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„Take a towel with you!“ – der Besuch von Tuol Sleng

Da muss hin, wer behaupten will, sich mit Kambodscha und seiner Geschichte auseinander gesetzt zu haben: Tuol Sleng mitten in Phnom Penh.Toul Sleng, das ist das schlimmste Folter-Gefängnis, dass es während der Zeit der Khmer Rouge gegeben hat.

IMG_0109bWer nur eine Brille trug, wurde hier inhaftiert. Das Ziel: Aus Kambodscha einen Bauernstaat machen und gebildete Leute ausnahmslos umzubringen.
Heute dient es als Museum und stand schon vor unserer Ausreise auf der To-Do-Liste.

Vor unserem Besuch wurde uns geraten, unbedingt ein Taschentuch dabei zu haben. Es sei erschütternd und nichts für Zartbesaitete. Als wir schließlich da standen, blieben die Tränen jedoch aus. Ich fand ich es überhaupt nicht schlimm, in den Räumen, die vor den Roten Khmer als Schule genutzt wurden, zu stehen. Durch den Film, den wir vor der Ausreise bekommen hatten, wusste ich ja, wie es da aussieht. Auch die Fotos und Geschichten zu den Folter-Vorgängen waren nichts Neues. War ich genug vorbereitet auf die Eindrücke oder gefühlskalt?

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Die Räume, in die mit Backsteinen kleine Zellen gemauert sind, sind ansonsten leer. Sehr sauber – es sieht so aus, als würde jeden Tag für die Touristen gefegt. Die Betten, an denen Häftlinge angekettet und gefoltert wurden, rosten schon. Sie standen verlassen in einzelnen Räumen und waren wenig erschreckend. Die gehäuften Schädel, säuberlich in Vitrinen gelegt, sahen sie für mich wie Nachbildungen aus. Durch die Fenster scheint von außen die warme Sonne. Und der Rasen im Innenhof scheint regelmäßig gemäht zu werden.
Erfreulich und traurig zugleich: Ich habe den Eindruck, dass dieser Ort immer mehr an Schrecken verliert. Immer weniger erinnert an ein Folter-Gefängnis. Zugleich erlischt auch die Erinnerung an den Krieg nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis.

Von mehr als 17000 Häftlingen überlebten nur sieben. Der Maler Vann Nath überlebte, weil er Bilder von Pol Pot malen konnte.

Von mehr als 17000 Häftlingen überlebten nur sieben. Der Maler Vann Nath überlebte, weil er Bilder von Pol Pot malen konnte.

Vielleicht war ich einfach nicht so betroffen, weil ich mir das alles nicht wirklich vorstellen will und kann. Was Folter ist, ist für mich überhaupt nicht greifbar. Ich hab doch überhaupt keine Ahnung, was Krieg bedeutet. Bilder davon sieht man so oft in den Nachrichten, dass man über die Folgen jedes einzelnen Schusses, jeder einzelnen Bombe gar nicht mehr nachdenkt.

Natürlich bin ich froh im Jahr der Wende geboren und in einem demokratischen und friedlichen Land aufgewachsen zu sein. Es besteht aber auch die Gefahr, dass unsere Generation gar nicht schätzt, was Frieden ist. Die Generationen, die sowohl die Kambodschaner als auch uns Deutsche heute noch daran erinnern, sind irgendwann nicht mehr da.

Auch wenn mich dieses Gefängnis nicht mehr erschüttert, finde ich es dennoch wichtig, dass es noch da ist. Es dient dazu aufzuklären, damit so etwas nie wieder passiert. Es dient dazu, dass die Opfer nie vergessen werden.

Autor:

Ich heiße Nicole und habe 10 Monate in der Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh beim Projekt „Seedling of Hope“ meinen Freiwilligendienst absolviert. Das Jugendprogramm von Maryknoll arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die HIV-positiv sind oder deren Leben in anderer Weise von der Krankheit betroffen ist.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nicole,

    ich finde es gut, dass du so ehrlich über deine Gefühle sprichst. Es ist ja wirklich so, dass wir als Nachkriegsgenerationen es gar nicht mehr wirklich nachempfinden können, wie die Menschen leider mussten. Ich finde es schade, dass bald wirklich keine Zeitzeugen mehr berichten können. Denn das ist eine Erfahrung, die einem wirklich unter die Haut geht. Wenn du mit jemanden sprichst, der z. B. in Ausschwitz war. Aber ich finde es wichtig, dass an die vielen Toten gedacht wird und dass sie und ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Und wenn du das Museum besuchst, dann trägst du dazu bei!

    LG aus dem kalten, aber sonnigen Aachen. Uta

  2. Hallo Katha,

    ja, die Killing Fields haben mich auch viel mehr mitgenommen als Tuol Sleng. Auch wenn die Gebäude von damals da nicht mehr stehen, ist einem die Zeit der Roten Khmer da viel näher. Wahrscheinlich, weil man weiß, dass man sich mitten in einem Massengrab befindet, in dem immer noch Überreste in der Regenzeit frei gespült werden.
    Ich war noch nie in einem KZ, stelle mir es aber ähnlich wie in Tuol Sleng vor. Immer wieder bin ich erstaunt, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen Deutschland und Kambodscha gibt. Wir können froh sein, dass unsere Geschichte mehr aufgearbeitet wurde und wird. Und, dass die Geschehnisse in Schulbüchern niedergeschrieben wurden.

    Minus 10 Grad sind grade wirklich unvorstellbar!
    Sonnige Grüße aus dem kambodschanischen Winter mit Plus 27 Grad.
    Nicole

  3. Liebe Nicole,

    ich kann deine Gefühlslage sehr gut verstehen. Was ist mit mir los, warum schockiert es mich nicht so wie erwartet, habe ich mich bei meinem Besuch im S21 damals auch gefragt. Natürlich war ich schockiert, als ich Fotos der Inhaftierten, der gefolterten Leichen, gesehen habe. Und doch, war es ein komisches Gefühl der Leere.
    Liegt es daran, dass es als „das“ Touristenziel in Phnom Penh angepriesen und kommerzialisiert wird? Liegt es daran, dass die Überlebenden draußen eine Autogrammstunde anbieten? Liegt es daran, dass wir als Deutsche schon von diversen KZ-Besuchen „abgestumpft“ sind?
    Muss es überhaupt schockieren, um überhaupt bei uns im Gedächtnis zu bleiben?
    Sehr eindrucksvoll und nachhaltig fand ich vor allem den Besuch der Killingfields, ein trauriger „Ausflug“, der definitiv im Gedächtnis blieb.
    Ich finde auch, dass es wichtig ist, an die Geschichte zu erinnern. Denn schließlich hat unsere Generation zwar keine Verantwortung für das was passiert ist, jedoch die Aufgabe und Verantwortung, das so etwas in Zukunft nicht mehr passieren wird.

    Liebe Grüße aus dem verschneiten Magdeburg (-10 Grad am Wochenende, das kannst du dir zur Zeit wahrscheinlich kaum vorstellen;)),
    Katha

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