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Ruanda: „Wir sind dazu bestimmt, Freunde zu sein“

3.400 Studierende lernen am „Institut d’Enseignement Supérieure“ (INES) in Ruhengeri im Nordwesten Ruandas. 54 Prozent davon sind Frauen. Fabien Hagenimana, stellvertretender Rektor und Dozent für Philosophie, spricht 20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda über das Zeichen der Versöhnung, das die Diözese Ruhengeri mit der Fachhochschule setzt.

Wie präsent sind die Erinnerungen an den Genozid 20 Jahre nach dem Ereignis?

Fabien Hagenimana

Fabien Hagenimana

Fabien Hagenimana: Es gibt immer noch offene Wunden, auch wenn von Seiten der Regierung, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen viele Anstrengungen unternommen werden, diese zu heilen. Wer das miterlebt hat, kann nicht vergessen. Viele sind traumatisiert. Es gibt Menschen, die ihre ganze Familie verloren haben. Man kann versuchen, sie zu unterstützen, aber man kann ihnen nicht Mutter und Vater zurückgeben.

Die ersten Gespräche zum Bau der Universität fanden im Jahr 2000 statt, nachdem die letzten Rebellengruppen aus dem Norden Ruandas vertrieben worden waren. 2003 wurde INES  dann eröffnet. Wieso hat die Diözese eine Fachhochschule gegründet?

Fabien Hagenimana:  Mit INES wollten wir ein Zeichen der Hoffnung setzen, damit die Menschen wieder an eine Zukunft glauben. Was in Ruanda passiert ist, war weder ein Erdbeben, noch eine Flut. Es war eine menschengemachte Katastrophe. Universitäten bringen Menschen aus verschiedenen Regionen und mit verschiedenen persönlichen Hintergründen zusammen. Wir haben ein breites Spektrum an Studiengängen – von Wirtschaft über Management, Sozialwissenschaften, Recht, Sprachen und Mikrofinanz bis zu Naturwissenschaften. Damit jeder etwas für sich findet und sich keiner ausgeschlossen fühlt. Selbst am Wochenende gibt es bei uns Programm und Studierenden-Clubs – auch zum Thema Versöhnung.

Bei Ihnen belegt jeder Studierende vor dem eigentlichen Studium Kurse in Philosophie, Sprachen und Informatik. Sie selbst unterrichten Philosophie. Was ist die Idee dahinter?

Fabien Hagenimana:  Im Studium sollen die jungen Menschen nicht nur technisches Wissen erlangen. Es soll sie auch auf eine Zukunft als Führungspersönlichkeit vorbereiten. In der afrikanischen Tradition sind es bisher die Älteren gewesen, die um Rat gefragt wurden. Das hat sich gewandelt. Wenn es ein Problem gibt, werden heute zunehmend junge Leute gefragt. Wenn diese aber nicht die richtigen Werte haben, kann das viel Schaden anrichten. Ethik ist nicht nur etwas, das man lernt. Es ist etwas, das man lebt.

Was lernen die Studierenden in Ihren Philosophiekursen?

Fabien Hagenimana:  Ich gebe eine Einführung in philosophische Ethik und versuche, die Bedeutung von rationalen, menschlichen Handlungen zu erklären. Ein Hund kennt die Folgen seines Handelns nicht, aber ein Mensch muss wissen, warum er etwas tut. Man muss die Normen menschlicher Handlungen verstehen lernen. Deshalb unterrichten wir Umweltethik, Wirtschaftsethik, Medienethik; es gibt Kurse zu sozialer, sexueller und politischer Ethik. Auch der Genozid ist dabei Thema.

Was ist bei all diesen Themen Ihr wichtigstes Ziel?

Fabien Hagenimana:  Wir wollen den jungen Menschen kritisches Denken vermitteln. Was Ruanda zerstört hat, war die Tatsache, dass es genau daran gefehlt hat. Viele haben das getan, was Politiker von ihnen verlangt haben, als könnten sie selbst nicht denken. Bis zu dem Punkt, an dem sie forderten, ihre Frauen und Kinder umzubringen.

Ich habe in meiner Doktorarbeit zu Beziehungen geforscht, ausgehend von Thomas Hobbes‘ Leviathan und seiner Vorstellung, dass der Mensch des Menschen Wolf sei. Auch Jean-Paul Sartre schrieb „Die Hölle, das sind die anderen“. Ich habe diesem Ansatz widersprochen und untersucht, was die Menschen zusammenbringt. Wie Thomas von Aquin sagte: Wir sind von Natur aus dazu bestimmt, Freunde zu sein. Wir brauchen einander. Wenn sich Menschen gegenseitig zerstören, ist das ein Zeichen von Angst, mangelndem Vertrauen und Entmenschlichung.

Mit INES und den Bildungseinrichtungen der Diözese – vom Kindergarten über Grund- und weiterführenden Schulen bis zu Ausbildungszentren – wollen wir einen Beitrag dazu leisten, eine Gesellschaft aufzubauen, die sich ihrer Vergangenheit bewusst ist und die aus dieser Vergangenheit  heraus sagt: Niemals wieder! Dafür brauchen wir Unterstützung.


Mehr Informationen…

…zu Fabien Hagenimana

Fabien Hagenimana ist seit 2008 Vize-Rektor und Dozent für Philosophie an der Fachhochschule INES im ruandischen Ruhengeri  und arbeitet zudem als katholischer Geistlicher in der dortigen Diözese. Im Jahr 2008  hat er sein Studium der Philosophie mit einer Promotion an der Pontificia Universita della Santa Croce in Rom abgeschlossen. Von 2004 bis 2008 war er zudem Pfarrer bei  der Italienischen Katholischen Mission in Solingen und Remscheid. Zuvor stand er verschiedenen Gemeinden in Ruanda und Sambia als Pfarrer vor.

…zu INES

MISEREOR engagiert sich seit 55 Jahren in Ruanda. Aktuell unterstützt das Hilfswerk 27 Projekte – darunter die Fachhochschule INES in Ruhengeri, die in der Lehre den Schwerpunkt auf Naturwissenschaften legt. Im Jahr 2000 begannen die Planungen für die erste Fachhochschule in der Region als eine Antwort auf den Genozid von 1994. INES soll einen Beitrag leisten zu Hoffnung, Versöhnung sowie nachhaltiger Entwicklung.


Autor:

Petra Kilian arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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