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Leben hinter Gittern – Besuch im Immigration-Gefängnis Bangkok

Es ist 8 Uhr morgens in einem der belebtesten Viertel Bangkoks. Viele Westler und Touristen leben hier. Sitzen in Cafés, relaxen am Pool eines fünf-Sterne Hotels oder trinken Cocktails in der hoteleigenen Skybar. Was viele allerdings nicht wissen, ist, dass gleich in ihrer Nachbarschaft hunderte von Menschen auf engstem Raum eingesperrt sind. Heute Morgen besuche ich das Immigration-Gefängnis von Bangkok. Hier werden Menschen eingesperrt, die sich ohne gültiges Visum in Bangkok aufhalten und von der Polizei aufgegriffen wurden.

IMG_2405Ich habe ein mulmiges Gefühl. Ich bin das erste Mal in einem Gefängnis. Ich möchte einen Freund besuchen, der seit mehreren Wochen eingesperrt ist. Unruhig trete ich von einem Bein auf das andere, während ich langsam in der Schlange vorwärts rücke. Nach gefühlten 2 Stunden bin ich endlich am Schalter und bekomme ein Formular ausgehändigt: Name, Adresse, Telefonnummer, Beruf, Name der Person, die man besuchen möchte und deren Gefangenennummer, Pass- und Visakopie und eine Bestätigung, dass ich keine verbotenen Gegenstände mit mir führe.

Dann heißt es warten!

Plötzlich geht ein ohrenbetäubender Alarm los, der meinen Puls zum rasen bringt. Alle schauen sich etwas verängstigt um. Es hat nur jemand die Sicherheitstür nicht richtig zugemacht.

Weiter warten!

Die Stimmung um mich herum ist bedrückend … etwa 40 andere Besucher warten mit mir. Dennoch ist es sehr still. Ein paar NGO-Leute, ein paar Thais, Inder, Pakistanis und eine Frau aus dem Kongo mit zwei Kindern. Ihr Mann ist schon seit 3 Jahren eingesperrt..

Um halb 11 geht endlich die Sicherheitstür auf und wir gehen in einen „Zwischenraum“. Es ist eng und hektisch, da alle versuchen, ein Schließfach für ihre Wertsachen zu ergattern. Dann geht es durch eine Sicherheitsschleuse und Polizisten durchsuchen die mitgebrachten Gegenstände für die Gefangenen. Ich habe Brot, 2 Decken (morgens ist es gerade ziemlich kalt), ein paar Süßigkeiten, Kaffee, frisches Obst und Gemüse, Shampoo und Seife dabei. Den Kaffee darf ich leider nicht mitnehmen. Den Rest zum Glück schon.

Der „Besuchsraum“ ist dann doch anders, als erwartet: Es ist ein Innenhof, in dem 2 Rollgitter aufgestellt sind. Etwa 10 Meter lang. Zwischen den Rollgittern ist etwa ein Meter Platz und dazwischen stehen alle paar Meter Polizisten. Auf der einen Seite stehen die Gefangenen. Alle in neon-orangenen T-Shirts, auf denen in dicker Schrift der Name des Gefängnisses und dessen Telefonnummer steht. Hinten und vorne!! Wohl für den Fall, dass es jemandem gelingen sollte, auszubüxen…. Mir kommen die Tränen als ich das sehe!

Erschwerte Kommunikation

Langsam gehe ich zur Besucherseite des Gitters und halte Ausschau nach meinem Freund. Was gar nicht so einfach ist, da auf jeder Seite etwa 40 Leute stehen und die Gefangenen alle gleich angezogen sind. Nach einer Weile finde ich ihn, winke ihm zu und wir ergattern ein paar Zentimeter freies Gitter, über das wir kommunizieren können.

Ein ernsthaftes Gespräch ist bei dem Lärm um uns herum unmöglich und Privatsphäre gibt es nicht. Die Polizisten patroullieren ständig zwischen den Gittern um sicherzustellen, dass keine Handys, Drogen etc. ihren Besitzer wechseln.  Ich freue mich trotzdem riesig meinen Freund zu sehen und merke wie es ihn freut, dem Zellenalltag und der Langeweile für eine Stunde zu entkommen. Ich erzähle im viel von draußen, von den Protesten, meiner Arbeit, und überreiche ihm Briefe von seinen Freunden. Er erzählt mir von seinem Alltag und hat sogar einen Plan seiner Zelle für mich gezeichnet, „damit ich mir ein Bild machen kann.“

Plötzlich wieder dieser ohrenbetäubende Alarm und Polizisten fordern uns auf zu gehen. Die Stunde Besuchszeit ist schon vorbei. Viel zu schnell… Wir verabschieden uns und ich verspreche, nächste Woche wieder zu kommen! Er winkt mir zum Abschied zu, mit einem Lächeln im Gesicht! Ich winke zurück mit der Liste der Dinge, die ich nächste Woche für ihn mitbringen werde.

