hat. Ich atme auf, das scheint ja entspannter als bei Bristi zu laufen. Jesmin schüttelt den Kopf: Auch Bivas hat Nachhilfeunterricht, nur zu anderen Zeiten als das Mädchen. Sein Nahhilfeunterricht beginnt um 18:00 Uhr und endet gegen 23 Uhr. Dann habe er fünf Stunden Schlaf. Warum das denn nun wieder? Die Schule beginnt doch erst um neun Uhr. Warum steht der Junge denn in aller Herrgottsfrühe auf?! Dann erfahre ich: Bivas geht wie Bristi auch von vier bis um acht Morgens zur Nachhilfestunde… Ich starre Jesmin fassungslos an. Stimmt das wirklich? Ist das ein Übersetzungsfehler? Nochmal zum Nachrechnen:

Von 4 bis 8 Uhr morgens Nachhilfe

Von 9 bis 16 Uhr Schule

Von 18 bis 23 Uhr wieder Nachhilfe

In diesen Baracken wohnen mehr als 100 Familien.

In diesen Baracken wohnen mehr als 100 Familien.

Wir zeichnen dann noch mal in Ruhe eine Art Stundenplan auf: Doch, das stimmt. Ich bin einfach nur noch sprachlos. Und habe riesengroßen Respekt vor diesen beiden Kindern und ihrer Leistungsbereitschaft. Was die alles tun, um in der Schule mitzukommen, beeindruckt mich wirklich sehr.

Nur zwei Tage später hat Bivas seine Abschlussprüfung für die Grundschule, die in Bangladesch fünf Jahre dauert. An diesem Tag wird sich entscheiden, ob er weiter zur Highschool gehen kann. Das ist Bivas größter Wunsch. Dafür arbeitet er jeden Tag hart und seine Eltern tun alles, damit ihr Sohn gut mitkommt. Jeden Monat 100 taka für den Nachhilfeunterricht: Dafür muss ein Tagelöhner einen ganzen Tag arbeiten.

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Autor:

Katrin Heidbüchel

Katrin Heidbüchel arbeitet als Referentin für Fundraising bei MISEREOR.

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