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Philippinische Landwirte zerstören Versuchsfelder mit „Goldenem Reis“

Gentechnisch veränderter Reis soll auf den Philippinen Mangelernährung bekämpfen. Doch hinter dem scheinbaren Wunderreis steckt  einer der größten Agrochemiekonzerne der Welt. Sobald die neue Reissorte für den Markt zugelassen wird, könnte es für den Konzern Gold regnen.

Auf den Philippinen haben etwa 400 Landwirte ein Versuchsfeld des philippinischen Instituts für Reisforschung (Philrice) mit gentechnisch verändertem „Goldenen Reis“ zerstört. Damit wollten sie die geplante dritte Reihe von Feldstudien des Instituts in der philippinischen Provinz Camarines Sur auf der Halbinsel Bicol verhindern. Die Tests sind Voraussetzung für die Zulassung der Gentech-Reissorte.

400 Landwirte stürmen das Versuchsfeld

400 Landwirte stürmen das Versuchsfeld mit Goldenem Reis. © Sikwal-GMO

Organisiert hatten die Protestaktion Mitglieder der Gruppe „Sikwal-GMO“. Das Bündnis aus Landwirten, Kirchenvertretern, Studenten, Akademikern und Konsumenten kämpft gegen die Marktkontrolle  von internationalen Agrochemie-Konzernen und deren Einfluss auf die philippinische Reisindustrie. Auch Bauern der MISEREOR-Partnerorganisation MASIPAG unterstützten die Protestaktion.

 

Gentech-Reis gegen Vitamin-A-Mangel?

Im Fokus der Aktion steht der „Goldene Reis“: eine Reissorte, die durch gentechnische Verfahren so verändert wird, dass ihre Reiskörner eine erhöhte Menge an Beta-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin A, enthalten. 1990 von den deutschen Biologen Ingo Potrykus und Peter Beyer entwickelt, sollte sie den Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern bekämpfen, an dessen Folgen jährlich Millionen Menschen sterben. Allein 500.000 Kinder erblinden pro Jahr infolge der Mangelerscheinungen, die Hälfte von ihnen stirbt innerhalb eines Jahres.

Auf den Philippinen werden seit 2008 Feldversuche zu der Wirksamkeit des Gentech-Reises durchgeführt. Dessen Befürworter – zumeist Philrice-Mitarbeiter – weisen gerne auf bisherige Testergebnisse hin: Die ergaben, dass mit dem Einsatz der Reissorte pro Jahr allein in Indien etwa 40.000 Todesfälle bei Kindern vermieden werden könnten. Auch zahlreiche andere Mangelerscheinungen, zum Beispiel Erkrankungen des Immunsystems, könnten ihnen zufolge deutlich reduziert werden.

Gentechnik: Keine Lösung für das Hungerproblem

Doch die Verfahren der Grünen Gentechnik, mit denen dieser Reis hergestellt wird, sind umstritten. Vor allem die Langzeitfolgen von gentechnisch veränderten Pflanzen für Mensch und Umwelt sind noch nicht genügend erforscht. Auf den Philippinen testen Forschungsinstitute wie Philrice den Gen-Reis außerdem an Erwachsenen und Kindern, ohne vorher eine  vergleichbare Tierstudie durchzuführen. Gegen diese Tests haben sich die Landwirte um MASIPAG und

Aktionsplakat der MISEREOR-Partnerorganisation MASIPAG

Aktionsplakat der MISEREOR-Partnerorganisation MASIPAG © MASIPAG

Sikwal-GMO mit ihrer Aktion unter anderem gewehrt. „Wir wollen verhindern, dass unsere  Leute – vor allem unsere Kinder – an diesen Tests teilnehmen und unter den möglichen Folgen leiden müssen“, sagte Landwirt und Sikwal-GMO Sprecher Bert Autor.

MISEREOR hat aus über 50 Jahren Erfahrung in der Entwicklungshilfe gelernt, dass Armut in Entwicklungsländern komplexe Ursachen hat. Angebliche Wundermittel wie der „Golden Rice“ können da kaum als universaler Lösungsansatz dienen. Anja Mertineit, MISEREOR-Expertin im Bereich ländliche Entwicklung in Asien, sagt: „Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist das beste Rezept gegen Mangelernährung. Wichtig ist, den Menschen in den Philippinen erst einmal Zugang zu produktiven Ressourcen, vor allem zu Land, zu verschaffen. Die bäuerliche Agrarproduktion muss durch Regierungsprogramme gefördert, die bäuerlichen Betriebe vor‚ Landraub und den Auswirkungen einer verfehlten Handelspolitik geschützt werden.“

Saatgut-Monopol der Konzerne

Zu den umstrittenen Verfahren der Gentechnik kommt, dass das Patent auf das Saatgut des Goldenen Reises vom Schweizer Unternehmen Syngenta gehalten wird – einem der größten Agrochemiekonzerne weltweit. Die Landwirte befürchten deshalb, dass sobald der Reis auf den Markt kommt, sie dem Konzern das Saatgut für hohe Preise abkaufen müssen.  Bisher behauptet Syngenta zwar,  man wolle Kleinbauern das Saatgut umsonst zur Verfügung stellen und der Golden Rice sei nichts weiter als ein humanitäres Projekt.  Doch weshalb errichtet sich der Chemiekonzern ein Monopol mit Patenten, welche die Technologie, Pflanzen und das Saatgut umfassen, ohne kommerzielle Interessen zu verfolgen?

