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„Fußball ist auch cool“ – Geflüchtete in ihrer neuen Heimat

"Du kommst uns ganz sicher besuchen?" - "Ja klar, ich möchte doch sehen wie es euch dann geht, wie euer neues Leben aussieht…“

„Du kommst uns ganz sicher besuchen?“ – „Ja klar, ich möchte doch sehen wie es euch dann geht, wie euer neues Leben aussieht…“

Ich habe es ihnen versprechen müssen.  „Du kommst uns ganz sicher besuchen?“ „Ja klar, ich möchte doch sehen wie es euch dann geht, wie euer neues Leben aussieht…“

Das war im Juni diesen Jahres am Flughafen in Bangkok. 53 Flüchtlinge aus Sri Lanka und Pakistan wurden durch das UNHCR-Resettlementprogramm von Thailand in die Niederlande umgesiedelt. Nach Jahren auf der Flucht und Warten in Bangkok, ohne Chance auf eine friedliche Rückkehr in ihre Heimat und ohne Zukunftsperspektive, öffnete sich nun eine neue Tür.

Im Bangkok Refugee Center habe ich sie während meines Freiwilligendienstes kennen gelernt und mit ihnen ihre Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen. Nun, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, war es also an der Zeit, die Gruppe in den Niederlanden zu besuchen und zu hören, was aus ihren Erwartungen bisher wurde.

Holland wie im Bilderbuch

Willkommen im Bilderbuch-Holland. Das denke ich mir, als ich durch die flache, grüne Landschaft fahre. Schafe und Kühe stehen auf der Weide, ein rauer Wind weht klare Meeresluft ins Land, eine Windmühle zaubert den Klischeehintergrund herbei. Selbst mich kann dieser Anblick noch in Verzückung bringen, aber wie ging es dann erst den Neu-Niederländern? „In den ersten Tagen konnte ich meine Augen gar nicht schließen. Ich hatte Angst etwas zu verpassen“, erzählt Shaista aus Pakistan und ihr Mann ergänzt: „Im Sommer war es hier bis spät abends hell. In der alten Heimat ging abends um 18 Uhr die Sonne unter. Hier war es um 22 Uhr immer noch taghell. Faszinierend!“

Fast alles ist neu am Anfang: die Sprache, die Menschen, das Essen, die Infrastruktur, die Lebensumstände. Thailand hat die UN-Flüchtlingskonvention nicht unterschrieben und Flüchtlinge in Thailand sind somit illegal und bekommen, auch mit offiziellen UN-Papieren, keinen entsprechenden Schutz. Da Thailand ihnen kein dauerhaftes Asyl gewähren kann, werden Flüchtlinge nach langen Prüfungsprozessen in Drittstaaten umgesiedelt. Dazu gehören die USA, Australien, Finnland und eben auch die Niederlande.

Defizite ausgleichen – und das neue Leben entdecken

Annapia bekommt gezeigt, wie man Rotis macht.

Annapia bekommt gezeigt, wie man Rotis macht.

Die Flüchtlinge werden von der niederländischen Organisation „VluchtelingenWerk“ unterstützt. Bereits in Thailand sollten Workshops zur Sprache und Kultur, anfängliche Schwierigkeiten abbremsen und die Motivation auf einen Neuanfang steigern, aber natürlich auch die Angst nehmen. Später in den Niederlanden wurden die Wohnungen, Schulen und ehrenamtliche Ansprechpartner in den jeweiligen Wohnorten organisiert.

Vier Monate nach der Ankunft und der ersten Eingewöhnungsphase, pendelt sich nach den Schulferien nun ein Alltag ein.

Für das erste Jahr gilt aber für alle erst einmal eins: Niederländisch lernen. Während die Eltern in Sonderkurse für Erwachsene gehen, bekommen die Kinder in den Schulen spezielle Kurse. Hier arbeiten sie nicht nur intensiv an ihren Sprachkenntnissen, sondern bekommen auch Hilfe, um Defizite in anderen Fächern, wie etwa Mathematik auszugleichen. Nach etwa einem Jahr werden sie den regulären Schulunterricht besuchen können.

Von der Schule ist vor allem der 15-jährige Vin aus Sri Lanka begeistert: „Wir lernen nicht nur Niederländisch, sondern auch kochen und endlich schwimmen. Diese Woche haben wir diesen holländischen Roti selber gemacht – wie heißt der noch gleich – Pfannkuchen. Das war lecker, das koch ich zu Hause auch mal.“ Begeistert präsentiert Vin mir dann auch den Spielplan des örtlichen Fußballvereins. Über seinen Ansprechpartner hat er Jungs in seinem Alter kennen gelernt, die ihn mit zum Fußballtraining nahmen. Am Wochenende hat er nun sein erstes Spiel. „Cricket will hier noch keiner mit mir spielen, aber Fußball ist auch cool.“

Ein Paradies mit Schwierigkeiten

Manchmal vermissen sie aber schon noch Thailand – das ist eben doch ein Stück zu Hause.

