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Menschen wie du und ich

Wenn man im Ausland lebt, dann wird das Internet zur wichtigsten und schnellsten Informationsquelle, um von Nachrichten in Deutschland zu erfahren. Nicht nur die Onlinezeitungen veröffentlichen zeitnahe Artikel, vor allem das soziale Netzwerk Facebook wird von Politikern und Organisationen genutzt. Nur ein ‚Like’ und ich bin direkt auf dem neusten Stand. Ich weiß, was die Wise Guys mit MISEREOR in Indien machen, was heute Abend im Goethe Institut Bangkok angeboten wird, wie der Zwischenstand in der Volleyball Bundesliga ist und für was sich Künast und Co gerade einsetzen. Die neusten Jobangebote aus Brüssel inklusive.

Es ist aber auch eine Möglichkeit, sich nicht nur selber zu informieren, sondern auch zu kommentieren und mitzudiskutieren. Weitestgehend anonym. So gab es auch eine große Reaktion auf die Bekanntgabe von mehreren Organisationen und Politikern diese Woche, dass Deutschland, nachdem die offizielle Flüchtlingszahl aus Syrien nun die traurige Millionenmarke überschritten hat, 5000 Syrische Flüchtlinge aufnehmen möchte.

Nun, die Meinung der deutschen Politiker, ob nun Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen sind und wie viele, möchte ich hier noch nicht einmal thematisieren. Nachdem ich aber nur 15 Minuten diverse Leserkommentare studiert hatte, warf ich vor Wut den Deckel meines Laptops zu. Einmal kurz schreien hätte vielleicht auch geholfen.

Hier eine kleine Auswahl der Leserkommentare, die mich sprachlos machten:

„Noch mehr Terroristen nach Deutschland holen?????“

„Sind bestimmt nicht alle Ausländer Terroristen…Aber warum kümmert Deutschland sich um die ganze Welt? Wer hilft uns denn? Bei uns wäre Hilfe viel angebrachter…Hier haben Kinder auch nicht ausreichend zu Essen und die Pflege für alte Menschen ist auch nur unzureichend!“

„Die haben doch die ganze Zet nur auf die Chance gewartet unter einem Vorwand in ein Land wie Deutschland kommen zu können. Alles Schmarotzer.“

„Warum nehmen wir diese Leute auf? Gebt ihnen AK 47, ein paar Kisten Munition, ein paar RPG und lasst sie ihr eigenes Land erobern.“

„Ja genau, wir brauchen noch mehr Schafhirten die sich bei uns aufführen wie die Axt im Wald.“


Weltweit gab es laut UNHCR im Jahre 2012 offiziell 15,2 Millionen Flüchtlinge. Dazu kamen 26, 4 Millionen Binnenvertriebene/ Internally Displaced People, zum Beispiel im Kongo oder Sudan. Syrien war bisher eines der größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen. Bis der Bürgerkrieg alles änderte…

Ein Thema, zu dem ich wahrscheinlich gerade nicht die objektivste Meinung vertreten kann. Was ich aber in den letzten sieben Monaten mit ‚meinen‘ Flüchtlingen erleben durfte, widerspricht all den Meinungen dieser Leserkommentare.

Die ‚Wilden Kerle‘ des Bangkok Refugee Centers

‚ Meine‘ Flüchtlinge sich friedlich, lieben ihre Familie und unterstützen ihre Freunde, auch wenn sie selbst kaum genug zum Leben haben. Auch mich laden sie voller Stolz zum Essen ein und sind glücklich, das Wenige, was sie haben, mit mir zu teilen. Trotz ihrer Vergangenheit sind sie mir immer offen und ohne Vorurteile begegnet und haben mich in ihre Gruppe aufgenommen. Wir reden, lachen und spielen zusammen, sodass ich oft vergesse, was uns unterscheidet.