Laut  Sikwal-GMO werden Versprechen wie dieses oft genug gebrochen: So explodieren auf den Philippinen bereits die Saatgutpreise für gentechnisch veränderten Mais und treiben Landwirte, die auf das neue Saatgut umgestellt haben, in die Verschuldung. Ein  Großteil von ihnen muss sein Land an internationale Käufer abtreten.  „Golden Rice und gentechnisch veränderte Organismen im Allgemeinen verschlechtern nur die ohnehin schon schwierige Situation von Kleinbauern. Wir appellieren an das Ministerium für Landwirtschaft, sofort Golden Rice und andere Feldversuche mit GM-Pflanzen im Land abzubrechen „, so Bert Autor.

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Chito Medina von MASIPAG über den Anbau von genverändertem Reis
 auf den Philippinen

 

Myrna Acayen, eine Bäuerin aus dem MASIPAG-Netzwerk in Goa, Camarines Sur, macht sich Sorgen um ihre lokale Reisvielfalt. 2011 bekam sie von der philippinische Regierung einen Preis für ihre ökologisch geführte, diversifizierte Reisfarm. Acayen fürchtet, dass die veränderten Gene des Golden Rice die von MASIPAG gehegte und vergrößerte lokale Reisvielfalt verunreinigen. „Wir müssen daran denken, dass Reis unser Grundnahrungsmittel ist, das wir fast zu jeder Mahlzeit essen. Sie sollten ihn nicht gentechnisch verändern.“

Aktivisten geben nicht auf

Wann der Gentech-Reis für den Markt zugelassen wird, ist noch nicht klar und wird laut dem Internationalen Reisforschungsinstitut (IRRI), das die Feldversuche auf den Philippinen im Auftrag von Syngenta und in Kooperation mit Philrice durchführt, noch mindestens zwei Jahre dauern.  Die Protestaktion habe dem Forschungsprojekt jedoch nicht wirklich geschadet, sagte Bruce Tolentino, stellvertretender Generaldirektor für Kommunikation und Partnerschaft beim IRRI. „Das war nur ein kleiner Rückschlag für uns. Jetzt führen wir unsere Forschungsarbeiten wie gewohnt weiter.“

Etappensieg: Das Versuchsfeld in Camarines Sur wurde von den Aktivisten zerstört

Etappensieg: Das Versuchsfeld in Camarines Sur wurde von den Aktivisten zerstört. © Sikwal-GMO

Doch auch MASIPAG und Sikwal-GMO wollen den Kampf so schnell nicht aufgeben. Landwirt Bert Autor meint: „Unsere Aktion war eine ernste Warnung gegen Freilandversuche mit GM-Pflanzen in Bicol. Was wir brauchen, ist eine umfassende und langfristige Lösung um Hunger und Unterernährung anzugehen. Wir wollen keinen Goldenen Reis!“

 

Hintergrundinformation

Bei der MISEREOR-Partnerorganisation MASIPAG stehen die Bäuerinnen und Bauern im Mittelpunkt. Gemeinsam haben sie ein nachhaltiges System entwickelt, in dem die Kontrolle über die Betriebsmittel, also Saatgut, Dünger und Pflanzenschutz, weitgehend bei ihnen liegt.

Autor:

Julia Nadenau schreibt nach einem Praktikum in der MISEREOR-Presseabteilung weiterhin für den MISEREOR-Blog. Sie stellt interessante Filme und TV-Beiträge mit Bezug zu MISEREOR-Themen vor.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin überrascht und entsetzt, welche Praktiken eine katholische Organisation unterstützt.

    @Jörg:
    „Ich arbeite gerade in Entwicklungshilfeprojekte für die Philippinen. Zum Beispiel kann durch die Installation von Gemüse,- Bambuskästen und die Verwendung von Papaya, oder Bananen zum auffangen von Waschwasser, die Nährstoffversorgung in Armenvierteln entscheidend verbessert werden. Dies betrifft nicht nur Betakarotin, sondern alle Nährstoffe.
    In der Vergangenheit gab es schon öfters Wunderreis, der die Erwartungen nicht erfüllte.

    Der Kommentar oben scheint von der Presseabteilung der Industrie zu stammen und ist zu ignorieren.“
    Das ist ganz großartig von ihnen, allerdings ist das Internet noch geduldiger als Papier.
    Man kann das eine tun und das andere nicht lassen —
    und bitte verzichten Sie doch bitte auf Unterstellungen und das Verteilen unwesentlicher Ratschläge, danke!

  2. Auch von mir wird Misereor keine Spendengelder mehr erhalten. Was hier praktiziert wird, ist in keiner Weise mit dem katholischen Glauben vereinbar.
    Meine Spenden gehen in Zukunft an das International Rice Research Institute (IRRI).

  3. Sehr gutes Projekt.
    Meine Spendengelder fließen weiterhin in Richtung Misereor.

  4. Ich arbeite gerade in Entwicklungshilfeprojekte für die Philippinen. Zum Beispiel kann durch die Installation von Gemüse,- Bambuskästen und die Verwendung von Papaya, oder Bananen zum auffangen von Waschwasser, die Nährstoffversorgung in Armenvierteln entscheidend verbessert werden. Dies betrifft nicht nur Betakarotin, sondern alle Nährstoffe.
    In der Vergangenheit gab es schon öfters Wunderreis, der die Erwartungen nicht erfüllte.

    Der Kommentar oben scheint von der Presseabteilung der Industrie zu stammen und ist zu ignorieren.

  5. Misereor macht sich mitschuldig an Tod und Krankheit vieler Menschen auf den Phillipinen und anderswo. Von mir wird Ihre Organisation keine Spenden mehr erhalten.

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