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„Wir wollen keine verlorene Generation“ – Bildungsangebote für Kinder im Flüchtlingslager

Ein langgestreckter Versammlungsraum, an der Wand reihen sich arabische Sofas. Türkischer Kaffee in kleinen Tässchen wird kredenzt. Ein hochgewachsener Mann mit breitem weißem Turban und langem  Gewand tritt herein und begrüßt uns freundlich. Imam Ghassan ist sunnitischer Geistlicher und leitet einen lokalen islamischen Wohlfahrtsverein in Jbeil, nördlich von Beirut.

Ein Beitrag von Maria Haarmann

"Die Flüchtlingsnot hier in Jbeil liegt uns allen auf der Seele", sagt der Imam, "da ist es das Mindeste, dass ich JRS Räume in meiner Moschee gebe, damit die Flüchtlingskinder Unterricht bekommen".

„Die Flüchtlingsnot hier in Jbeil liegt uns allen auf der Seele“, sagt der Imam, „da ist es das Mindeste, dass ich JRS Räume in meiner Moschee gebe, damit die Flüchtlingskinder Unterricht bekommen“.

Er ist sichtlich erfreut, Jadd Jabbour, einen jungen Jesuiten von unserer Partnerorganisation JRS (Jesuit Refugee Service) wiederzusehen.  „Die Flüchtlingsnot hier in Jbeil liegt uns allen auf der Seele“, sagt der Imam, „da ist es das Mindeste, dass ich JRS Räume in meiner Moschee gebe, damit die Flüchtlingskinder Unterricht bekommen“. Dank dafür wehrt er ab: „Wir wollen und müssen helfen, schon aus dem Glauben heraus. Barmherzigkeit liegt doch an der Wurzel von Islam wie Christentum. Wie können wir Muslime denn Gott mehrmals täglich im Gebet als den Allbarmherzigen anrufen und dann unsere Mitmenschen leiden lassen?“

Das Lernen wieder lernen

In Syrien war der Schulweg im Geschosshagel zu gefährlich. Jetzt haben die Kinder durch die Behelfsschule von JRS wieder die Möglichkeit zu lernen.

In Syrien war der Schulweg im Geschosshagel zu gefährlich. Jetzt haben die Kinder durch die Behelfsschule von JRS wieder die Möglichkeit zu lernen.

Kurz zuvor hat uns George, selbst Flüchtling aus Aleppo, und Leiter der JRS- Arbeit in der Region Jbeil durch die Behelfsschule in der Moschee geführt. Hier werden morgens 145 Flüchtlingskinder  unterrichtet, nachmittags, in einer zweiten Schicht, nochmals 70-75.  Einhundert weitere Kinder stehen auf der Warteliste von JRS.

Lehrerin Gassya, auch sie Flüchtling aus Aleppo, erklärt uns die Lage: Das Schulwesen des kleinen Libanon, ausgelegt auf etwa 300.000 Schülerinnen und Schüler, ist völlig überfordert. Denn in ganz kurzer Zeit sind 300.000 syrische Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter dazu gestoßen, der Bedarf hat sich also verdoppelt. Die existierenden Schulen können all diese Kinder nicht aufnehmen.

„Wir wollen keine verlorene Generation,“ sagt Gassya, „manche Kinder sind schon eineinhalb Jahre nicht zur Schule gegangen. In Syrien war der Schulweg im Geschosshagel zu gefährlich und im Libanon gab es keine Schulplätze. Die Kinder haben das früher Gelernte wieder vergessen und das Lernen verlernt.“

Englischunterricht schon für die Kleinsten

Der selbstgebastelte Katzenohren-Kopfschmuck steht jedem, auch MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Der selbstgebastelte Katzenohren-Kopfschmuck steht jedem, auch MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Im Kindergarten geht es derweil fröhlich zu. Die Kinder begrüßen uns lautstark und setzen uns ihren gerade gebastelten Katzenohren-Kopfschmuck auf. Auch probieren sie ihr erstes Englisch an uns aus. Denn im Dienstleistungsland Libanon werden, anders als in Syrien, Fremdsprachen schon ab dem Kindergartenalter gelehrt. Auch das ist eine Hürde für die syrischen Kinder, die sie aber gerade spielerisch überspringen .

Doch mit leerem Magen lernt es sich schlecht. Die Kinder bekommen deshalb morgens in der Schule ein Butterbrot. Für die ärmsten Flüchtlingsfamilien stellt JRS auch Lebensmittelpakete zusammen.

Ein Paket kostet 35 EUR und hilft einer sechsköpfigen Familie, über die Runden zu kommen.

Ein Lebensmittelpaket kostet 35 EUR und hilft einer sechsköpfigen Familie, über die Runden zu kommen.

Wir stehen im JRS Lagerraum: Hier gibt es kleine Säckchen mit Reis, getrocknete Bohnen und Linsen als Eiweißquelle, Nudeln, getrockneten Weizenschrot ( Bulgur), Pflanzenöl, Tomatensoße , Zucker, etc.  Ein Paket kostet 35 EUR und hilft einer sechsköpfigen Familie, über die Runden zu kommen. „Wir haben auch Decken und Matratzen“, sagt Jadd Jabbour, „denn täglich kommen neue Flüchtlinge und, jetzt im Winter, wird es nachts oft richtig kalt“.

 


Lesen Sie mehr…

in Teil I: Verfolgt und gefoltert: Aus dem Flüchtlingslager Domiz im Nordirak

Teil II: Im Flüchtlingslager Domiz im Nordirak: Schicksale verbinden

Teil III: “Wir müssen helfen, wo wir können – unabhängig davon, um wen es sich handelt, offen für alle in Not” – Hilfe für Binnenflüchtlinge in Syrien

Teil IV: Tolerant und sicher: Die Stadt Erbil in der Autonomen Region Kurdistan

Teil V: Die Angst bleibt – mit Sicherheit | Zu Besuch im Karagheuzian-Center in Beirut

Teil VI: Deir El Ahmar – Ein kleines Dorf mit einem großen Herz für Flüchtlinge aus Syrien

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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