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Südsudan: Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit (Teil 1)

Es ist noch vieles chaotisch, gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit vom Sudan. Der Wiederaufbau des Südsudan gilt als eine der größten Herausforderungen für die internationale Gemeinschaft überhaupt. MISEREOR-Mitarbeiter Michael Stahl berichtet von Begegnungen im Südsudan im Dezember 2013.

MISEREOR-Reisegruppe Südsudan

MISEREOR-Mitarbeiter reisten im Dezember 2013 in das junge Land Südsudan.

Mit meiner MISEREOR-Kollegin Cora Laes-Fettback bin ich im Südsudan unterwegs. Schier unendlich erscheint die Wegstrecke, die wir auf meist kerzengeradeaus gehenden, staubigen Sandpisten in der Diözese Rumbek zurücklegen. Uns steigt der Geruch von frisch gebratenem Fisch in die Nase, der über vielen Feuern am Fluss gebraten wird. Den Menschen merkt man die Freude und Unbekümmertheit an, die sie am Wasser haben. Noch gibt es nach der üppig ausgefallenen Regenzeit Wasser in Hülle und Fülle. Doch schon bald wird der Wind dort, wo heute das kostbare Nass fließt, Staub und Sand vor sich her treiben. Seit Kriegstagen ist die kleine Brücke über den Fluss zerstört und unpassierbar. Unser Vierrad-Antrieb hat Mühe, sich einen Weg durch das Wasser zu bahnen.

„Die Zeit der Ernte ist da, aber es gibt keine Arbeiter.“

Oft denke ich über die Worte von Bischof Paride Taban nach, des ehemaligen Bischofs der Diözese Torit. Wir trafen den 76-jährigen Bischof vor wenigen Tagen in seinem Friendship-Guesthouse in Juba, der Hauptstadt. Der Bischof kennt Cora seit vielen Jahren. Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung war der Bischof mittendrin in seinem engagierten Plädoyer für einen guten, friedvollen Südsudan. Aber dann sagt er: “The Harvest is there, but there are no workers.” Ich denke lange darüber nach, was Bischof Paride mit seinen Worten wohl meinen  könnte, die auf den ersten Blick eher resignativ klingen?

Nach der Unabhängigkeit noch vieles chaotisch

Menschen leben nahe Rumbek in Rundhütten.

Rundhütten nahe Rumbek: Millionen Menschen sind aus den benachbarten Ländern und aus Khartoum wieder in ihre Heimat im Südsudan zurückgekehrt bzw. mussten zurückkehren.

Es stimmt, gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit vom Sudan ist im Land noch vieles chaotisch. Wenn man die Hauptstadt Juba mit einem der regelmäßig in die Provinz startenden UN-Flieger verlassen hat, hören auch die Teerstraßen auf. Rumbek, die größte Stadt des Lake-Staates, gleicht in seinem Straßenbild einem Dorf. Überall im Stadtbild sieht man die Rundhäuser, hier und da bedeckt Wellblech die Siedlungen der Menschen. Mehrstöckige Häuser sind hier selten. Der kleine Flughafen von Rumbek, der noch nie Asphalt gesehen hat, besteht aus einem Raum, der mit nacktem Blechdach, mit Lehmboden und ohne Seitenwände als Ankunfts- und Abflughalle dient. Jeder der wenigen Mitarbeiter tut wirklich sein Bestes, die notwendige Professionalität wird aber alleine spürbar durch die freundliche, aber bestimmende Art der afrikanischen UN-Mitarbeiterin.

Korruption sind Tür und Tor geöffnet

Kurz vor uns stoppt eine Polizeisperre die meisten Mopeds, die mit einem, zwei oder drei Passagieren vollgepackt unterwegs sind. Die Mopedfahrer müssen ihre Lizenz vorzeigen. Sie haben aber meist keine Lizenz – und überhaupt: Da es für sie unmöglich ist, an eine Lizenz heranzukommen, die Gesetzeslage eine Verpflichtung zur selben aber vorsieht, müssen sie ihr Moped jetzt stehenlassen. Alle aber sind auf den Verdienst mit dem Moped angewiesen, um ihre Familien durch zu bringen oder um sich das Geld für die Schulgebühren an der Sekundarschule zu verdienen. So lassen sie wahrscheinlich ihren Lohn des letzten Monats als Schmiergeld beim Polizisten, um sich ungeschoren wieder auf den staubigen Weg machen zu können. Und die Polizisten erpressen auf diese Weise den Lohn, der ihnen von der Regierung schlicht vorenthalten wird. Die Verantwortlichen für die Gesetze wissen, dass der einfache Mann und die einfache Frau auf der Straße keine Chance haben, sich an die Gesetze zu halten, weil das Verwaltungsdickicht für sie einfach unüberwindbar ist. Damit sind Korruption Tor und Tür geöffnet.

Das Land steckt noch in den Geburtswehen

Wir hören auf unserer Reise viele ähnliche Geschichten aus dem Land, das als 193. Staat der Erde gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit eigentlich noch in seinen Geburtswehen steckt. In den Außenbezirken Rumbeks schlängeln sich schier endlose Hüttensiedlungen südsudanesischer Familien am Straßenrand entlang. Die Menschen hier gehören zu den Millionen Rückkehrern, die nach dem Friedensschluss des Landes aus den benachbarten Ländern und aus Khartoum wieder in ihre Heimat im Südsudan zurückgekehrt sind bzw. zurückkehren mussten. Die UN bezeichnete 2005 den Wiederaufbau des Südsudan als eine der größten Herausforderungen für die internationale Gemeinschaft überhaupt.
Mir wird klar, dass Bischof Paride bei der Interpretation seiner scharf formulierten Aussage sicherlich diejenigen im Auge hat, die durch Gewalt, Geld und Machtmissbrauch eigene, egoistische Interessen im Land verfolgen. Er weiß aber auch, dass es Menschen im Südsudan gibt, die guten Willens sind, die Mut machen und die auf ihre eigene, persönliche Weise an einer friedlichen und für alle guten Zukunft des Südsudan mit bauen wollen.

Ich habe einige dieser mutigen Menschen im Südsudan getroffen, zum Beispiel Rose und ihre Tochter Mary, und möchte sie Ihnen gerne vorstellen.

Um diese Menschen kennen zu lernen, lesen Sie hier
Teil 2: Südsudan: Mary soll es einmal besser haben
Teil 3: Südsudan: Bildung mit aller Kraft


Weitere Informationen…

Wenn Sie Menschen im Südsudan unterstützen möchten, erhalten Sie hier mehr Informationen zum MISEREOR-Projekt „Schulen für eine bessere Zukunft“

Autor:

Michael Stahl

Michael Stahl ist Referent bei MISEREOR für Partnerschaften und Spenderkontakte.

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