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Ebola: „Auf Wunder können wir uns nicht verlassen“

Interview aus dem Straubinger Tagblatt vom 25.10.2014

Noch immer breitet sich die Ebola-Epidemie in Westafrika aus: Mehr als 8300 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert, etwa 4000 Menschen sind bereits daran gestorben. Am stärksten betroffen ist neben Guinea und Sierra Leone vor allem Liberia. Dr. Klemens Ochel, Tropenarzt am Missionsärztlichen Institut in Würzburg, ist für Misereor dorthin gereist, um den Bedarf an Infektionsschutzmaterialien wie Handschuhen, Gummistiefeln und Mundschutzen zu klären. Er begleitete Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen außerdem bei der Schulung des Personals und der Bevölkerung im Umgang mit Ebola. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse, die Ängste der Menschen und die Hilfe durch die internationale Gemeinschaft – die weiterhin dringend notwendig ist.

Bei der Einreise in andere DistrikteLiberias sind Händewaschen und Fiebermessen Pflicht. Fotos: Klemens Ochel.

Bei der Einreise in andere DistrikteLiberias sind Händewaschen und Fiebermessen Pflicht. Fotos: Klemens Ochel.

Wie haben Sie sich auf den Einsatz im Ebola-Gebiet vorbereitet? Hatten Sie Angst, sich anzustecken?

Angst im Sinne von Panik hatte ich nicht. Ich versuche immer, ganz ruhig und konzentriert zu arbeiten und das sogenannte „no touch“-Prinzip einzuhalten. Das heißt hinreichend Abstand zu Anderen zu halten, keine Hände zu schütteln und sie sich immer wieder gründlich zu waschen. Für mich persönlich war das kein besonderer Stress, das wäre für mich zum Beispiel vielmehr eine Kriegssituation, in der um einen herum Schüsse fallen. So eine Situation würde ich psychisch viel schlechter aushalten als meine Arbeit in Liberia. Auch wenn ich im Zentrum der Ebola-Epidemie gearbeitet habe, war es eher unwahrscheinlich, dass ich Kontakt zu Patienten habe. Es war auch klar, dass ich nicht behandeln werde und für meine Arbeit auch keine Behandlungszentren besuchen muss. Katastrophentourismus ist für mich definitiv nicht angebracht. Natürlich ist da trotzdem immer ein Kribbeln im Bauch.

Wie schätzen Sie persönlich die Lage momentan ein?

Klemens Ochel, Quelle: Missionsärztliches Institut Würzburg

Klemens Ochel ist für Misereor nach Liberia gereist. Quelle: Missionsärztliches Institut Würzburg

In Monrovia empfand ich die Lage nicht als chaotisch, aber als dramatisch. Die Zahl der Infizierten steigt weiter an, und immer mehr Menschen kommen in die Behandlungszentren. Am Horizont zeichnet sich jedoch einkleiner Silberstreif ab: Die internationale Hilfe kommt an, der Staat ist zunehmend besser organisiert in Bezug auf Richtlinien und auch die Verteilung der Materialien zum Infektionsschutz, so dass sich die Lager langsam füllen. Das macht den Leuten in Liberia Mut und Hoffnung. Noch ist das alles aber eine Mammutaufgabe. Ich habe ein Gesundheitszentrum in Westpoint gesehen, da konnte man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Unter was für Bedingungen dort seit Monaten gearbeitet wird! Für mich war es ein Wunder, dass Ebola dort nicht ausgebrochen ist, was wiederum zur Schließung der Klinik hätte führen müssen. Auf solche Wunder können wir uns aber weiterhin nicht verlassen – die Hilfe muss nun ganz schnell intensiviert werden.

Wie gehen die Menschen in Liberia mit Ebola um?

Sie sind sehr verunsichert und extrem traumatisiert. Da ist der plötzliche Tod in ihrer Nachbarschaft oder Familie und natürlich die Tatsache, dass man nie weiß, wer infiziert ist und wer nicht. Die Menschen, die den Virus überlebt haben, wollen in ihre Häuser zurück, doch sie werden ausgegrenzt und gemieden, aus Angst, sie könnten noch immer ansteckend sein. So werden die Menschen immer skeptischer im Umgang miteinander. Andererseits trägt die Aufklärungsarbeit über „no touch“ Früchte, die Liberianer wissen inzwischen: Damit kann ich sicher sein, so kann ich überleben. Ein sehr tragischer Fall aus Monrovia verlief so, dass ein amerikanischer Journalist einer schwangeren Frau, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, aus dem Taxi in ein Krankenhaus helfen wollte. Er war so überwältigt von dieser Situation. Die Frau war jedoch eine Ebola-Patientin. Das zeigt: Wir müssen einen Schalter im Kopf umlegen. So tragisch und schmerzhaft es sein kann, es gilt immer erst, sich selbst zu schützen. Andererseits ist da der normale Alltag, das Treiben auf dem Markt, Menschen, die zum Strand gehen. Wir sehen immer nur die dramatischen Bilder, aber das sind nicht die Bilder, die die vollständige Lebensrealität hier abbilden.