Sie haben ihr Land mit schwerem Herzen verlassen und wenn sie von ihrem Zuhause erzählen, von Bomben, von der Furcht, von der verlorenen Familie, dann höre ich zu, obwohl ich es, Gott sei Dank, nicht wirklich nachvollziehen kann. Sie haben mir ihr Zuhause gezeigt, den Raum, den sie mit der ganzen Familie bewohnen, wo sie sich zu dritt eine Matratze teilen und indem sie, um Strom zu sparen, nie das Licht einschalten.  Sie warten und warten und wissen nicht was passiert. Sie hoffen, dass sie eines Tages von einem Drittland akzeptiert und willkommen geheißen werden. Bis dahin sind sie auf Überlebenshilfe angewiesen, eine Abhängigkeit, auf die viele gerne verzichten würden. Sie nehmen jeden Gelegenheitsjob an, den sie bekommen können; ob bezahlt oder nicht, es gibt ihnen zumindest das Gefühl gebraucht zu werden. Auch wenn sie wissen, dass sie gut ausgebildet, viele mit Universitätsabschluss, es besser haben könnten.  Auch die Kinder lernen dies von klein auf. Hier muss ich nicht lange fragen wer mir beim Tragen hilft oder wer nach der Schule noch etwas länger bleiben kann, um mit mir Schulmaterialien vorzubereiten. Nach dem Unterricht kommen die Kinder sich sogar bei mir bedanken.

Ich wünschte, all diese Verfasser der Leserkommentare hätten eine Chance dies auch zu erleben. Dann würden sie merken, dass dies keine ‚Terroristen‘ , ‚Schafhirten‘ oder ‚Schmarotzer‘ sind. Es sind einfach nur Menschen.

Einfach Mensch sein und die Welt umarmen

Autor:

Ich bin Katharina Koller und habe 2012/13, im Rahmen des MISEREOR-Freiwilligendienstes, für COERR (Catholic Office for Emergency Relief and Refugees) in Bangkok und an der thailändisch-burmesischen Grenze mit Flüchtlingen zusammengearbeitet.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wow! Du solltest in die Politik gehen… Nicht, dass ich nicht vorher auch schon deiner Meinung war, aber absolut überzeugend!!

  2. Liebe Katha,
    Dank für Deinen Artikel. Du triffst den Nagel auf den Kopf.
    Ich freue mich, dass Misereor immer wieder die Möglichkeit hat, Partnerorganisationen im Flüchtlings- und Migrationsbereich zu unterstützen und so genau dort anzusetzen, wo Unterstützung am nötigsten gebraucht wird: Bei den Menschen in den Flüchtlingslagern, etwa in Thailand an der Grenze zu Myanmar, und in den Zentren, in denen Hilfe für Arbeitsmigranten angeboten wird. Es wird dadurch deutlich, dass nicht alle so denken, wie die Menschen, die Du zitierst.
    Viele Grüße u. weiterhin eine gute Zeit!
    Corinna

  3. Liebe Katha,

    das kann ich total gut verstehen, dass du so richtig sauer bist. Nach deinem Bericht war ich so richtig sauer auf mich. Weil ich nämlich kaum an all die Flüchtlinge, die es gibt, denke. Man hört immer wieder diese Zahlen, aber das geht irgendwie so an mir vorbei. Man stellt sich einfach nicht immer vor, was da wirklich hinter steckt. Es geht unter in dem ganzen Wust von Nachrichten, die täglich auf uns niederprasseln. Da ist es gut, dass uns Blogs wie deiner daran erinnern. Danke!

    LG, Uta

  4. Liebe Katha,
    da hört man eine Nachricht: 5000 Flüchtlinge nach Deutschland – und denkt erst einmal an sich selbst: Die könnten mir schaden, die wollen mein Geld, die wollen in mein Land…Aber was diese Menschen schon alles erleiden mussten,darüber machen wir uns gar keine Gedanken. Und dabei sind es doch, wie du so richtig schreibst,Menschen wie du und ich. Es ist toll, dass teacher Katha uns das immer wieder vor Augen hält.

    Sonnige Grüße nach Thailand

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