Manchmal vermissen sie aber schon noch Thailand – das ist eben doch ein Stück zu Hause.

In Thailand hatten sie kaum Geld und oftmals waren Reis und Bohnen für Wochen ihre einzige Nahrung. Hungern, das ist jetzt vorbei und doch ist nicht alles nun ein paradiesischer Neustart, denn Geld ist immer noch sehr knapp und Winterkleidung noch kaum vorhanden. Doch arbeiten können die Erwachsenen unter ihnen noch nicht, denn die Auflagen sind, dass sie erst ein Jahr lang Niederländisch lernen müssen. Das ist zwar eine Investition in die Zukunft, doch manche von ihnen werden langsam dem Warten müde und wollen endlich, nach der langen Zwangspause in Thailand, durchstarten. Manchmal vermissen sie aber schon noch Thailand. Das Essen und die Kultur waren ihnen nicht so fremd wie die in Europa und viele haben noch Familie und Freunde in Bangkok. Thailand – das ist eben doch ein Stück zu Hause.

Freiheit spüren

Pakistanischer Reiskuchen für "Teacher Katha"

Pakistanischer Reiskuchen für „Teacher Katha“

Der größte und entscheidende Unterschied ist wohl, dass sie nun legale Bürger sind. Keiner muss sich mehr verstecken, keiner Angst vor der Polizei haben und Gefängnis oder Abschiebung fürchten. Seine Erfahrungen mit der niederländischen Polizei erzählt mir Younes aus Pakistan lachend: „Eines Abends bin ich noch eine Runde spazieren gegangen. Ich finde es toll, einfach herum laufen zu können und frische Luft zu atmen. Da hat mich auf einmal die Polizei aufgegriffen, weil es in der Nachbarschaft wohl einen Einbruch gab. Sie wollten meinen Ausweis sehen, den ich zu Hause vergessen hatte. Da bekam ich Panik! Das Herz pochte so stark und ich dachte, dass sie mich jetzt festnehmen würden. Doch sie fragten mich nur, wo ich wohnen würde und fuhren mich dann nach Hause, wo ich ihnen die Papiere zeigte. Sie entschuldigten sich und wünschten mir einen schönen Abend. Da hab ich verstanden: Ich bin frei.“

Autor:

Ich bin Katharina Koller und habe 2012/13, im Rahmen des MISEREOR-Freiwilligendienstes, für COERR (Catholic Office for Emergency Relief and Refugees) in Bangkok und an der thailändisch-burmesischen Grenze mit Flüchtlingen zusammengearbeitet.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde es super, wie umfassend die Flüchtlinge in den Niederlanden betreut werden.
    Das wichtigste, um in einem neuen Land anzukommen, ist die Sprache…
    Wunderschöner letzter Satz, der einem Tränen in die Augen treibt!!

  2. Liebe Katha,
    wie schön zu lesen, dass du dein Versprechen gehalten hast und „deine Flüchtis“ in der neuen Heimat besuchen konntest. Man merkt wirklich, wie sehr sie dir ans Herz gewachsen sind. „Thailand – das ist eben doch ein Stück zu Hause“, und mit deinem Besuch hast du ihnen ein Stück Thailand gebracht!

  3. Ach Katha, das finde ich ja soo toll, dass du das wirklich gemacht hast und „deine“ Flüchtlinge in Holland besucht hast. Es gibt bestimmt viele, die hätten das auch so gesagt, aber dann wäre dieser fromme Wunsch im trubeligen Alltag wieder untergegangen. Ich fand es sehr schön zu lesen, dass die Flüchtlinge doch ganz gut angekommen sind in ihrer neuen Heimat und trotz der vielen Unterschiede doch auch schon viel positives kennengelernt haben. Sicher liegt noch ein weiter und oft auch schwerer Weg vor ihnen. Aber wie sagt Younes: Sie sind frei … und können selbst entscheiden!

    LG, Uta

  4. Was eine schöne Erinnerung, die Flüchtlingsfamilien in ihrem neuen zu Hause begrüßen zu können und zu sehen, wie sie sich einleben, welche Erfahrungen sie machen, wo sie auf Probleme stoßen und wie sie ihre neue Freiheit erleben. Ich freue mich schon auf die Rotis im nächsten Jahr! 🙂

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