Verzweiflung, Angst, Wut und Ohnmacht

Als die Sicherheitstür hinter mir zufällt, wird mir schwindelig und ich muss mich setzen. Zu viele verschiedene Gefühle in den letzten zwei Stunden. Unser Gespräch geht mir durch den Kopf: 170 Menschen in einem Raum, manche müssen im sitzen schlafen, weil es nicht für alle einen Platz gibt. Kleine Kinder sind in den Zellen ebenso wie alte Menschen. Manche von ihnen schon mehrere Jahre. Am Schlimmsten sind das Warten und die Ungewissheit. Mein Freund sagt: „Irgendwann resigniert man einfach, weil man selbst keinen Einfluss mehr auf sein Leben hat.“ Das eigene Leben liegt nicht mehr in der eigenen Hand. Es wird von anderen Menschen gesteuert und ist kein wirkliches Leben mehr. Und alles nur, weil ein blödes kleines Papier mit einem Stempel fehlt…

Zwei Polizisten neben mir fangen an, sich Witze zu erzählen, lachen und spielen mit ihren Handschellen herum. Mir wird schlecht und ich beeile mich wegzukommen. Wie kann man an solch einem Ort freiwillig arbeiten???

Autor:

Mein Name ist Sarah, ich bin 23 und studiere in Freiburg im Breisgau Soziologie und Französisch. Mitte August gehe ich mit MISEREOR für 10 Monate nach Thailand. Dort werde ich bei dem MISEREOR-Partner COERR in Bangkok und Nord-Thailand mit Flüchtlingen arbeiten.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sarah,

    als ich deinen Beitrag las, musste ich daran denken, dass es immer wieder Menschen gibt, die meinen, dass die Freiwilligen im Dienst vor allem Party machen, sich die Gegend ansehen und den einheimischen Partnern im Weg rum stehen. Tja, du warst heute in einem Gefängnis zu Besuch. Eine Erfahrung, die sicherlich nicht viele mit dir teilen können. Und wahrscheinlich auch nicht möchten, wenn ich so lese, wie es dort zugeht und was es für Gefühle auslöst. Und dann auch noch einen Menschen besuchen, den man kennt und gerne hat. Das ist bestimmt besonders schwer und die Ungerechtigtkeit der Lage geht einen noch viel näher. Ich wünsche dir Kraft für die nächsten Besuche!

    LG, Uta

  2. Liebe Sarah,

    dieses beklemmende Gefühl, Sorge und Angst gemischt mit dem Gefühl der absoluten Machtlosigkeit, das kann man selbst in deinem Bericht hier sehr gut wiederfinden. Und doch, so sehr man versucht sich in die Situation hineinzuversetzen, sie versucht irgendwie zu greifen, so bleibt es für uns doch so fern. Jedesmal wenn ich an die IDCs zurückdenke, werde ich echt traurig. Denn ich weiß, dass dort nicht immer Schwerverbrecher, sondern vor allem Menschen drin sitzen, die nichts anderes gemacht haben, als auf der Suche nach Zuflucht und Frieden zu sein. Und auch wenn du dir in diesen Situationen vielleicht etwas hilflos vorkommst, so ist es sooo wichtig, was du machst, dass du da bist, dass du zuhörst, dass du ihnen zeigst, dass sich Menschen außerhalb dieser bewachten Wände weiterhin für sie interessieren, sich für sie einsetzen, sie nicht vergessen. Das macht Hoffnung!
    Danke für deinen Bericht, ich bin in Gedanken in TH, ganz liebe Grüße an D,, S. und den Rest!

  3. Angesichts solcher Zustände macht es einen wütend, wenn in Deutschland immer noch über die Aufnahme von Flüchtlingen geschachert wird und Zielländer wie Thailand damit alleine gelassen werden.
    Und es ist auch unglaublich, dass die Flüchtlinge wie Kriminelle behandelt werden. Niemand verlässt schließlich nur aus Jux und Tollerei seine Heimat…

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