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Im Weißen Haus in Phnom Penh

Der Abend ist schon fortgeschritten. In den langen, dunklen Gängen gibt es kaum Licht.Die Treppen innerhalb der Blöcke haben kein Treppengeländer. Nur der Schein einer kleinen Kerze, die mit weichem Wachs auf einer Treppenstufe befestigt wurde, sorgt dafür, dass ich sicher die Treppe hinauf gehen kann. Ohne den Schein der Glühlampe würde ich den Raum, in dem die Ausstellung stattfindet, gar nicht finden.

IMG_2307Ich bin im „White Building“ im Süden von Phnom Penh. Wer bei diesem Namen ein Bild vom Weißen Haus in Washington D.C. im Kopf hat, liegt komplett falsch. Mit der offiziellen Residenz des amerikanischen Präsidenten hat dieses Gebäude wohl nur das „White“ im Namen gemeinsam. Auch wenn die Regierung nicht jede Veranstaltung zulässt, gibt es in unserer Stadt hin und wieder friedliche politische oder kulturelle Veranstaltungen. Doch nicht immer heißt „Kultur“ auch, dass man mit einem guten Gefühl wieder nach Hause geht.

Die Geschichte des Gebäudes

In den frühen 60er Jahren erbaut, sollte der „Plattenbau auf kambodschanische Art“ ursprünglich als preiswerter Wohnraum für Künstler, Kulturschaffende und Beamte des Kulturministeriums dienen. Es umfasst sechs Blöcke mit je drei bis vier Etagen, in denen mehr als 400 Wohnungen untergebracht sind. Verbunden sind die Blöcke durch Treppenaufgänge. Es wurde nie wirklich fertig gestellt. Nach der Räumung von Phnom Penh durch die Roten Khmer im Jahr 1975, stand auch dieses Gebäude leer. Alle Bewohner wurden gezwungen ihre Wohnungen zu verlassen. Nach 1979 kehrte das Leben in diese Stadt und auch in dieses Gebäude zurück, doch entgegen des ursprünglichen Zwecks verfallen die einstigen „Bassac Municipal Apartments“ immer mehr. Kein Wunder bei geschätzten 3000 Bewohnern, des zwar großen, aber für diese Anzahl an Menschen viel zu kleinen, Wohnblocks.

Das Ziel der Ausstellung

Ich trete in eine der vielen Wohnung und schaue mir Fotos von Kunstprojekten mit den hier lebenden Kindern an. Strahlende Gesichter und stolze Kinder, die ihre Werke vor sich in die Höhe halten. So trostlos die Umgebung auch ist, die Menschen, die vor oder in ihren Wohnungen sitzen, grüßen einen freundlich.
Ziel der Ausstellung ist es, die bedeutende Architektur zu feiern, den Geist der Kunst-Community wieder zu beleben und die Vorstellungen über diese Nachbarschaft in Frage zu stellen.
Meistens wird der Wohnkomplex mit Armut, Drogen, Prostitution, Kleinkriminalität, gefährlicher Bauweise und schlechten sanitären Anlagen in Verbindung gebracht. Ich muss zugeben, dass mir auch ausschließlich diese Dinge im Kopf rum schwirren, während ich durch die Gänge gehe. Die wenigen Räume, die mit weißer Farbe einen neuen Anstrich bekommen haben, in denen Glühlampen freundliches Licht verströmen und in denen Fotos der Bewohner ausgestellt sind, scheinen wie kleine saubere Inseln inmitten von Schmutz und Dunkelheit.

