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Wenn man den Boden unter den Füßen verliert

Ich erzähle euch eine Geschichte: Es war einmal ein Dorf am Rande von Phnom Penh. Da lebten arme Leute, die ihr Geld damit verdienten, verschiedene Dinge in Phnom Penh zu verkaufen. Eines Abends gab es ein mysteriöses Feuer. Von drei Stellen aus brannte das Dorf vollkommen aus. Die Leute hatten keine Hütten mehr. Gott sei Dank kümmerte sich die Regierung sofort darum, dass die Leute von dieser Stelle weg kamen und neues Land (viel weiter draußen von Phnom Penh) bekamen. Zufällig waren dort auch schon Pfeiler gesetzt, wo die einzelnen Häuser gebaut werden sollten. Sehr mysteriös!“

Dauerhafte Notunterkünfte

Dauerhafte Notunterkünfte

Wie ein Erzähl-Opa sitzt uns Father Bob von unserer Aufnahmeorganisation Maryknoll gegenüber. Er versucht uns zu erklären, wie die Menschen in diese gottverlassene Gegend gekommen sind, in der er arbeitet. Er versucht ihnen eine Perspektive zu bieten.

 

Phnom Penh verändert sich rasend schnell. Selbst wenn ich in meinem Freiwilligendienst nur für zwei Wochen weg war, hatte ich den Eindruck, dass sich schon wieder unheimlich viel verändert hat, wenn ich wieder da war.
Dieses Jahr wird eine neue riesige Shopping-Mall eröffnet und in der Nähe des Olympic Stadiums wird an einer Großbaustelle eine Shopping-Meile mit einer Nachbildung vom Pariser Triumphbogen angepriesen.

!Was ist denn das größte Problem, was die Leute in dieser Region haben?“, frage ich unseren Ansprechpartner Father Kevin während eines Ausflugs in die Provinz Mondulkiri im Norden. „Landraub!“ kommt prompt als Antwort. Nicht nur in Phnom Penh, überall in Kambodscha leiden Menschen darunter, dass ihnen der Grund und Boden unter den Füßen weggezogen wird. Es macht mich wütend, dass in einem ohnehin schon von unzähligen NGOs besetztem Land noch Probleme geschaffen werden, wo eigentlich keine sind.

Wie lange wird es noch so schön grün sein?

Wie lange wird es noch so schön grün sein?

Als ich das letzte Mal hier war, war alles viel grüner! Es gab viel mehr Bäume und nicht diese vielen gerodeten Stellen.“, erzählt mir eine Seedlings-Mitarbeiterin in der Provinz Preah Vihear. Eine Million Dollar müsse ein Unternehmer jährlich an die Familie des Premierministers abführen, um in dieser Region Bäume fällen zu dürfen. Viele Bäume, dessen Holz in die angrenzenden Länder verkauft wird. Irgendwie muss ja schließlich Geld rein kommen, um unterm Strich Profit zu machen.
Gesicherte Daten und Geschichten sind es nicht, die einem die Kambodschaner da erzählen. Man merkt aber, dass sie mitdenken. Man nimmt wahr, dass sie spüren, dass etwas nicht stimmt und, dass sie wissen woran das liegt.

In 30 Tagen geht mein Flug zurück. So einfach wird es nicht sein, die neu gewonnene Heimat wieder zu besuchen. Schaffe ich es irgendwann mal wieder zu kommen? Und wenn ja, wie sieht Kambodscha dann aus? Wo werden die Armen leben und wo die Reichen? Wie hat sich Phnom Penh verändert? Ich hoffe nicht so, wie es sich derzeit abzeichnet…

Autor:

Ich heiße Nicole und habe 10 Monate in der Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh beim Projekt „Seedling of Hope“ meinen Freiwilligendienst absolviert. Das Jugendprogramm von Maryknoll arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die HIV-positiv sind oder deren Leben in anderer Weise von der Krankheit betroffen ist.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Informelles Wohnen und informelle Wirtschaft spielen vor allem in den asiatischen Großstädten eine große Rolle. Umso mehr Wirtschaft und das Potenzial für internationale Unternehmen, umso größer der soziale Machtkampf und gesellschaftliches Konflikte. Und dabei geht es leider noch nicht mal darum, dass es nicht genug Wohnungsraum in den Städten gibt. Es gibt keinen bezahlbaren. Flächen werden zurückgehalten um Preise in die Höhe zu treiben und für profitable Unternehmen bereit zu halten. Und es kommt zu den ‚Umsiedlungen‘ wie du sie beschreibst. Von einer informellen Siedlung in die andere, ohne Rechte bzw. kaum Chancen diese geltend zu machen. Ohne vernünftige Infrastruktur, zu weite Arbeitswege, schlechte/keine medizinische Versorgung etc.
    Kann dir hierfür diesen Text empfehlen, auch Phnom Penh ist hier ein Beispiel:

    Satterthwaite, David (2005). Understanding Asian Cities: A synthesis of the findings from the city case studies. Bangkok: Asian Coalition for Housing Rights

    Genieße die letzten Wochen in Phnom Penh,
    bis bald in Aachen,
    Katha

  2. Liebe Nicole,

    ich kann mich der Meinung von Sarah nur anschließen. Sehr vieles im Leben ist ungerecht. Aber was mich wirklich wütend macht, sind solche Vorgänge, wie von dir oben beschrieben. Wenn es nämlich diejenigen betrifft, die eh fast nichts haben. Und wenn sie vielleicht wenigstens eine Hütte haben oder eine Arbeit, dann wird ihnen das auch noch genommen. Denn wenn das neue Dorf jetzt so weit außerhalb ist, wie sollen diese Menschen dann zu ihrer Arbeit kommen? Es ist einfach wirklich schlimm, dass das den Entscheidungsträgern total egal ist. Die schauen nur auf Profit.
    Ich wünsche dir noch eine gute Zeit in deinen verbliebenen drei Wochen. Wir sehen uns in Aachen!
    Uta

  3. Das Leben und die Interessen einzelner Menschen wiegen häufig weniger als die Interessen von Konzernen oder einzelner, machthungriger Unternehmer, Generäle und Politikern. Das ist leider trauriger Alltag in Ländern wie Kambodscha, Thailand oder dem heutigen Myanmar. Aber auch bei uns in Deutschland und Europa wird das wirtschaftliche Interesse häufig über das des einzelnen Menschen gestellt. Aktuelles Beispiel ist das Freihandelsabkommen TTIP zwischen Deutschland und den USA, welches gerade verhandelt wird.
    Als Einzelner steht man solchen Situationen oft machtlos gegenüber. Und gerade im vergangen Jahr habe ich mich sehr oft entmutigt gefühlt und mich gefragt, ob man daran überhaupt irgendetwas ändern kann.
    Es wird immer Ungerechtigkeit in der Welt geben, ebenso wie Menschen, die auf Kosten anderer ihren Reichtum und ihre Macht ausweiten. Davon bin ich überzeugt. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass Veränderung in kleinen Schritten geht und jeder Einzelne von uns etwas tun kann – und vielleicht auch tun muss – um das Hier und Jetzt besser und ein bisschen gerechter zu machen!

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