Kann denn durch eine aktive Fallsuche die Epidemie eingedämmt werden oder wird diese sich auch in weitere Nachbarländer ausbreiten?

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Viele Schulen in Liberia sind geschlossen, die Kinder müssen zu Hause bleiben. Ihnen beizubringen, ihre Spielpartner nicht mehr anzufassen, ist besonders schwierig.

Es gibt keine einzelnen Vorgehensweisen, die entscheidend sind für die Kontrolle und Eindämmung von Ebola – jede Maßnahme muss gut ausgeführt werden. Die aktive Fallsuche macht beispielweise nur dann Sinn, wenn die Ebola-Patienten, die ich ausfindig mache, auch direkt per Ambulanz in Behandlungseinrichtungen gebracht werden können. Es kann nicht sein, dass in Panik einfach Häuser niedergebrannt werden. Das muss alles sehr sensibel gehandhabt, die Menschen müssen informiert werden. Das gesamte Kontrollsystem muss funktionieren – von Krankenhäusern, Gesundheitszentren und Triage-Systemen, wo Verdachtsfälle direkt überprüft werden können. Das alles verläuft in Liberia aber erst sehr langsam. Die Epidemie wird noch in Monaten oder gar bis zu eineinhalb Jahren nicht für beendet erklärt werden können, es kann auch niemand garantieren, wie sie sich wo verbreitet. Und danach haben wir es mit den psychosozialen Folgen der Epidemie zu tun – die Leute sind traumatisiert, und das menschliche Zusammenleben funktioniert nicht mehr so wie noch vor der Epidemie. Auch dabei müssen wir dringend helfen.

Was können Hilfsorganisationen noch tun, um die Betroffenen zu unterstützen?

Klar ist: Die internationalen Akteure haben die Epidemie noch nicht im Griff. Was in der aktuellen Phase zwingend erforderlich ist, sind die Stärkung des Gesundheitssystems und der Aufbau der Kontrollmaßnahmen – in Wohnhäusern und Versorgungseinrichtungen. Wir in Deutschland sehen oft nur die Menschen in den gelben Anzügen, die Ebola-Patienten behandeln. Das ist jedoch nur ein Element einer ganzen Kette von Versorgung und Prävention, die funktionieren muss. Wenn das alles funktioniert, geht es darum, die wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Folgen der Epidemie zu bewältigen.

Gibt es ein Beispiel von Helfern oder Menschen in der Bevölkerung, welches sie während Ihres Einsatzes in Liberia besonders beeindruckt hat?

Unter den Opfern der Epidemie sind viele Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen, viele Krankenhäuser haben Personal durch Ebola verloren. Das geht einem als Arzt sehr nahe. Mich hat daher besonders die Geschichte eines Kinderarztes und eines Chirurgen des St. Joseph Krankenhauses in Monrovia berührt. Sowohl der Direktor, der Klinik-Kaplan als auch eine Krankenschwester der Klinik sind an Ebola gestorben, und auch die beiden genannten Personen hatten sich mit dem Virus infiziert – aber überlebt. Gerade sie sind die treibenden Kräfte, die das Krankenhaus jetzt so schnell wie möglich wieder öffnen wollen, um auch anderen zu helfen. Die Mitarbeiter der Gesundheitseinrichtungen, die ich in Liberia getroffen habe, waren außerdem bei der Aids-Aufklärung aktiv, sie haben sofort ihre Unterstützung zugesagt, sie wollen für ihre Landsleute da sein. Die Regierung hat ihre Aufklärungsteams hingegen abgezogen.


 Misereors Engagement im Kampf gegen Ebola:

Ein Teil der bereits zur Verfügung gestellten Soforthilfe in Höhe von 400.000 Euro wurde für die Bereitstellung von 130 Sets für den Infektionsschutz in liberianischen Gesundheitseinrichtungen eingesetzt. Damit aber die Gesundheitseinrichtungen in Liberia, insbesondere  auf dem Land, weiter funktionieren können, sind weitere Materialien, Medikamente und vor allem eine professionelle Begleitung des Gesundheitspersonals nötig. Für die Koordination dieser Maßnahmen steht das „Mother Patern College of Health Sciences“ in Monrovia, das in den Jahren nach dem Bürgerkrieg in Liberia eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau von Gesundheitseinrichtungen gespielt hat, als langjähriger Partner von MISEREOR bereit. Zudem sind sowohl in Liberia als auch in benachbarten Ländern weitere Aufklärungsmaßnahmen für die Bevölkerung geplant.

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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