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Stoppen Sie Geschäfte mit dem Hunger, Herr Dr. Schäuble!

Ohrenbetäubender Lärm übertönt an diesem kalten Wintermorgen das Verkehrsrauschen an der Wilhelmstr. im Herzen von Berlin. Mehr als 30 Unterstützerinnen und Unterstützer des Bündnis „Mit Essen spielt man nicht“ sind früh aufgestanden und schlagen mit Kochtöpfen und Sprechchören vor dem Bundesfinanzministerium lautstark Alarm.

Mit Essen spielt man nicht! Das scheinen diese Beiden wohl noch nicht verstanden zu haben. © Oxfam

Mit Essen spielt man nicht! Das scheinen diese beiden wohl noch nicht verstanden zu haben. © Oxfam

Auf prall gefüllten Getreidesäcken thronen derweil zwei Finanzmarkt-Haie. Die zocken mit überdimensionierten Spielkarten, auf denen statt Herz oder Karo Grundnahrungsmittel wie Weizen oder Mais abgebildet sind. Für das Schicksal der Armen interessieren sie sich nicht.

 

 

 

Knapp eine Viertel Million Menschen haben in den vergangenen Monaten mit ihrer Unterschrift den von MISEREOR und anderen Entwicklungsorganisationen getragenen Appell an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unterstützt, im Rahmen der Europäischen Union der Spekulation mit Nahrungsmitteln wie Weizen, Mais endlich einen wirksamen Riegel vorzuschieben. Die Beträge, um die es geht, sind riesig: Allein zwischen 1998 und 2008 stieg das Anlagevolumen in Rohstoff-Indexfonds von drei auf 178 Milliarden US-Dollar. Die potentiellen Gewinne der spekulativen Finanzgeschäfte sind es auch, sie sind nur ungleich verteilt.

Der Hintergrund ist ernst: Arme Haushalte in Entwicklungsländern geben oft 60-70% ihres Einkommens für den Kauf von Grundnahrungsmitteln aus. Steigen die Preise an, kann dies schnell zu Mangelernährung und Hunger führen, oder es muss an anderer Stelle, zum Beispiel am Schulgeld der Kinder gespart werden. Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen machen die exzessive Spekulation an den Warenterminmärkten mitverantwortlich dafür, dass die Preise für Grundnahrungsmittel in den letzten Jahren stark schwanken und in immer größere Höhen schießen. Es ist daher ein Skandal, wenn Banken und Versicherungen weltweit weiter an den Warenterminbörsen spekulieren. Zu den größten Zockern gehören auch deutsche Konzerne. Die Allianz-Versicherung investierte 2011 rund 6,3 Milliarden Euro auf den Agrarrohstoffmärkten, die Deutsche Bank immerhin noch 4,6 Milliarden Euro. Führende Großbanken, darunter die Commerzbank, BNP Paribas und Barclays, verzichten inzwischen auf diese Geschäfte.

Es liegt nun in der Hand der europäischen Finanzminister, gemeinsam eine wirksame Regulierung der Spekulation auf den Warenterminbörsen durchzusetzen. MISEREOR und die andere Bündnispartner fordern die Bundesregierung daher auf, Transparenz an den Rohstoffbörsen und Warenterminmärkten zu schaffen, etwa durch eine Meldepflicht und eine „Unbedenklichkeitsprüfung“ für neue Finanzprodukte. EU-Kommission und das Europäische Parlament haben sich bereits für Positionsobergrenzen für Spekulanten ausgesprochen, die die rein spekulativen Geschäfte wirksam begrenzen würden. Zudem sollte die Spekulation mit sensiblen Grundnahrungsmitteln völlig unterbleiben. Weizensäcke gehören schlicht nicht in private Depots!

Der Hausherr des Finanzministeriums zeigte sich übrigens trotz strahlenden Sonnenscheins nicht. Das morgendliche Cacerolazo dürfte Wolfgang Schäuble aber noch einige Zeit in den Ohren klingen.

Mehr Informationen zum Thema „Nahrungsmittelspekulation“ auf unserer Themenseite.

Autor:

Klaus Schilder

Dr. Klaus Schilder ist Referent für Entwicklungspolitik für MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Keine Rendite auf Kosten der Ärmsten
    Jeder kann auf Geldanlagen verzichten, die Mensch und Umwelt schaden!
    Keiner braucht Finanzprodukte, die auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren! Dafür setzt sich die Initiative handle-fair.de ein!

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