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Das Märchen vom Wachstumsglück

Wachstum – das Zauberwort für Politik und Wirtschaft! Wächst die Wirtschaft, geht es uns gut. Wachstum gleich Wohlstand – das ist die einhellige Meinung.  Doch macht es uns auch wirklich glücklich und zufrieden? Ist es die Weltformel für ein gutes Leben?

Wachstum satt! Reisähren in Bangladesch. © Harms/MISEREOR

Reisähren in Bangladesch. © Harms/MISEREOR

„Das Gefühl von Lebensqualität ist in den Industrieländern in den letzten drei Jahren gesunken“, sagt ZEIT-Redakteurin Petra Pinzler, „und das obwohl wir noch nie so viele Sachen wie heute besessen haben.“ Auf der MISEREOR-Jahresgang motiviert Petra Pinzler dazu den „Wachstumswahn“ zu beenden und mutig alte Denkmuster zu hinterfragen. „Die Lebensqualität wächst nicht mehr mit dem Einkommen. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen reicher und zufriedener“, erklärt Pinzler, die sich für ihr Buch „Immer mehr ist nicht genug!“ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Dass für Lebensqualität ein gewisses ökonomisches Level erreicht sein muss, setzt sie voraus.

„Tretmühle des Glücks“

Pinzler ruft den Werbespot der Sparkasse von 1999 in Erinnerung: „Das ist mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Wir lachen über den Witz, über die Angeberei der beiden Männer, die ihren Besitz und Reichtum gegeneinander auszustechen versuchen. Doch ist es nicht genauso? Wir drängen nach Status und Ansehen. Wir jagen nach immer mehr, immer besser, immer schneller. Ein neuer Fernseher, ein zweites Auto, ein weiterer Urlaub, und immer mindestens ein Kleidungsstück mehr pro Saison. „Tretmühle des Glücks“, nennt es Pinzler. Ich bin was ich habe, lautet das Konsumcredo. Wir wollen dazugehören, mitreden, dabei sein. „Denn wer will es sich leisten nicht mehr in der Gemeinschaft zu sein“, so Pinzler. Die Folge ist Stress! „Nichtstun gilt als ineffizient“, sagt  Pinzler. Nur wer Stress habe, sei wirklich wichtig. Die Weltgesundheitsorganisation hat chronischen Stress zur größten Gesundheitsgefahr unseres Jahrhunderts erklärt. Absurd, dass nur das zählen soll, was krank macht! Mit Glück hat das wohl nichts zu tun.

Champagner für alle?

Auch Thomas Schmidt, Arbeiterpriester aus Frankfurt, appelliert auf der Jahrestagung an die Umkehr. „Brechen wir mit dem Glauben an die Alternativlosigkeit des Wachstums!“, fordert er. Ein Leben in Fülle bedeute nicht: Designerwohnung, teurer Champagner und einen SUV in der Garage. Denn wenn das unser Ziel ist, kann die nächste Generation einpacken. Da bleibt nicht mehr viel übrig an Ressourcen und Umwelt. 2,8 Erden bräuchten wir, wenn alle Menschen so leben würden wie wir. Gerechte Verteilung sieht anders aus! Verabschieden wir uns also vom Haben und fokussieren das Sein. Ein Leben in Fülle unter anderen Vorzeichen: „Mehr Leben mit weniger!“, schlägt Schmidt vor. Den Schnickschnack und Firlefanz mal weglassen. Unseren Drang nach Status und Ehre begegnet Schmidt mit: „Wir haben doch schon Gottes Ansehen. Was wollen wir mehr? Damit haben wir alles!“

Pinzler und Schmidt nehmen dem Wachstum seinen Zauber und stellen das Märchen auf den Kopf – das tut gut! Ein Ansporn, Glück nicht mit Besitz zu verwechseln. Es bleibt die Frage: Was ist mir wirklich wichtig?

Autor:

Annika Sophie Duhn arbeitet als Bildungsreferentin bei MISEREOR.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Sonnen,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar und das Lob für unsere Jahrestagung! Wie Sie sagen: Eine andere Welt ist möglich! Mut zu Taten!

  2. Genau so ist es!
    Und ich möchte ergänzen: Beim „Referat“, ich würde es lieber als „theologische Unterbrechung“ bezeichnen, von Thomas Schmidt ist mir als Theologe, Christ und Weltbürger das Herz aufgegangen. Das war theology at its best!
    Das biblische „Kehrt um!“ heißt übersetzt: Für Christen gibt es immer Alternativen zum Bestehenden! Es gibt keine Akternativlosigkeit! Es ist immer möglich, es anders zu machen! Deshalb kann Wachstum nicht alternativlos sein.
    Und: Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit! heißt: Die Frage nach dem „Wohlstand für alle“ ist immer aus der Perspektive der Armen zu sehen, Es ist nicht gerecht, wenn 1000 Textilarbeiter in Bangladesch sterben, damit wir im Westen eine billige Jeans kaufen können. Es ist nicht gerecht, wenn die alleinerziehende Friseurein hierzulande – die ihre Arbeit liebt – einen Lohn erhält, von dem sie ihre Familie nicht ernähren kann. Es ist nicht gerecht, wenn Indigene in Paraguay und sonstwo von ihrem Land vertrieben werden, damit internationale Konzerne Soja anbauen, das an Kühe verfüttert wird, damit wir billig und viel Fleisch essen können.
    Danke Misereor, danke Pirmin Spiegel für diesen Tag, danke Thomas Schmidt für diese biblische Orientierung!
    Das ist die Latte, unterhalb derer Christ sein heute nicht mehr geht. Jeder und jede ist gefordert, als Christ, als Konsument, als Bürger. Keiner kann sich mehr herausreden. Wer sagt, es gibt keine Alternativen zum bestehenden System, kann aus meinem Verständnis heraus nicht für sich Anspruch nehmen, Christ zu sein. Er ist ein Atheist, ein Mensch ohne Vision, ohne Glauben, ohne Hoffnung auf das, was wir Reich Gottes nennen. Eine andere Welt ist möglich – das ist meine Hoffnung als Christ.

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