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Made in Cambodia

Wenn Kambodscha in der Tagesschau erwähnt wird, dann ist es ernst. Zuhause in Deutschland sind die Länder aus den Nachrichten und deren Probleme ganz weit weg. Erst Recht, wenn nach einer viertel Stunde um 20.15 Uhr der große Samstagabend-Spielfilm beginnt und von Traumwelten erzählt.

Kein gutes Gefühl, wenn man das in seinem Kleiderschrank findet....

Kein gutes Gefühl, wenn man das in seinem Kleiderschrank findet….

Wenn man sich jedoch in einem der erwähnten Länder befindet, verfolgen einen die Nachrichten noch Wochen. Auch wenn der Kessel weniger brodelt, sind die Probleme nicht gelöst.

Sie protestierten für 120 Euro Monatslohn, sie protestierten für sichere Arbeitsbedingungen, sie protestierten für ein besseres Leben. Sie protestierten zu Recht!

Klar sind hier die Lebenshaltungskosten geringer als in Deutschland, aber von 60 Euro kann man einfach nicht leben. Nirgendwo auf der Welt!
Ende letzten Jahres hatten die Näherinnen aus Kambodschas Textilfabriken ihre Arbeit niedergelegt und streikten. Letzte Woche kam dann die Meldung, dass die Fabrikarbeiterinnen wieder an ihre Arbeit zurückgegangen sind.

Regelmäßig besuchen die Fieldworker von „Seedling of Hope“ die Klienten. Einmal die Woche dürfen wir sie dabei begleiten. Und so kommt es, dass ich mich irgendwo außerhalb von Phnom Penh in einem Gebiet mit mehreren Kleidungsfabriken wieder finde.

Einer unserer Klienten hat sich selbstständig gemacht, indem er hier zusammen mit seiner Frau Essen verkauft. Ich bin immer froh zu sehen, wie durch ein wenig finanzielle Mittel unseren Klienten wieder auf die Beine geholfen wird. Durch die benötigten Stühle, die von „Seedling“ besorgt wurden, kann es jetzt richtig losgehen. 500 Riel für eine kleine Tüte Reis, 1000 Riel für ein bisschen Suppe. Das sind insgesamt ungefähr 0,38 Dollar-Cent, keine 30 Euro-Cent.
„So wenig? Mensch, da kann man sich ja richtig den Bauch voll schlagen.“, möchte man meinen. So ist es aber nicht. Das Essen muss so günstig sein. Wäre es teurer, könnten es sich die Näherinnen gar nicht leisten.

IMG_2135Kloß im Hals

Es ist 11.20 Uhr. Um 11 Uhr denkt ein deutscher Student gerade ans Aufstehen. „Wie lange haben diese Frauen heute wohl schon gearbeitet?“, frage ich mich während ich in die müden Gesichter schaue.
Überall Frauen, kaum Männer. Sie alle haben kleine Erkennungskarten um den Hals, um Zutritt zu den Fabriken zu bekommen. Der Aufseher hat beschlossen, dass zuerst die Schwangeren in die Pause gehen. Dies sind meist junge Mädchen. Wenn überhaupt, kaum älter als ich. Danach folgt in einem großen Schwarm der Rest. Manche haben noch Flusen der produzierten Pullover, T-Shirts und Hosen auf ihrer Kleidung.
Ich stehe da in meiner H&M-Leggins, meinem H&M-Top, meiner H&M-Strickjacke und mit meiner Primark-Tasche und bekomme einen Kloß im Hals. Die frittierte Banane, die ich gerade für 500 Riel gekauft hab, schmeckt nicht mehr.

„Mut ist, zu bleiben. Auch wenn die Schlagzeilen verschwinden.“, steht auf der Postkarte über meinem Bett geschrieben. Mittlerweile sind die Nachrichten aus Kambodscha in der Tagesschau schon wieder abgeklungen. Den Näherinnen aus Kambodscha geht es aber nach wie vor nicht besser.

An einem kleinen Tisch werden Lotterie-Lose verkauft. Das letzte bisschen Hoffnung, vielleicht doch eines Tages mehr Geld in der Tasche zu haben und besser leben zu können.

Autor:

Ich heiße Nicole und habe 10 Monate in der Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh beim Projekt „Seedling of Hope“ meinen Freiwilligendienst absolviert. Das Jugendprogramm von Maryknoll arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die HIV-positiv sind oder deren Leben in anderer Weise von der Krankheit betroffen ist.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nicole,

    eine traurige Wahrheit, die du da beschreibst. Und die uns (fast) alle betrifft, es sei denn, die Leute weben sich den Stoff für ihre Sachen selbst. Egal, was man kauft, in vielen Klamotten finden sich die Hinweise „Made in … Cambodia, Bangladesh, China“. Ich denke mir, dass dort überall die Bedingungen in den Fabriken so sind wie von dir beschrieben. Viele hier freuen sich über billige Klamotten. So macht Shoppen Spaß. Für ein paar Euro hat man wieder mehrere Tüten voll. Es gibt natürlich auch in Deutschland Menschen, die froh sind, dass es billige Kleidung gibt, da sie selbst nicht viel Geld haben. Aber den meisten täte es nicht weh, mehr zu bezahlen, damit die Näherinnen mehr Geld bekommen. Und einfach weniger zu kaufen. Natürlich kommen dann wieder die, die sagen: Ach, das kommt doch gar nicht bei den kleinen Leuten da an, das Geld, sondern nur bei den Bonzen. Oder: Wenn ich weniger kaufe, dann bekommen die gar kein Geld mehr. Meiner Meinung nach sehr bequeme Ausreden, die allerdings das Gewissen beruhigen!

    Liebe Grüße aus Aachen, Uta

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