Irgendwo her kenne ich das doch

IMG_2306Ich war noch nie hier. Ohne diese Ausstellung hätte ich auch die zweite Hälfte des Freiwilligendienstes einen großen Bogen um dieses lange Gebäude gemacht. Trotzdem kommt mir das alles irgendwie bekannt vor. Diese Treppenaufgänge habe ich doch irgendwo schon mal gesehen.
Ein junger deutscher Journalist verliebt sich in eine kambodschanische Prostituierte. Er lernt sie näher kennen und sieht, wie sie lebt. Genau auf diesen Treppen haben die Schauspieler aus „Same same, but different“ auch gestanden. Genau wie diese Wohnungen hat im Film das Zuhause der Kambodschanerin ausgesehen. Total herunter gekommen und verwahrlost.
Mir schießen Bilder von jungen Mädchen durch den Kopf. Mädchen, die nach Phnom Penh kommen, um Geld für ihre armen Familien auf dem Land zu verdienen und dann schließlich in der Prostitution landen. Ohne ein Mindestmaß an Bildung haben sie kaum Alternativen. Wer nimmt schon eine junge Kambodschanerin, die, wenn überhaupt, nur die Khmer Schrift gelernt. Es ist traurige Wirklichkeit, dass Kambodschaner lieber ihre Söhne, als ihre Töchter in die Schule schicken.

War es gut hier her zu kommen? Erreicht die Ausstellung das, was sie bewirken soll?
Die Angst vor diesen Menschen hier wurde mir genommen, aber meine Vorstellungen über diese Nachbarschaft sind die Gleichen geblieben. Den Eindruck, den das Gebäude von außen gemacht hat, wurde innen bestätigt. Die Menschen sind herzlich, doch sie müssen immer in dieser trostlosen Umgebung leben. Während ich nach einem kurzen Besuch wieder in mein Luxusleben zurückkehren kann.

Trailer zu „Same same, but different“ – Man sieht das Gebäude in Minute 1:08. YouTube Preview Image

Rundgang durch das „White Building“ YouTube Preview Image

Autor:

Ich heiße Nicole und habe 10 Monate in der Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh beim Projekt „Seedling of Hope“ meinen Freiwilligendienst absolviert. Das Jugendprogramm von Maryknoll arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die HIV-positiv sind oder deren Leben in anderer Weise von der Krankheit betroffen ist.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da lese ich bei Uta: „Die Menschen sehen extrem desillusioniert aus. Haben wahrscheinlich keine Zukunft: … Woher weisst Du das? Tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber so entstehen dumme, weil allzu schnell gefällte Vorurteile. Ich war gerade dort. Zugegeben, mit einer deutschen Mittelstandssiedlung hat das wenig zu tun. Aber das Mass an Gewalt, das in deutschen Stadtrandsiedlungen ausgeübt wird, bis hinein in die Familien, ist um ein Mehrfaches grösser als im White Building. „Ein Loch“ – nun denn, auch hier gilt: „Loch“ für den, der von ganz weit aussen schaut, sich nicht hintraut und stattdessen lieber zu den Löchern in der eigenen, pieksauberen Gesellschaft (Stichwort: Amokläufe) ein Auge zudrückt. „Und die Vergangenheit war auch nicht besser“ – Was soll das nun wieder heissen? Die Vergangenheit unter den Vietnamesen, die unter den Rohen Khmer, oder die unter Sihanouk? Der Kommentar ist arg allgemein und oberflächlich. Schade.
    Lg Claus

  2. Hallo Nicole,

    habe mir auch das Video angesehen, dass du gedreht hast. Krass. Für uns ist das ja unverstellbar, in so einem, ja, wie soll ich das nennen, Loch finde ich, passt am besten, zu leben. Alles verwahrlost. Dreck. Schimmel. Und die Menschen sehen extrem desillusioniert aus. Haben wahrscheinlich keine Zukunft. Und die Vergangenheit war auch nicht besser. Und deswegen finde ich es toll, dass du hingegangen bist. Du hast die Menschen, die dort ausgestellt haben, stolz gemacht. Das ist doch etwas! Man würde ja denken, dass die nicht wollen, dass man sie so sieht. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Gut, dass du da gewesen bist …

    LG, Uta

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