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Freiheit als Privileg – Flüchtlinge in Thailand

Sie kommen aus Somalia, Pakistan, Sri Lanka, Palästina, Syrien, Irak und Kambodscha. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt, Armut und Hunger und hoffen auf ein besseres Leben in Thailand. Thailand hat recht lockere Einreisebestimmungen und so kommen viele mit einem Touristenvisum ins Land. Doch auch hier müssen sie um ihr tägliches Überleben kämpfen und um ihre Sicherheit fürchten.

Da Thailand die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterzeichnet hat, gelten die Flüchtlinge nach Ablauf ihres Visums als Illegale und können trotz anerkanntem Flüchtlingsstatus­ durch die UN jederzeit abgeschoben werden. Viele haben für ihre Reise nach Thailand alles Ersparte aufgebraucht und müssen nun von dem Wenigen leben, was UNHCR und einige NGOs wie das Bangkok Refugee Center ihnen zur Verfügung stellen.

Die Flüchtlinge stecken mehr oder weniger in Bangkok fest: Arbeiten dürfen sie als Illegale nicht und nach Draußen zu gehen ist gefährlich, da sie jederzeit von der Polizei aufgegriffen werden können. Viele bleiben daher den ganzen Tag über zu Hause, schlafen oft bis zum späten Nachmittag, um nur eine Mahlzeit kochen zu müssen. Das ist billiger. Und schlafen ist besser als wach zu sein. Denn wenn man wach ist, muss man nachdenken über die Familie zu Hause, über erlebte Gewalt und Misshandlung, über eine ungewisse Zukunft….

In einem kleinen Zimmer mitten in Bangkok sitze ich einer sechs-köpfigen Familie aus Sri Lanka gegenüber. Sie sind schon über 3 Jahre in Bangkok und warten immer noch darauf, in ein Drittland übersiedelt zu werden. Der Putz bröckelt von der Wand und durch das kaputte Fenster bläst der Wind. Außer  einem Kühlschrank, einem Regal mit Kochutensilien, einem alten Fernseher und zwei Plastikstühlen gibt es keine Möbel. Zum Schlafen werden dünne Matten auf den Boden gelegt. Die Mutter erzählt wie schwer es ist, mit dem wenigen Geld das ihr zur Verfügung steht, die ganze Familie zu ernähren.

Und wieder ist es da dieses schlechte Gewissen, das ich in den letzten zwei Wochen schon so oft gespürt habe. Dieses bedrückende Gefühl, das mich einfach sprachlos macht. Was unterscheidet mich von diesen Menschen? Wie kann ich all diese Freiheiten und Möglichkeiten  haben, von denen mir viele bis vor kurzem nicht einmal bewusst waren? Diese Freiheit, überall hin zu gehen, wo ich möchte. Diese Möglichkeit, immer genug Geld zu haben, um mir Essen, Kleidung oder andere Dinge zu kaufen. Diese Freiheit, die für mich bislang nichts Besonderes war, aber so vielen Menschen einfach nur deshalb verwehrt ist, weil sie nicht wie ich das Glück hatten, in einem Land wie Deutschland geboren zu sein.

Ich weiß, dass man Schicksale nicht gegeneinander aufwiegen kann, und ich will das auch nicht tun. Ich kann nichts dafür, dass das so ist, und das sage ich mir auch immer wieder. Aber ich kann dieses bedrückende Gefühl nicht abschütteln. Das geht einfach nicht. Wie ungerecht das Leben ist, habe ich in den letzten Tagen häufig zu spüren bekommen. Das zu akzeptieren ist schwer. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich weiß nicht, ob man „abhärtet“ gegen dieses Gefühl. Will ich das überhaupt?

“Life isn’t fair“, so die britische Schriftstellerin Jacqueline Wilson, “but we can do our best to right the wrongs.” Vielleicht ist das zumindest ein Anfang….

 

 

Autor:

Mein Name ist Sarah, ich bin 23 und studiere in Freiburg im Breisgau Soziologie und Französisch. Mitte August gehe ich mit MISEREOR für 10 Monate nach Thailand. Dort werde ich bei dem MISEREOR-Partner COERR in Bangkok und Nord-Thailand mit Flüchtlingen arbeiten.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo sarah, nun ist es soweit wir sind in Bangkok und werden heute einen erstkontakt bei der unhcr haben. Bitte melde dich nochmal per mail bei mir. Es wäre toll wenn wir ein Treffen vereinbaren könnten. Liebe Grüsse Stefan

  2. Liebe Sarah,

    Vielen Dank für deinen Beitrag.Tolles Engagement!

    Wie geht‘ s Dir aktuell?

    Zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter werde ich im Januar nach Thailand reisen. meine Frau ist engagierte Fotografin und beschäftigt seit Jahren mit dem Thema Flüchlinge und Asysuchende.

    wir möchten die Zeit in Thailand für eine soziale Fotodokumentation nutzen. daher wäre meine Frage an Dich inwieweit, dass gegebenfalls für Dich interessant sein könnte, bzw. Ob du vor Ort schon Kontakte hast mit denen wir eventuell Details klären könnten.

    freue mich auf eine kurze Rückmeldung von Dir.

    bis dahin alles Gute!

    Schöne Grüße

    stefan

  3. Liebe Sarah,

    gerade erst angekommen und schon so vieles gesehen. So viel zu verarbeiten. Und es wird noch so vieles kommen. So ist Freiwilligendienst. Die Perspektive ändert sich, radikal. Und man merkt, was die eigene Vergangenheit und das Leben zu Hause bedeuten. Für uns vor allem doch Privilegien. Es gibt ein Lied von der Band „Die Ärzte“, das heißt: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Aber du bist ja jetzt in Bangkok. Und kannst etwas tun …!

    Liebe Grüße aus Aachen. Uta

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